23.12.11

EZB-Risikorat

Nervosität der Märkte greift auf Konjunktur über

Notenbanker und Finanzaufseher befürchten, dass die Euro-Krise die Realwirtschaft erreicht. Sie fordern mehr Tempo beim Rettungsschirm.

Foto: dapd
Kapitalmarktanalyst Robert Halver vor der Anzeige abstürzender Aktienkurse: Die Turbulenzen an den Finanzmärkten wirken sich immer stärker auf die Wirtschaft aus
Kapitalmarktanalyst Robert Halver vor der Anzeige abstürzender Aktienkurse: Die Turbulenzen an den Finanzmärkten wirken sich immer stärker auf die Wirtschaft aus

Der bei der EZB angesiedelte Europäische Systemrisikorat (ESRB) hat vor einer Verschärfung der Finanz- und Schuldenkrise gewarnt. Die wirtschaftliche Situation habe sich insgesamt verschlechtert, teilte der Rat aus Notenbankern und Finanzaufsehern in Frankfurt mit.

Es gebe Anzeichen dafür, dass die steigende Nervosität nun auch die Realwirtschaft erreicht habe. "Die Abhängigkeit der Zentralbanken hat sich erhöht, und es gibt Hinweise, dass sich die schwierigen Finanzbedingungen auf die Realwirtschaft auswirken" hieß es. Zudem forderte der Rat, den neuen Euro-Rettungsschirm voll auszustatten und schnell einzusetzen.

Der ESRB wurde in Reaktion auf die erste Phase der Finanzkrise 2007 bis 2009 im Rahmen einer Neuordnung der Banken- und Finanzaufsicht in Europa ins Leben gerufen. Er kann Warnungen und Empfehlungen aussprechen. Selbst handeln kann er aber nicht. Das hochrangig besetzte Gremium soll mit den Banken-, Versicherungs- und Marktaufsehern zusammenarbeiten und deren Arbeit um eine Vogelperspektive ergänzen.

Vorsitzender des ESRB ist der neue Chef der EZB, Mario Draghi . Um eine Ausweitung der Schuldenkrise zu verhindern, müsse die Widerstandsfähigkeit des Finanzsektors erhöht werden. Dazu müssten die Banken ihre Bilanzen stärken, ohne jedoch die Kreditvergabe abzubremsen.

"Die rigorose Umsetzung der EBA-Vorgaben (...) könnte die Kreditvergabe und die Bereitstellung von Finanzdienstleistungen stützen", sagte ESBR-Vizechef Mervyn King. King ist auch Gouverneur der britischen Notenbank. Die EU-Bankenaufsicht EBA befürchtet, dass die Geldhäuser in Europa die Wirtschaft nicht mehr in ausreichendem Maße mit Krediten versorgen. Viele Banken versuchen, die höheren Kapitalauflagen der EBA, die sie ab Mitte 2012 einhalten müssen, durch eine Drosselung der Kreditvergabe zu erfüllen. Im Dezember beklagten sich aber nur wenige deutsche Firmen über Probleme beim Zugang zu Krediten.

Nicht mal jedes vierte Unternehmen bewerte die Kreditvergabepraxis der Banken als restriktiv, teilte das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung mit. Der Anteil der Firmen mit gefühlten Finanzierungsschwierigkeiten sei im Dezember um 0,7 Prozentpunkte auf 23,1 Prozent gestiegen.

Damit wurde wieder der Stand von Oktober erreicht. Sowohl im verarbeitenden Gewerbe als auch im Handel kommen mehr Firmen nach eigener Einschätzung schwieriger an Geld. Im Bauhauptgewerbe ist der Trend zwar gegenläufig. Dort beklagt jedoch fast jedes dritte Unternehmen eine restriktive Kreditvergabe.

"Vorsichtskasse" der Banken steigt

Allerdings stieg die "Vorsichtskasse" der Banken bei der EZB stark. Die eintägigen Einlagen kletterten auf 347 Milliarden Euro und damit auf den höchsten Stand seit Mitte Juni 2010. Am Donnerstag hatten sie noch 82 Milliarden Euro niedriger bei 265 Milliarden Euro gelegen. Damit sind die "Übernacht-Einlagen" nur noch knapp 40 Milliarden Euro von ihrem Höchststand entfernt, der im Sommer 2010 bei knapp 385 Milliarden Euro erreicht worden war.

Die eintägigen Ausleihungen der Banken bei der EZB sanken zwar leicht von 7,5 Milliarden auf 6,3 Milliarden Euro. Das aktuelle Niveau ist aber deutlich höher als üblich. Die eintägigen Einlagen und Ausleihungen der Banken bei der EZB sind ein Indikator für das Misstrauen der Institute untereinander. Normalerweise greifen die Institute kaum auf diese sehr kurzfristigen Geschäfte mit der Notenbank zurück, da die Konditionen ungünstig sind. Für gewöhnlich versorgen sich die Banken lieber untereinander mit Zentralbankgeld. Dieser Handel am sogenannten Interbankenmarkt ist aber – ähnlich wie in der ersten Finanzkrise 2008 – erneut gestört.

Ausschlaggebend sind die Schuldenkrise und das starke Engagement einzelner Institute in Staatsanleihen angeschlagener Euro-Staaten. Wegen der aktuell hohen Unsicherheit parken die Banken reichlich Liquidität bei der EZB, selbst unter Inkaufnahme von Zinsverlusten.

Lesen Sie auch das Interview mit dem scheidenden deutschen EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark.

Quelle: Reuters/dpa/ dapd/cat
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