Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
11.02.12

Hartz IV

Berliner Joboffensive könnte zum Vorbild werden

In der Hauptstadt bezieht fast jeder Sechste Hartz IV. Die Jobcenter bringen Zehntausende von ihnen wieder in feste Arbeit. Das Berliner Experiment könnte zu einem Modell für Deutschland werden.

© dpa/DPA
Kommunale Arbeitsämter weniger erfolgreich bei Job-Vermittlung
Ein Berliner Experiment macht Schule

Vor einem guten Jahr war der Unternehmer Thomas Brehm so weit, seine Verbindung zur Bundesagentur für Arbeit zu kappen. Brehm führt in Pankow, Ortsteil Wilhelmsruh, die Softwarefirma Cedavis. Wenn Brehm eine Stelle zu besetzen hatte, klickte er sich durch das Arbeitgeberportal der Bundesagentur. Trug ein, was er von Mitarbeitern erwartet und was er zahlt. "Bewerbungen kamen stapelweise, anfangen konnte ich mit den meisten nichts", sagt Brehm. Sein Fazit: Die Bundesagentur ist kaum zu gebrauchen, wenn man jemanden einstellen will.

Für die arbeitslose Groß- und Außenhandelskauffrau Nancy Lübbert waren Jobcenter-Besuche ein Ärgernis. Lübbert, 28 Jahre alt, wollte eine richtige Stelle, keine, bei der man aufstocken muss. Angeboten bekam sie Callcenter-Jobs im Schichtbetrieb oder Beschäftigung auf 400-Euro-Basis. "Das kam für mich nicht infrage", sagt Lübbert. Schichtdienste sind schwierig für eine alleinerziehende Mutter. Sie fühlte sich nicht ernst genommen in ihrem Bemühen um eine passende Stelle.

Dass Nancy Lübbert seit November einen Job als Assistentin in Thomas Brehms Firma hat und beide das Wirken der Bundesagentur für Arbeit in milderem Licht sehen, ist einem Berliner Experiment zu verdanken. Es wird von Arbeitsmarktexperten bundesweit aufmerksam betrachtet. Es passt zur Umwälzung der Arbeitsmarktpolitik, die derzeit in Deutschland stattfindet und die vor allem die rund zwei Millionen Hartz-IV-Empfänger ohne Job im Visier hat. Weg vom Verwalten der Arbeitslosen in fragwürdigen Qualifizierungskursen und öffentlicher Beschäftigung, ran an den ersten Arbeitsmarkt. Gemacht werden soll, was Firmen verlangen. Das Kurs- und Qualifizierungsangebot der freien Träger wird auf den Prüfstand gestellt. Unter dem Strich fast eine neue Hartz-Reform. Das Experiment in der Hauptstadt, die Joboffensive, steht beispielhaft für diese Neuausrichtung.

28.000 neue Jobs in sieben Monaten

Kein Ort der Republik eignet sich besser dafür als Berlin, wo fast jeder sechste Einwohner Hartz-Leistungen bezieht. Dabei ist das Rezept denkbar simpel. Mehr Vermittler kümmern sich um weniger arbeitslose Kunden mit Hartz-IV-Bezug. Die zwölf Jobcenter der Hauptstadt wählen unter den gut 190.000 arbeitslosen Hartz-IV-Empfängern jene aus, die eine Berufsausbildung haben und nicht durch Krankheit, Sucht oder Sonstiges geschwächt sind. "Marktnah" heißt das im Jargon der Bundesagentur. 65.000 Hartz-IV-Bezieher in Berlin gelten als marktnah. Ein Vermittler betreut höchstens 100 Arbeitslose. 650 Jobcenter-Mitarbeiter sind es insgesamt, 300 wurden extra dafür eingestellt. Der Erfolg stellte sich schnell ein. Im Juni 2011 startete das Projekt, bislang wurden, wie berichtet, knapp 28.000 Hartz-IV-Bezieher in reguläre, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung vermittelt. Nancy Lübbert ist eine von ihnen.

Die Berliner Joboffensive könnte Vorbild für Hartz-IV-Bezieher in ganz Deutschland werden. In der BA in Nürnberg wollen sie noch abwarten, wie stabil die neuen Arbeitsverhältnisse der ehemaligen Hartz-IV-Empfänger sind, wie BA-Vorstand Heinrich Alt ausführt. "Wir sehen ja zunächst einmal die kurzfristigen Erfolge", sagt Alt. Aber er sei optimistisch. "Es gibt bereits Interesse weiterer Jobcenter, das Modell zu übernehmen." Alt ist in der Chefetage der BA für die Sorgenkinder des deutschen Arbeitsmarktes zuständig, für die Empfänger der Grundsicherung – eine Art Chef der 6,1 Millionen Hartz-IV-Empfänger in Deutschland. Fast jeder zehnte von ihnen wohnt in Berlin. Diese rund 600.000 Leistungsempfänger leben in mehr als 300.000 Bedarfsgemeinschaften. Kinder zählen dazu und Geringverdiener, die ihr Gehalt vom Jobcenter aufstocken lassen. Es sind Menschen darunter, die lange krank waren oder seit Jahren keinen Job mehr hatten.

