Der Vorstandsvorsitzende der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft Air Berlin, Joachim Hunold, legt sein Amt nieder. Wie das Unternehmen am Donnerstag nach der Ankündigung eines drastischen Sparprogramms mitteilte, soll der frühere Bahn-Vorstandsvorsitzende Hartmut Mehdorn Interimsnachfolger werden.
Für den im Frühjahr 2009 vorzeitig (seit Vertrag lief bis Frühjahr 2011) als Bahn-Chef zurückgetretenen Mehdorn erfüllt sich mit Hunolds Vorschlag spät ein Traum: Er hatte nie ein Hehl aus seiner Vorliebe für die Fliegerei gemacht. Oft war die Lufthansa für ihn das Vorbild für die Bahn. Doch sein Plan, dort ein Preissystem analog zur Luftfahrt zu schaffen, scheiterte. Mehdorn gehört bereits dem Board of Directors von Air Berlin an, ohne bisher operative Aufgaben zu haben.
Mit Mehdorn kehrt zum 1. September ein Spitzenmanager nach Berlin, in die Zentrale von Deutschlands zweitgrößter Airline, zurück, der ein eher gestörtes Verhältnis zur deutschen Hauptstadt und vor allem zu ihren Politikern hatte. Allen voran zum Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD).
So sagte Mehdorn noch als Bahn-Chef im Dezember 2007 bei einem wirtschaftspolitischen Frühstück der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK): "Es ist schon enttäuschend, dass der Berliner Senat aktiv die Bahn bekämpft, als ob wir etwas getan hätten."
Das Verhältnis zwischen dem Chef des großen Logistikkonzerns mit seinen weltweiten 240.000 Mitarbeitern und dem Berliner Senat war zerrüttet. Für Mehdorn waren es die Akteure der Berliner Politik, die ihn um sein Lebenswerk gebracht haben: den Börsengang der Deutschen Bahn. Immerhin kamen die wesentlichen Impulse beim Stopp seiner großen Pläne, an frisches Kapital zu kommen, aus Berlin.
Es war der damalige Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD), der ein Gegenmodell zu Mehdorns Börsengang entwickelte und die stimmrechtslose Volksaktie ins Spiel brachte. Dafür gewann er den linken SPD-Bundestagsabgeordneten Hermann Scheer, der wiederum Stimmung gegen Mehdorn machte. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) wandte sich ebenfalls gegen eine Privatisierung der Bahn. Und es war auch die Berliner SPD, die auf dem Bundesparteitag einen entscheidenden Antrag gegen die Bahnprivatisierung im Mehdornschen Sinne ein- und nach einer vehementen Rede des Landes- und Fraktionsvorsitzenden Michael Müller auch durchbrachte.
Dabei war es die Bahn, die seit der Wende mehr als zehn Milliarden Euro in der Stadt verbaute. Sie errichtete unter anderem neue Bahnhöfe im Süden, Osten, Westen und Norden der Stadt und mitten drin den neuen Hauptbahnhof. Umso unverständlicher war es für den Bahnboss, dass die Berliner Chefs in der Senatskanzlei und der Landespolitik seine Vorstellungen torpedieren. Allerdings war es Mehdorn, der am Berliner Hauptbahnhof aus Kostengründen das Glasdach kürzen ließ.
Wowereit sei es gewesen, so Mehdorn, der eine "flüchtig gelesene Pressemeldung" auf einem SPD-Parteitag genutzt habe, um die Bahn zu attackieren. Dabei ging es um den Wegzug des Konzerns nach Hamburg. "Nur der Logistikbereich sollte nach Hamburg", sagte damals Mehdorn. Doch nach der heftigen Wowereit-Attacke auf dem Parteitag ("Wenn Herr Mehdorn die Koffer gepackt haben will, dann sollten wir ihn nicht davon abhalten. Aber die Mitarbeiter bleiben in Berlin.") und intensiver Lobby-Arbeit des Berliner Senatschefs gab es ein Machtwort aus der Bundesregierung. Sie stoppte alle Umzugspläne.
Mehdorn sah sich aber auch beim mit Wowereit ausgehandelten S-Bahn-Vertrag (die S-Bahn gehört zur Deutschen Bahn) benachteiligt. Der Vertrag sicherte Berlin einen Preisnachlass von 23 Millionen Euro. Im Nachhinein wollte Mehdorn hier noch heran - und scheiterte.
