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18.01.12

Landwirtschaft

Wenn der Acker nur noch Strom erzeugt

Die Produktion von Bioenergie sichert den Bauern ein regelmäßiges Einkommen. Die Kehrseite: Deutschland muss Getreide importieren.

© Infografik WELT Online
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Georg Keckl ist Agrarstatistiker in Niedersachsen. Und was er da in seinen Zahlen liest, beunruhigt ihn sehr. Die deutschen Bauern produzieren nicht mehr genug Getreide, um das Land zu versorgen. Erstmals seit 25 Jahren ist Deutschland wieder zum Nettoimporteur geworden. Nicht, dass Keckl fürchtet, die Bevölkerung könnte schon bald zu wenig zu essen haben. Er sieht in der Entwicklung vielmehr einen Beleg dafür, dass in der deutschen Landwirtschaft etwas gründlich schief läuft. Seine Bedenken scheinen dabei so gar nicht zur guten Stimmung der Branche zu passen.

Denn kurz vor Beginn der Internationalen Grünen Woche in Berlin strotzt Bauernpräsident Gerd Sonnleitner nur so vor guter Laune: Die Landwirtschaft ist aus der Wirtschafts- und Finanzkrise gestärkt hervorgegangen. Weltweit steigt die Nachfrage nach Nahrungsmitteln. Der Export boomt. Immer mehr Verbraucher sind bereit, für hochwertige Lebensmittel auch höhere Preise zu zahlen. Und die großen Handelskonzerne und Discounter haben erkannt, dass es sich nicht lohnt, Qualitätsprodukte zu Dumpingpreisen zu verschleudern.

"Die wirtschaftliche Situation der Bauernfamilien hat sich deutlich verbessert", sagt Sonnleitner. Auch die Debatte über zu viele Antibiotika in der Tiermast kann die Stimmung nicht trüben. Der Produktionswert in der deutschen Landwirtschaft hat im vergangenen Jahr nach vorläufigen Schätzungen 52 Mrd. Euro erreicht. Im Vergleich zum Vorjahr erhöhte sich der Umsatz damit um zwölf Prozent. Die Hälfte ihres Umsatzes machen die Bauern heute im Bereich der pflanzlichen Produktion. Obst- und Gemüsebauern haben zwar oft noch Schwierigkeiten am Markt. Und auch Ferkelerzeuger und Schweinemäster klagen über zu niedrige Absatzpreise.

Mit der Produktion von Bioenergie aber haben sich die deutschen Bauern ein ganz neues Einkommensfeld erschlossen. Auf ihren Wiesen stellen sie Windräder auf, installieren Solaranlagen auf den Dächern ihrer Scheunen und Ställe, mit der Gülle befeuern sie ihre Biogasanlagen. Das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) garantiert ihnen eine feste Vergütung für den klimafreundlich erzeugten Strom – was den Bauern ein regelmäßiges Einkommen sichert. Die Kehrseite dieser Entwicklung ist jedoch, dass immer mehr Landwirte statt Roggen, Gerste oder Hafer ihre Felder jetzt mit Mais für Biogasanlagen bestellen.

Und genau an diesem Punkt setzt der Agrarstatistiker Keckl mit seiner Kritik ein. Die starke Förderung der Bioenergie hält er für "volkswirtschaftlich unsinnig", weil sie der klassischen Landwirtschaft Konkurrenz mache. Über den Biostrom wird ein Teil der Landwirtschaft mit Geld überversorgt. "Ich mache mir wirklich Sorgen", sagt Keckl. Grundsätzlich hält er den Ansatz, Landwirte zu Energiewirten zu machen, zwar für richtig. Die damalige Bundesagrarministerin Renate Künast (Grüne) hatte sich ja gerade deshalb für den Ausbau der Bioenergie eingesetzt, damit die Bauern nicht länger so abhängig vom Brüsseler Agrartopf sind.

