Wirtschaftswachstum
Berlin könnte 2012 den Bund abhängen
Ungeachtet der Staatsschuldenkrise in der Euro-Zone stehen die Weichen der Berliner und Brandenburger Wirtschaft weiterhin auf Wachstum. Die IHK erwartet für 2012 ein Plus mindestens einem Prozent. Damit könnte Berlin den Bund in diesem Jahr abhängen.
Von Hans Evert
Um ein Haar wäre es der beste jemals erhobene Wert gewesen, aber das hat die Euro-Krise dann doch noch verhindert. Dennoch ist es bemerkenswert, wie gut die Lage der Wirtschaft in der Hauptstadtregion ist. Der Konjunkturreport der vier Industrie- und Handelskammern (IHK) von Berlin, Frankfurt/Oder, Potsdam und Cottbus zeichnet ein eindeutiges Bild: "Die Unternehmen in Berlin und Brandenburg machen bessere Geschäfte als je zuvor", sagte Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der Berliner IHK. 123 Punkte zeigt der Geschäftsklimaindex. Nur im Boomjahr 2007 war er mit 128 Punkten höher.
Industriebetrieben, Dienstleistern und Einzelhändlern geht es so gut, dass Eder eine sehr optimistische Prognose für 2012 wagt. "Das Wachstum in Berlin könnte in diesem Jahr sogar über dem Bundesdurchschnitt liegen." Mindestens ein Plus von einem Prozent erwartet er. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr dürften es rund zwei Prozent gewesen sein. Die Prognosen für die Bundesrepublik liegen für 2012 mittlerweile bei unter einem Prozent. Das bedeutet, die Hauptstadt würde in diesem Jahr besser als der Bundesdurchschnitt abschneiden.
Zu Beginn jedes Jahres befragen die Kammern ihre Mitgliedsunternehmen; 1500 haben dieses Mal mitgemacht. Erhoben werden die aktuelle Lage, die Aussichten für die nächsten Monate sowie Pläne für Investitionen und Beschäftigung. Daraus wird ein Indexwert errechnet. Liegt dieser über 100, signalisiert das Wachstum. Und das ist in Berlin der Fall.
Kaum ein Betrieb will entlassen
Das ist auch für Arbeitnehmer eine gute Botschaft. Denn wegen der guten Lage wollen die meisten Firmen ihre Belegschaft aufstocken oder zumindest auf dem Niveau halten. In Berlin planen laut der Befragung 27 Prozent der Unternehmen Neueinstellungen. 63 Prozent wollen alle Arbeitnehmer halten, und nur zehn Prozent tragen sich mit dem Gedanken von Personalabbau.
Vor allem Dienstleistungsunternehmen haben hohen Personalbedarf, aber auch die Industrie. Damit kann Berlin die fällige Aufholjagd auf dem Arbeitsmarkt fortsetzen. Im Januar gab es einen kleinen Erfolg. Mit einer Arbeitslosenquote von 13,2 Prozent hatte Berlin erstmals seit Langem nicht mehr den letzten Platz unter den Bundesländern inne. Dort steht nun Mecklenburg-Vorpommern mit einer Quote von aktuell 14 Prozent. Dennoch braucht die Hauptstadt noch einen langen Atem. Bestenfalls in zehn Jahren könne Berlin das Bundesniveau erreichen, schätzt IHK-Mann Eder. So erwartet er auch in diesem und nächstem Jahr noch keinen Durchbruch – trotz der guten Wachstumsaussichten für die Stadt.
Angesichts der ungelösten Euro-Problematik wirkt die sehr gute Lage fast surreal. Immerhin: Sorgen um die Gemeinschaftswährung und um steigende Energiepreise dämpfen ein wenig die Zuversicht. Das schlägt sich in den Geschäftserwartungen nieder. 31 Prozent der Berliner Firmen gehen von höheren Umsätzen aus, nur 19 Prozent glauben an einen Rückgang der Geschäfte. Die Hälfte der Befragten antwortete mit "eher gleichbleibend". Damit sind die Manager in der Hauptstadt wesentlich optimistischer als ihre Unternehmerkollegen im Umland. In den drei Brandenburger Kammerbezirken erwarten nur 17 Prozent bessere Geschäfte, 18 Prozent der Befragten hingegen einen Rückgang.
"Von einem pessimistischen Trend kann nicht die Rede sein", sagte René Kohl, Hauptgeschäftsführer der Potsdamer IHK. Das sei ein entscheidender Unterschied zum Jahr 2009. Damals hatte sich infolge der ersten Finanzkrise schlagartig Angst in den Chefetagen der Unternehmen breitgemacht. Der Geschäftsklimaindex sackte seinerzeit auf ein Rekordminus von 86 Punkten. Davon ist Anfang 2012 nichts zu spüren.
Mut macht auch ein weiterer wichtiger Indikator, die Investitionen. Verzagte Unternehmer stecken kein Geld in neue Maschinen oder Computer. Sie halten ihr Geld zusammen, wenn harte Zeiten drohen. Davon ist aber in Berlin nichts zu spüren. 26 Prozent der Befragten wollen mehr investieren als vergangenes Jahr, 48 Prozent auf dem gleichen Niveau wie 2011. 29 Prozent wollen weniger oder gar nicht investieren. Auch hier sind Berliner Unternehmer zuversichtlicher als ihre Brandenburger Kollegen. Dort planen nur 19 Prozent, die Investitionsausgaben zu erhöhen.
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