Geplatzte Fusion
Die Deutsche Börse hat sich gründlich verzockt
Die Deutsche Börse muss sich nach dem Fusionsdebakel neu sortieren. Auch ihr Chef Reto Francioni steht zur Disposition.
Von Karsten Seibel
Die Entscheidung der EU-Kommission in Brüssel war gerade erst gefallen , da versuchte Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni bereits mit besonders drastischen Worten die Deutungshoheit über die Niederlage in Brüssel zu erlangen:
Er sprach von einem "schwarzen Tag für Europa", von einer "realitätsfremden verengten Marktdefinition" der EU-Kommission, von einer "verpassten Chance für den Finanzplatz Frankfurt". Diese Meinung muss er vertreten. Doch eigentlich führt kein Weg an der Feststellung vorbei: Die Deutsche Börse und vor allem ihr Vorstandschef haben sich verzockt.
Sie waren von der industriellen Logik des Zusammenschlusses mit der New Yorker Börse so sehr überzeugt, dass sie die kartellrechtlichen Bedenken der Kommission bis zuletzt nicht ernst nahmen. Sie gingen schlicht davon aus, dass auch Brüssel der Chance nicht widerstehen kann, auf den globalen Kapitalmärkten einen führenden Börsenbetreiber mit starker europäischer Basis zu schaffen.
Einen, der noch dazu bei dem Vorhaben der EU-Kommission hilft, den riesigen unregulierten Wertpapierhandel, der bislang an den Banken vorbei direkt zwischen Banken läuft, in die Schranken zu weisen. Doch davon ließen sich Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia und seine Kollegen nicht beeindrucken – was dieser auch frühzeitig signalisierte.
Francioni muss sich fragen lassen, warum es ihm nicht gelungen war, wenigstens ausreichend politische Unterstützung für sein Fusionsvorhaben zu bekommen – wenn er schon so sehr auf die industriepolitische Karte setzte.
Mitarbeiter der Deutschen Börse dürften erleichtert sein
Die anderen 26 EU-Kommissare hätten sich schließlich über die kartellrechtlichen Bedenken ihres Wettbewerbskollegen hinwegsetzen können. Doch selbst die Regierung in Berlin hielt sich bis zuletzt auffällig zurück bei diesem Thema.
Und nun? Die meisten Mitarbeiter der Deutschen Börse dürften erleichtert sein. Schon in den vergangenen Monaten setzte sich nicht nur bei den Betriebsräten, die von Anfang an gegen die Fusion waren, sondern auch auf verschiedenen Ebenen unterhalb des Vorstands mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass es mit den Amerikanern einfach nicht geht.
Zu bestimmend sollen diese in den gemeinsamen Arbeitsgruppen aufgetreten sein, obwohl die New Yorker rein formal der Juniorpartner gewesen wären. Auf deutscher Seite wurden dagegen starke Persönlichkeiten vermisst, die vor allem in dieser entscheidenden Phase dem selbstbewussten Nyse-Chef Duncan Niederauer offen die Stirn boten.
Die Deutsche Börse muss sich neu sortieren
Selbst die Gespräche mit Brüssel haben dem Vernehmen nach nicht Francioni und seine Leute bestimmt, sondern Niederauer und Kollegen – mit bekanntem Ausgang. Die Entscheidung Brüssels mag nicht von Anfang an vorhersehbar gewesen sein.
Doch nun muss sich die Deutsche Börse neu sortieren. Und dazu kann nicht gehören, "Ruhe und Kontinuität" einzufordern, wie dies Aufsichtsratschef Manfred Gentz reflexartig tat. Auch Francioni steht zur Disposition.
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