Aus den Subventionsempfängern sollten mehr marktorientierte Unternehmer werden. Die Maßnahme war offensichtlich so erfolgreich, dass Brüssel die Bauern von der Pflicht entband, jedes Jahr zehn Prozent ihrer Flächen stillzulegen. So konnten sie dauerhaft mehr Mais anbauen. Wäre es dabei geblieben, die bislang stillgelegten Flächen für die Bioenergie zu nutzen, wäre nach Ansicht Keckls alles gut gewesen: "Doch jetzt wird es zuviel."

Bioenergie lässt Pachtpreise steigen

Weil sich mit Mais und Biogasanlagen so viel Geld verdienen lässt, sind die Pachtpreise in die Höhe geschossen. Die Pacht pro Hektar ist jetzt oft schon höher als die Prämie, die der Landwirt pro Hektar aus Brüssel erhält. So werden mit dem Geld aus Brüssel – und damit letztlich mit dem Geld der Steuerzahler – nicht mehr die aktiven Bauern, sondern die Grundeigentümer unterstützt. Und das, sagt Keckl, sei nun völlig falsch. Er ist ohnehin der Meinung, dass die Landwirte keine Subventionen mehr brauchen.

Die Garantiepreise für Getreide hat Brüssel vor 20 Jahren abgeschafft, damit nicht länger die EU-Agrarminister in langen Nachtsitzungen bestimmen, was der Doppelzentner Weizen kosten soll. "Die Preise sollten sich am Markt bilden", erklärt Keckl. "Und nun hat die Politik über die garantierten Preise für den Ökostrom wieder einen administrativen Preis eingeführt."

Und ein Ende des Bioenergie-Booms ist nicht in Sicht. Drei Prozent der deutschen Getreideernte werden inzwischen zu Bioethanol verarbeitet und etwa dem Benzin E10 beigemischt. Immer mehr Mais wird angebaut, um Biogasanlagen zu befeuern. Hinzu kommt, dass die Tierbestände und damit der Futterbedarf in Deutschland gestiegen sind.

Deutschland muss bereits Getreide importieren

Dann war auch noch die Getreideernte im vergangenen Jahr besonders schlecht – so dass unterm Strich der Eigenbedarf in Deutschland nur noch zu 96 Prozent gedeckt werden konnte. Erst 1987 war es durch Produktionssteigerungen in der Landwirtschaft gelungen, vom Nettoimporteur zum Exporteur von Getreide zu werden. Die Fähigkeit zur Selbstversorgung steht nun schon wieder auf der Kippe: "Und diese Tendenz ist so schnell nicht zu stoppen", sagt Keckl.

Zumindest Hans-Michael Goldmann (FDP), der Vorsitzende des Agrarausschusses im Deutschen Bundestag, sieht kein Problem darin, dass Deutschland in Zukunft mehr hochwertiges Getreide auf dem Weltmarkt einkaufen muss. Das über Jahrzehnte angestrebte Prinzip der Selbstversorgung hält er für nicht mehr zeitgemäß. Allerdings können die Preise auf den globalen Agrarmärkten stark schwanken – und diese Preisschwankungen müssen bislang vor allem die Bauern auffangen. Es wäre ehrlicher, sagt Goldmann, wenn auch die Verbraucher diese Schwankungen künftig über die Preise mittragen würden.

Auch Henrik Buchenau, Landwirt im schleswig-holsteinischen Neuwittenbek bei Kiel, muss sich am Weltmarkt orientieren. Er betreibt eine Intensivmast für Hühner und Schweine. Im vergangenen Jahr hat er eine Biogasanlage in Betrieb genommen, die er mit Mist und Gülle aus der Tiermast befüllt.

Das Biogas nutzt er zum Teil, um die Ställe zu beheizen. Auf 900 Hektar baut er unter anderem Weizen, Mais und Triticale an. Das Getreide dient zum Teil als Futter für die Schweine und das Geflügel, Maissilage nutzt er als Einstreu für die Hühnerställe. Ein solcher geschlossener Kreislauf ist Buchenau besonders wichtig. Sein Ziel ist die weitgehende Selbstversorgung seiner Tiermast mit Futter und Energie – damit er nicht auf teure Zukäufe und Importe angewiesen ist.

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