Dann bootete ihn Berlins Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) aus. Die Bahn-Vertreter durften - was früher für das Unternehmen selbstverständlich war - nicht mehr an Verhandlungstisch der Verkehrsministerkonferenz teilnehmen.
Dann stritt man sich zwischen Bahn und Senat um die ICE-Anbindung des neuen Großflughafens BBI in Schönefeld.
Und nicht zuletzt vergiftete auch das Thema Tempelhof die Atmosphäre zwischen der Bahn und dem Senat. Denn Mehdorn hatte angeboten, den von der Schließung bedrohten innerstädtischen Flughafen für Geschäftsflieger weiter betreiben zu wollen - was Wowereit ablehnte.
Berlin macht wiederum den früheren Bahnchef Hartmut Mehdorn, der die S-Bahn für den geplanten Börsengang auf hohe Gewinne trimmen wollte, für die Probleme verantwortlich, die das Nahverkehrsunternehmen und ihre Kunden seit mittlerweile zwei Jahren plagen. Weil die S-Bahn wegen Sicherheitsproblemen und Wartungsmängeln zu wenig einsatzbereite Wagen hat, kann sie seit 2009 die von den Ländern bestellte und den Fahrgästen erwartete Leistung nicht mehr erbringen. Die neue S-Bahn-Führung muss mit großem Aufwand Fehlentscheidungen aus der Vergangenheit ausbügeln. Sie hat nach eigenen Angaben noch bis Ende 2012 oder Anfang 2013 damit zu tun, alle derzeit laufenden Reparatur- und Umrüstprogramme abzuarbeiten. Erst dann die S-Bahn den kompletten Fahrplan wieder einigermaßen stabil anbieten.
"Mein Vorstand hat die Bahn nicht kaputtgespart, wir haben sie saniert." (Mehdorn blickt im Januar 2011 in der „FAS“ auf seinen Sparkurs für den geplanten Börsengang des Staatskonzerns zurück)
"Vielleicht hat er sich geärgert, dass er nicht mein Chef war." (Mehdorn räsoniert im April 2009 in der „Bild“-Zeitung über Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, SPD)
"Meine fast zehn Jahre bei der Bahn waren eine tolle Zeit. Manchmal ein wenig verrückt. Immer aufregend." (Mehdorn am 30. März 2009, unmittelbar nachdem er seinen Rücktritt als Bahnchef erklärt hat)
"Es handelt sich hier nicht um einen Datenskandal, sondern um eine Kampagne zur Veränderung der Unternehmensführung und der Unternehmenspolitik." (Mehdorn am 30. März 2009 über die Affäre um den Abgleich von Mitarbeiterdaten und das Ausspionieren von E-Mails bei der Bahn)
"Wir finden, dass wir das sehr kommod gemacht haben. Eigentlich müssten wir dafür Lob bekommen." (Mehdorn am 9. September 2008 in Berlin über Preiserhöhungen bei der Bahn um durchschnittlich 3,9 Prozent)
"Diplomat wollte ich nie werden." (Titel des 2007 erschienen Gesprächsbandes mit Mehdorn)
"Wir freuen uns, wenn die anderen Staatsbahnen auseinandergenommen werden. Dann machen wir sie platt." (Mehdorn am 13. Juli 2007 nach Ausführungen darüber, warum die Bahn nach der Privatisierung einschließlich Netz bewirtschaftet werden sollte)
"Wenn ich mal das Glück haben dürfte, BMW oder Porsche zu leiten, dann wäre ich die Nummer Eins." (Mehdorn am 14. Januar 2004 in Berlin auf die Frage, was er tun wolle, um das Image der Bahn und sein persönliches Ansehen in der Wirtschaftswelt zu verbessern)
"Mein größtes Problem ist, dass alle eine kleine elektrische Eisenbahn zu Hause haben, damit spielen und viel Spaß haben und alle denken, sie könnten auch mit der großen Eisenbahn spielen. Ich bin aber der Einzige, der die große hat." (Mehdorn am 29. September 2001 in einem Interview mit dem Nachrichtensender n-tv)
"Wichtig ist nicht, ob ein Zug zu spät kommt, sondern ob die Fahrgäste ihre Anschlüsse schaffen." (Mehdorn in der ARD-Sendung „Sabine Christiansen“ am 17. April 2000)