Geldinstitute
Droht den Europäern eine neue Bankenkrise?
Wie beim Ausbruch der Finanzkrise 2008 leihen sich die Geldinstitute immer weniger Geld. Die EZB muss einspringen – das macht dem EZB-Chefökonom Sorgen.
Von Andrea Rexer
Der Abwärtsstrudel an den Börsen erfasst immer mehr Banken. Vor einigen Wochen hatte es mit einzelnen Einschlägen in Italien und Frankreich begonnen, am Ende dieser Woche hat es nun den ganzen Sektor erwischt. Am Freitagvormittag brach der europäische Aktienindex Stoxx-Europe-600-Banks nach hohen Verlusten am Vortag erneut um mehr als drei Prozent ein, innerhalb einer Woche hat er über zehn Prozent verloren.
Auch deutsche Institute wie Commerzbank und Deutsche Bank konnten sich vom allgemeinen Trend nicht lösen. Der größte Verlierer war jedoch abermals die französische Société Générale. Ihr Kurs sackte am Donnerstag über zwölf Prozent auf 21,60 Euro ab und setzte seine Talfahrt Freitag fort.
Droht nun eine neue Bankenkrise? Die Unsicherheit im Markt ist groß, denn es sind nicht nur die Aktienkurse, die den Banken zu schaffen machen. Die Zeichen mehren sich, dass die Banken auch bei der Refinanzierung Schwierigkeiten bekommen. Die Liquidität ist die sensibelste Stelle im Bankensystem. Können sich die Banken nicht mehr mit frischem Geld versorgen, droht das ganze System zum Erliegen zu kommen. Genau das war nach der Pleite des US-Investmenthauses Lehman Brothers 2008 passiert.
Der Chefökonom der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark, macht sich bereits zunehmend Sorgen um den Interbankenmarkt: Zwischen Donnerstag und Freitag lagerten die Banken 90,5 Mrd. Euro bei der EZB ein, anstatt es sich gegenseitig zu leihen. "Die Lage ist jedoch nicht vergleichbar mit der Situation zum Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008 nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers", sagte Stark dem "Handelsblatt". Damals lagen zeitweise 200 Mrd. Euro im Depot der Europäischen Zentralbank.
Derzeit werden Investoren von immer neuen Gerüchten verunsichert. Am Donnerstag hatte das "Wall Street Journal" berichtet, dass die US-Zentralbank Fed Ableger europäischer Geldinstitute unter die Lupe nehme, weil sie ein Überschwappen der Schuldenkrise auf die amerikanischen Finanzhäuser befürchte. Dass die Fed sagte, es handele sich dabei um eine Standardprozedur, ging in der Hektik fast unter.
Hintergrund der Verwerfungen ist die Staatsschuldenkrise. Banken sind davon schneller als jede andere Branche betroffen, weil sie die Hauptgläubiger der Staaten sind. "Der Markt macht sich Sorgen um die Portfolios der Banken", sagt Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor an der Universität Hohenheim.
Anfangs waren es vor allem die französischen Banken, die zu den Hauptverlierern an den Börsen gehörten – sie haben die größten Bestände an griechischen Staatsanleihen in ihren Büchern. Dass mittlerweile jedoch auch alle anderen Banktitel abgestraft werden, erklärt Burghof mit der Reaktion der Politik: "Indem die Politik versucht, die Schulden zu sozialisieren, wird alles in einen Haftungstopf geworfen." Dadurch würden jedoch nicht nur griechische Staatsanleihen zum Problem, sondern auch alle anderen. "Irgendwann ist auch die Top-Bonität Deutschlands in Gefahr", warnt Burghof.
Auch indirekt trifft die Staatsschuldenkrise die Banken. Einerseits trübt sie die Konjunkturaussichten, andererseits schlägt die schlechte Bonität der Nationalstaaten auf die Banken durch. Stefan Best, Bankenexperte der Ratingagentur Standard&Poor's, beobachtet, dass sich immer weniger Banken frisches Geld am Markt besorgen. "Es ist deutlich zu spüren, dass Investoren Banken meiden. Wenn trotzdem noch Bankanleihen begeben werden, so sind es meistens besicherte", sagt Best. Und die schlechten Nachrichten reißen derzeit nicht ab: So will die Bank of America einem Pressebericht zufolge mehrere Tausend Stellen streichen.
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