Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
07.12.11

Arbeitsleben

Wenn chronisches Aufschieben zur Krankheit wird

Rund jeder fünfte Mensch leidet unter Zerstreuung, Zeitverschwendung und Aufschubtechniken. Doch man kann lernen, tatsächlich das umzusetzen, was man sich vorgenommen hat.

© picture alliance / dpa Themendie/dpa Themendienst
Aufschieberitis

Seit Tagen müsste die Präsentation für die Vorstandskonferenz vorbereitet werden. Der Chef hatte auch schon nachgefragt. Immer wieder denkt man kurzzeitig über diese wichtige, aber zunehmend lästig werdende Aufgabe nach. Aber der Startschuss will einfach nicht fallen. Stattdessen werden Routinearbeiten erledigt, der Schreibtisch wird aufgeräumt. Getreu dem Motto: Unwichtiges zuerst.

Dass Dinge statt erledigt, lieber aufgeschoben werden, nervt viele an sich selbst. Prokrastinieren könne zu erheblichen Problemen führen, sagt der Berliner Diplom-Psychologe Hans-Werner Rückert. "Im schlimmsten Fall können Aufschieber ihren Job verlieren oder ernsthafte seelische Probleme davontragen. Wer sich immer wieder Dinge vornimmt, aber dann doch nicht erledigt, kann in eine verzweifelte Lage kommen. Das Selbstwertgefühl kommt ins Wanken. Die Umwelt nimmt den Betroffenen als unzuverlässig wahr."

Problematisch werde es dann, wenn mehr Dinge aufgeschoben als erledigt würden, definiert der Psychologieprofessor Fred Rist von der Westfälischen Wilhelms-Uni Münster. "Und wer über längere Zeit nicht mehr zurechtkommt, kann dadurch depressiv werden". Bei Studenten, die die Regelstudienzeit weit überschritten, sei Prokrastination oft mit Depressionen verbunden.

Erregungs- und Vermeidungsaufschieber

Gut erforscht ist die Aufschieberitis unter Studierenden. Verschiedene Wissenschaftler machen eine weite Verbreitung in dieser gesellschaftlichen Gruppe aus. Sechs von zehn Studenten leiden darunter, belegt eine Studie der Pädagogischen Hochschule Freiburg. 736 Studierende wurden zu ihrem Lernverhalten befragt. Das Ergebnis: 58 Prozent schieben regelmäßig Arbeit vor sich her. 60 Prozent flüchten zudem in das typische Ausweichverhalten: indem sie Hausarbeiten wie Fensterputzen erledigen, im Internet surfen oder telefonieren, erläutert Studienautorin Professor Karin Schleider.

Auslöser für das Verhalten sind häufig bevorstehende Prüfungen: An erster Stelle steht dabei die Vorbereitung mündlicher Prüfungen (49,4 Prozent), gefolgt von Klausuren (44,7 Prozent) und der Abgabe von Arbeiten (41,6 Prozent). Hans-Werner Rückert, der die Studienberatung und die Psychologische Beratung der Freien Universität Berlin leitet, kann dies ebenfalls bestätigen: Zweifelsohne seien jedoch die Freiräume für Studierende mit dem Einzug von Bachelor und Master weniger geworden. Wer Freiräume hat, könne leichter aufschieben – auch nach dem Uni-Abschluss, sagt er. Aber sogar unter Rechtsanwälten gebe es Aufschieber, die sich beispielsweise trickreich des Mittels der Fristverlängerung bedienen. "Das vermutet man bei dieser Berufsgruppe eher nicht", so der Experte.

Selbsterkenntnis ist der erste Schriitt

Chronisches Aufschieben wird von Psychologen als Prokrastinieren bezeichnet, abgeleitet von dem lateinischen Wort procrastinare (etwas vertagen oder verschieben). Die Forschung unterscheidet zwei Typen: die Erregungsaufschieber, denen ihr Verhalten einen Kick bringt, und die Vermeidungsaufschieber, die mit einer Aufgabe unangenehme Dinge verbinden. Das gesamte Spektrum an unangenehmen Gefühlen wie Ärger, Wut, Konfrontation mit der eigenen Unzulänglichkeit spielen hierbei eine Rolle.

"Angst kann motivieren und einen dazu veranlassen, zu handeln. Angst kann aber auch zum Aufschieben führen. Wenn Sie Angst haben, kann es sein, dass Sie wichtige Dinge aufschieben, beispielsweise um eine Gehaltserhöhung zu bitten", erläutert Rückert in seinem Buch "Schluss mit dem ewigen Aufschieben" (Campus-Verlag).

"Sie ersparen sich damit die Furcht vor dem Chef, der Verhandlung und Ihren Gefühlen, falls Ihr Wunsch abgelehnt werden sollte. Aber als Folge Ihres Aufschiebens können Sie wiederum mit Angst konfrontiert sein, dann nämlich, wenn Sie wissen, dass Ihr jetziges Gehalt nicht ausreicht, um davon die gestiegene Miete und die Raten für Ihr neues Auto zu bezahlen." So gilt es die Angst zu überwinden. Und das gelinge am besten, wenn man das tut, wovor man Angst hat.

Für die Expertin Karin Schleider liegt in der Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Problemlösung. Der Betroffene müsse das Problem erkennen und die Motivation entwickeln, wirklich etwas daran ändern zu wollen.

Schädlicher Perfektionismus

Selbstakzeptanz kann weiterbringen. "Bewerten Sie sich nicht global, sondern bewerten Sie spezifisch einzelne Verhaltensweisen. Hören Sie auf, sich als Aufschieber zu bezeichnen", empfiehlt Rückert. "Bislang schoben Sie auf, um Entscheidungen, Aufgaben und Vorhaben zu entfliehen, die Ihr Selbstwertgefühl bedrohten. Wenn Sie künftig standhalten wollen, dann müssen Sie mit diesen Emotionen anders umgehen."

Unter Aufschiebern finden sich viele, die immer alles perfekt machen müssen. Der Psychologe rät stattdessen: "Streben Sie hervorragende Ergebnisse statt perfekte an. Verabschieden Sie sich von dem Mythos, alles schaffen und mit 33 Terminen gleichzeitig hantieren zu können." Auch einfache To-do-Listen, auf denen verzeichnet wird, was am Tag zu erledigen ist, halten Experten für hilfreich. Rückert glaubt, dass Aufklärung und Selbstaufklärung hilft, das Problem zu lösen. "Man kann auch seinen Seelenfrieden finden, indem man große Vorhaben wie eine Doktorarbeit, die man jahrelang vor sich herschiebt, ganz aufgibt. Ein Schlussstrich zu ziehen, kann auch erleichternd sein." Wem Prokrastination schwer zu schaffen macht, der sollte sich professionelle Hilfe holen.

"Wer über Jahre sehr unglücklich im Job ist, unter psychosomatischen Beschwerden leidet, aber keine Problembewältigung in Sicht ist, sollte sich Hilfe holen: bei einem Coach oder einem Psychologen", sagt Rückert. Situativen Aufschiebern kann es aber durchaus gelingen, aus eigenem Antrieb ihr Verhalten in den Griff zu bekommen, glaubt er. "Den einfacheren Fällen würde ich raten: Bleib an deinem Schreibtisch sitzen, stell dir einen Wecker und die einzige Aufgabe ist es, 20 Minuten sitzen zu bleiben. Dann gibt es einen Tee zur Belohnung."

Wer den Verdacht hegt, selbst zu den chronischen Aufschiebern zu gehören, kann sich an die Prokrastinationsambulanz der Wilhelms-Universität in Münster wenden. Sie bietet auch einen Selbsttest an.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote