Statistik
Deutschland wird zur Frührentner-Republik
Jeder zweite Deutsche geht schon jetzt vorzeitig in den Ruhestand und nimmt dafür finanzielle Einbußen in Kauf. Dabei wird die Rente mit 67 erst ab Januar schrittweise eingeführt. Dann könnten es noch mehr werden.
Von Stefan von Borstel und Jochen Gaugele
Das Thema erhitzt die Gemüter. Obwohl die Rente mit 67 längst beschlossen ist, ist die Diskussion darüber am Mittwoch neu entfacht. Grund sind neue Zahlen aus der Rentenstatistik. Die "Süddeutsche Zeitung" hatte berichtet, fast jeder zweite Beschäftigte in Deutschland gehe inzwischen vorzeitig in Rente und nehme dafür finanzielle Einbußen in Kauf. Im Durchschnitt fiel bei diesen Frührentnern die Rente um monatlich 113 Euro geringer aus. 2010 bezogen 674.000 Versicherte erstmals eine Altersrente.
Fast 320.000 mussten dabei Abschläge in Kauf nehmen, weil sie nicht bis zum 65. Lebensjahr, der momentan gültigen Regelaltersgrenze, arbeiteten. Die Quote von 47,5 Prozent ist die höchste seit Einführung der geltenden Abschlagsregelung im Jahr 1997. Die Chefin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher, warnte mit Blick auf die Erhöhung des Renteneintrittsalters davor, dass sich die Situation noch verschärfen wird. "Die Gefahr von Altersarmut wird wachsen." Für viele Ältere sei es eine Illusion, ohne oder nur mit geringen Abschlägen in Rente zu gehen. Kritik kam auch von DGB-Vorstand Annelie Buntenbach: "Solange die Beschäftigten kaum eine Chance haben, bis 65 zu arbeiten, ist die Rente mit 67 ein reines Rentenkürzungsprogramm."
Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt hingegen verteidigt die Rente mit 67 als "unverzichtbar". Sie sei ein wichtiger Baustein, "um die Rentenversicherung zukunftsfest zu machen", sagte der Chef der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) der Berliner Morgenpost. Die Rentenanhebung sei für die Menschen auch zumutbar. Ältere Arbeitnehmer seien heute "meist fit genug, um länger am Erwerbsleben teilzunehmen", sagte Hundt. "Wer dazu gesundheitlich nicht in der Lage ist, kann auch weiterhin vorzeitig in Rente gehen." In den Betrieben würden Ältere auch wegen des zunehmenden Fachkräftemangels gebraucht. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Alter von 60 bis 64 Jahren habe sich in den vergangenen zehn Jahren auf mehr als 1,2 Millionen verdoppelt. Hundt kritisierte Ausnahmen bei der Rente mit 67 für besonders langjährig Versicherte. Dieses Rentenprivileg sei sozialpolitisch falsch und koste die Rentenversicherung langfristig jährlich zwei Milliarden Euro.
Ganz anders sieht das naturgemäß die SPD. Die Rentenpolitik müsse stärker an der Lebenswirklichkeit der Menschen ausgerichtet werden, erklärte Generalsekretärin Andrea Nahles. Sie forderte, eine Anhebung des Renteneintrittsalters sollte erst erfolgen, wenn mindestens die Hälfte der 60- bis 64-Jährigen sozialversicherungspflichtig beschäftigt sei. Nahles warf Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) vor, stur am Konzept der Rente mit 67 festzuhalten. "Wegschauen und Ignorieren ist keine vernünftige Politik." Das Bundesarbeitsministerium verteidigte die Rente mit 67 und warnte davor, die neuen Zahlen überzuinterpretieren. Für den vorzeitigen Renteneintritt gebe es viele Motivationen. Das Phänomen lasse sich nicht auf schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt zurückführen. "In vielen Fällen wird im Haushaltskontext mit dem Ehepartner genau kalkuliert", hieß es. "Was haben wir mit Rente, Zusatzvorsorge, et cetera? Was können wir uns an Abschlägen leisten?" Das Ministerium wies auch daraufhin, dass nur die Zahl der Abschlagsrenten für Frauen für den Gesamtanstieg verantwortlich sei.
Die Zahl der Abschlagsrenten für Männer geht dagegen seit 2005 kontinuierlich zurück. "Entscheidend für die Zahlen sind die zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen insgesamt und die Spätfolgen der Wiedervereinigung Deutschlands mit der viel höheren Erwerbsquote von Frauen in der ehemaligen DDR." In den Zahlen spiegelten sich die Reformen der vergangenen Jahre wider, mit denen die Rente demografie- und zukunftsfest gemacht worden sei. "Die Rentenfinanzen sind stabil", sagte der Ministeriums-Sprecher und verwies auf die gute Finanzlage der Versicherung und die für das Jahr 2012 beschlossene Beitragssatzsenkung. Arbeitgeberpräsident Hundt begrüßte die Senkung des Rentenbeitragssatzes um 0,3 Prozentpunkte zum Jahreswechsel. "Arbeitnehmer und Betriebe werden damit 2012 um rund 2,6 Milliarden Euro entlastet", sagte Hundt. Trotzdem würden die Rücklagen in der Rentenversicherung wegen der zu erwartenden guten Lage am Arbeitsmarkt voraussichtlich bis Ende des kommenden Jahres kräftig auf über 26 Milliarden Euro steigen. Das sei mehr als ausreichend. "Noch höhere Reserven würden Begehrlichkeiten wecken und die Gefahr mit sich bringen, dass die Gelder zweckentfremdet werden."
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