Diese Gruppe, die arbeitslosen Hartz-IV-Empfänger, sind die härteste Gruppe des Berliner Arbeitsmarktes. 226.000 Bewohner der Hauptstadt waren im Januar arbeitslos gemeldet – mehr als drei Viertel aller Berliner ohne Job bezogen Grundsicherung. Berlin hat in hohem Maße eine verfestigte Arbeitslosigkeit – und daran hat sich, trotz üppiger Ausgaben für Arbeitsmarktpolitik in der Stadt, trotz Gründerzuschüssen, Ein-Euro-Jobs, diverser Qualifizierungen und öffentlichen Beschäftigungssektors, seit Jahren nichts geändert. Die Berliner Joboffensive wurde auch deswegen in Nürnberg erdacht, weil man so unzufrieden mit Berlin war. Denn gleichzeitig steigt auch in der Hauptstadt seit Jahren die Zahl der offenen Stellen.

Hartz-IV-Empfänger sollen über die Mitarbeiter in den Jobcentern grundsätzlich schneller und direkter mit dem ersten Arbeitsmarkt Bekanntschaft machen. Die Wirtschaft suche händeringend Fachkräfte, sagt Alt. "Solange es diese Nachfrage gibt, werden wir unsere ganze Energie auf die Vermittlung in Arbeit und nicht auf einen Ersatzarbeitsmarkt ausrichten", umreißt er die Strategie. "Derjenige, der arbeitslos ist, kann zu Recht unsere Hilfe erwarten, um seine Arbeitslosigkeit zu beenden", sagt Jens Regg, Geschäftsführer Grundsicherung der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg.

Es kann so einfach sein

Der Berliner Unternehmer Thomas Brehm war ganz erstaunt, als im Herbst vergangenen Jahres eine neue Vermittlerin vom Jobcenter Pankow bei ihm auftauchte. Er habe doch ein Stellengesuch aufgegeben für eine persönliche Assistentin, wie sie denn helfen könne, wollte die Frau wissen. "Eine Woche später hatte ich sechs Mappen auf dem Tisch. Das waren Bewerber, die wirklich passten", erzählt Brehm. Fünf Leute lud er ein. Nancy Lübbert, die alleinerziehende Mutter, machte das Rennen. Die Mitarbeiterin des Jobcenters hatte die Bewerber vorsortiert und einfach eine bessere Auswahl getroffen als das Arbeitgeberportal der BA.

Für Brehm war es das erste Mal, dass er einen persönlichen Ansprechpartner hatte. Und Lübbert hätte ohne die Vermittler gar keine Chance auf die Stelle gehabt. Eigentlich wollte Brehm jemanden mit mehr Berufserfahrung. Doch die Vermittlerin überzeugte ihn, dass Nancy Lübbert unbedingt arbeiten wolle. Brehm ließ sich darauf ein. BA-Vorstand Heinrich Alt bringt es auf die simple Formel: "Mehr Vermittler, mehr Zeit, mehr Integrationen."

Und mehr Spaß an der Arbeit für Christoph Lewerenz. Er ist einer der 650 Vermittler der Berliner Joboffensive und arbeitet im Jobcenter Friedrichshain-Kreuzberg. Früher kümmerte er sich zum Teil um mehr als 200 Kunden. Jetzt sind es deutlich weniger. Lewerenz bittet pro Woche 20, manchmal 25 Leute zum Termin. "Wir schauen uns gemeinsam die Bewerbungsunterlagen an, und ich bereite die Kunden auf Bewerbungsgespräche vor", sagt er. Er kann sich Zeit nehmen, Leute mit zertrümmertem Selbstbewusstsein aufbauen. Neulich, erzählt Lewerenz, konnte er einer Frau helfen, für die er kaum noch Hoffnung hegte. Sie war jenseits der 40 und viele Jahre ohne Job. Jetzt arbeitet sie als Pflegehelferin in einem Altersheim. "Sie verdient zum ersten Mal in ihrem Leben mehr als 1000 Euro und kann es selbst kaum fassen."

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Krebs
Impfung gegen Krebs

Forscher wollen Tumore künftig mit Vakzinen besiegen.

Video Nachrichten mehr
Kenia Explosion erschüttert Einkaufzentrum in Nairobi
Großrazzia Polizei verhaftet italienische Fußballprofis
Filmpreis Haneke mit "Goldener Palme" in Cannes…
Sicherheitsrat UN verurteilt Massaker in Syrien
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Berlin

Bunter Straßenumzug zum 17. Karneval der Kulturen

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote