07.03.12

19,5 Milliarden Euro Reserve

Krankenkassen haben so viel Geld wie nie

Noch nie hatten die deutschen Krankenkassen derart viel Geld in Reserve wie jetzt: 19,5 Milliarden Euro sind es laut Gesundheitsministerium. Die Kassen sollen Geld an die Versicherten zurückzahlen, verlangt Gesundheitsminister Bahr - doch die wollen nichts abgeben.

Foto: dpa/DPA
Die Geldreserven der deutschen Krankenkassen sind so hoch wie nie zuvor: 19,5 Milliarden Euro
Die Geldreserven der deutschen Krankenkassen sind so hoch wie nie zuvor: 19,5 Milliarden Euro

Die gesetzliche Krankenversicherung hat historisch wohl einmalige Finanzreserven von 19,5 Milliarden Euro angesammelt. Das geht aus den vorläufigen Ergebnissen für das vergangene Jahr hervor, die das Bundesgesundheitsministerium am Mittwoch veröffentlichte . Allein die gesetzlichen Krankenkassen erzielten 2011 einen Überschuss von rund vier Milliarden Euro. Das ist deutlich mehr als bei den bisher letzten Angaben vom Dezember angenommen.

Die Gesamtreserven sind verteilt auf die einzelnen Kassen und den Gesundheitsfonds, über den die Beitrags- und Steuermilliarden gesammelt und verteilt werden. Das Finanzpolster bei den Kassen gibt das Ministerium mit rund 10 Milliarden Euro Ende 2011 an. Der Fonds habe eine Liquiditätsreserve von rund 9,5 Milliarden Euro – macht zusammen 19,5 Milliarden Euro.

"Prämienpotenziale an Mitglieder weitergeben"

Das Geld ist dabei nicht einfach "übrig". Vielmehr dient es dazu, Risiken abzusichern – also: Zahlungen für Behandlungen von Versicherten, deren Höhe variieren kann, die aber dennoch geleistet werden müssen. Inzwischen allerdings hat sich derart viel Geld angesammelt, dass laut Gesundheitsministerium etliche Kassen über Mittel verfügen, die in dieser Höhe nicht zur Absicherung gegen Risiken gebraucht würden.

"Diese Krankenkassen sind gefordert, intensiv zu prüfen, ob vorhandene Prämienpotenziale an ihre Mitglieder weiterzugeben sind", mahnt das Ressort von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP). Auch der Teil, der verfügbar sei, sei angesichts konjunktureller Risiken ein sinnvoller Puffer. Es handelt sich um 4,4 Milliarden Euro aus dem Fonds, die nicht unter anderem als Pflichtreserve gebunden sind.

Der Gesundheitsfonds dient der Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Er speist sich aus einem einheitlichen Beitrag von Arbeitgebern und Arbeitnehmern sowie einem Zuschuss des Bundes. Der Beitragssatz liegt derzeit bei 15,5 Prozent, von dem 8,2 Prozent der Arbeitnehmer trägt.

Kassen verbitten sich Minister-Aufforderung

Wie viel Geld eine Kasse aus dem Fonds bekommt, hängt von ihrer Versichertenstruktur ab. Pro Kopf der Beitragszahler erhalten die Kassen eine Grundpauschale, die unabhängig vom Einkommen der Mitglieder ist. Je nach Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand der Versicherten wird Geld dazugerechnet oder abgezogen.

Der Gesundheitsfonds wurde Anfang 2009 von der Großen Koalition eingeführt. Vorher hatten die Kassen unterschiedliche Beiträge von ihren Versicherten erhoben.

Kommt eine Versicherung mit dem zugewiesenen Geld nicht aus, muss sie einen Zusatzbeitrag erheben. Die Versicherten können der Zahlung jedoch durch ein Sonderkündigungsrecht entgehen und zu einer anderen Kasse wechseln. Krankenkassen, die einen Überschuss erwirtschaften, haben die Möglichkeit, ihren Versicherten auch Beiträge zurückerstatten – sogenannte Prämien.

Bei den Krankenkassen stößt Bahrs Aufforderung nicht auf Gegenliebe. Der GKV-Spitzenverband verbittet sich Ermahnungen aus der Politik zum Thema Prämien und betont die Autonomie der Kassen. Der Vorsitzende des AOK-Bundesverbands , Jürgen Graalmann, warnt vor "Prämienjojo". Unisono heißt es, die Kassen müssten die in guten Zeiten angesparten Rücklagen für wirtschaftlich schwerere Zeiten aufbewahren.

Arbeitnehmer und Arbeitgeber wollen Beitragssenkung

Das Finanzministerium wiederum sieht angesichts der großen Reserven die Möglichkeit, die Kassenmilliarden für die Konsolidierung des Bundeshaushalts zu nutzen. Der Fiskus pumpt jährlich 14 Milliarden Euro in den Gesundheitsfonds, aus dem die Kassen finanziert werden. Das Ministerium erwägt dem Vernehmen nach nun eine einmalige Kürzung dieses Betrages um insgesamt zwei Milliarden Euro. Andere Quellen berichten gar von einer Senkung um bis zu vier Milliarden Euro. Allerdings betont Bahr, dass bei derartigen Forderungen mit seinem Widerstand zu rechnen sei.

Jeder Arbeitnehmer finanziert seine Versicherung mit 8,2 Prozent seines Einkommens. 0,9 Prozentpunkte davon sind eine Extra-Belastung. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert jetzt diese Sonderbelastung zu streichen und so auf den gleichen Beitragssatz zu kommen, den auch die Arbeitgeber in die Krankenversicherung zahlen. Umgekehrt dringen auch die Arbeitgeber auf eine Beitragssatzsenkung. Der allgemeine Beitragssatz, den Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen zahlen, sei mit 15,5 Prozent zu hoch angesetzt, kritisiert Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Unterstützung bekommen die Arbeitgeber aus der Union. Fraktionsvize Michael Fuchs (CDU) sieht die Überschüsse in den Händen der Beitragszahler besser aufgehoben als in den Händen der Krankenkassen.

Die niedergelassenen Ärzte sehen das Finanzpolster der Krankenversicherung dagegen als Anlass, ein Ende der Praxisgebühr zu fordern. "Die zehn Euro haben als Steuerungsinstrument auf ganzer Linie versagt und dienen einzig den Kassen als verkappte Zusatzfinanzierung", kritisiert der Vorsitzende des NAV-Virchow-Bundes , Dirk Heinrich.

Die Kliniken wollen unterdessen die ihnen auferlegten Sparrunden angesichts der Überschüsse bei den Kassen nicht länger mittragen. Die Krankenhäuser hätten mehr als eine Milliarde Euro abgezogen bekommen, um das Finanzpolster der GKV mitzufinanzieren, erklärt der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) , Alfred Dänzer, und zweifelt unverzüglich die Verfassungsmäßigkeit des Kürzungsgesetzes aus dem Jahr 2009 an.

Quelle: dapd/dpa/dino
© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Bei den Lohnverhandlungen gab es eine Einigung bei den BVG
12:58Lohnverhandlungen
BVG zahlt höhere Löhne - Streikgefahr abgewendet

In den festgefahrenen Tarifverhandlungen bei den Berliner Verkehrsbetrieben gab es einen Kompromiss. Die Löhne sollen in drei Schritten bis 2015 erhöht werden. mehr...


An der Fleischtheke eines Supermarktes starb der 82 Jahre alte Marcel M.
14:55Mord an Fleischtheke
Mutmaßlicher Messerstecher – Hausmeister fühlte sich bedroht

Marcel M. starb mit 82 Jahren, nachdem er an der Fleischtheke niedergestochen wurde. Den mutmaßlichen Täter kennen die meisten Nachbarn nicht, ein Hausmeister erinnert sich aber an eine Begegnung. mehr...


Rocket-Internet-Geschäftsführer Alexander Kudlich in der Firmenzentrale in Mitte
13:32Rocket Internet
100 Millionen Dollar für Expansion von Zalando-Klon Zalora

Der von Rocket Internet nach dem Zalando-Vorbild in Südostasien gegründete Modeversender Zalora geht auf Expansionskurs. Finanziert von Kinnevik, Summit Partners und Tengelmann. mehr...


Maskierte Polizisten durchsuchen wegen des Verdachts der Bildung einer linksextremistischen Vereinigung ein Haus in Magdeburg
13:28Kriminalität
Hausdurchsuchungen bei mutmaßlichen Linksextremisten

In Berlin und Magdeburg hat die Polizei Objekte von mutmaßlichen Linksextremisten durchsucht. Dabei soll es sich um eine Gruppe handeln, die mehrere Sprengstoffanschläge in Berlin verübt. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Oklahoma Wiedersehen nach dem schweren Tornado
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
US-Kongress Apple verteidigt Steuersparmodell
Xbox One Microsoft stellt neue Spielkonsole vor
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. WirtschaftEU-EnergiepolitikEnergie-Bosse warnen Europa vor dem Strom-Kollaps
  2. 2. KommentareWahlliste im IranGlühende Nationalisten werden Mullahs gefährlich
  3. 3. DeutschlandArbeitsmarktVon der Leyen verrät das deutsche Erfolgsgeheimnis
  4. 4. WirtschaftGesellschaftDer absurde Kampf um den Milieuschutz in Berlin
  5. 5. DeutschlandPartei im ZwielichtDie Grünen waren ein „Honigtopf“ für Päderasten
 
tb_airberlin.gif
airberlin - Destination…

airberlin baut die Verbindungen nach Polen aus. Erfahren…mehr

tb_Erste-Adressen.jpg
Berlins Erste Adressen

Eine Initiative der Berliner Kaufleute und der Berliner…mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote