Jobs in Gefahr
Opel-Mitarbeiter leben in zwei verschiedenen Welten
Den Opelanern in Rüsselsheim, Eisenach und Gleiwitz geht es gut. Doch im Bochumer Werk bangen hunderte Beschäftigte um ihre Jobs.
Von Nikolaus Doll
Der Wagen fährt stets elektrisch, ist der Akku leer, übernimmt ein Benzinmotor die Stromproduktion. Doch die Vorteile des E-Antriebs bleiben stets erhalten, unter anderem das starke Drehmoment ohne Schaltrucke.
So ganz hat die GM-Tochter Opel die Folgen der großen Autokrise noch immer nicht überwunden. Während Daimler, Volkswagen oder BMW zurzeit wahre Jobmaschinen sind, gibt es bei Opel zwei Welten: eine heile in den Werken Rüsselsheim, Eisenach oder Gleiwitz, die kräftig hochgefahren werden.
Und eine weniger schöne, nämlich die des Standorts Bochum. Dort spitzt sich das Ringen um den Stellenbau zu – in dieser Woche könnte es erstmals betriebsbedingte Kündungen geben. Bis Montagabend hatten die Bochumer Zeit, die von Management geforderte Zahl an Aufhebungsverträgen zu unterschreiben.
Im Zusammenhang mit dem europäischen Sanierungsprogramm des Mutterkonzerns General Motors GM) sollen in Bochum 1800 Stellen abgebaut werden. Freitagabend fehlten noch 124 Unterschriften. Wie viele im Verlauf des Montag noch unterzeichneten, will das Unternehmen nicht verraten. Klar ist nur: Die anvisierte Zahl wurde nicht erreicht.
Das Unternehmen will sich "die Situation" nun anschauen, hieß es in der Rüsselsheimer Zentrale. Die "notwendigen Maßnahmen" wolle man dem Betriebsrat noch in dieser Woche vorstellen. Die Adam Opel AG hatte betriebsbedingte Kündigungen für den Fall angekündigt, dass nicht genügend Mitarbeiter wechseln oder eine Abfindung annehmen. Auf dieses Prozedere hatte man sich nach einen Verfahren vor einer Schiedsstelle verständig. Opel hatte gekündigt, den Abbau sozialverträglich zu gestalten.
Doch der Bochumer Betriebsrat will betriebsbedingte Kündigungen nicht akzeptieren. "Es gibt eigentlich auch genug Beschäftigung im Bochumer Werk, sie muss nur anders aufgeteilt werden", sagte Betriebsratschef Rainer Einenkel. Möglich seien Arbeitszeitverkürzungen oder Kurzarbeit. "Wir sind auch der Meinung, dass die Zahlen falsch gerechnet sind." Man werde um jeden Job kämpfen.
Kämpferisch macht die Bochumer auch die Tatsache, dass das Management die anderen Standort kräftig aufstockt bzw. mit Zeitarbeitern verstärkt. In Rüsselsheim gibt es nach Angaben des Betriebsrates rund 1000 Zeitarbeiter, im polnischen Opel-Werk Gleiwitz würden derzeit ebenfalls rund 1000 Leih- und Zeitarbeiter eingesetzt, die dort den neuen Astra bauen. Und in Eisenach soll es sogar neue Vollzeitstellen geben. Rund 200 Mitarbeiter werden voraussichtlich zusätzlich eingestellt, wenn ab kommenden Jahr der Kleinwagen mit dem Arbeitstitel "Junior" vom Band läuft. "Wie kann es da sein, dass Bochum bluten muss?", fragt Einenkel kämpferisch.
Nach Angaben des Managements ist die Situation jedoch längst nicht so dramatisch, wie von den Arbeitnehmervertretern dargestellt. Auf die Zahl von 1000 Zeit- und Leiharbeiter im Stammwerk Rüsselsheim käme man nämlich nur, weil 300 Stellen für "Wechsler" aus Bochum bereit gehalten würden. "Wir haben Bochumern Angebote gemacht, künftig in Rüsselsheim zu arbeiten", sagt ein Opel-Manager.
Doch bislang hätten sich nur 150 aus dem Standort im Ruhrgebiet bereit erklärt, ins Stammwerk zu wechseln. Wer diese Alternative innerhalb des Unternehmens ausschlagen würde, müsse tatsächlich mit einer betriebsbedingten Kündigung rechnen.
Ob es tatsächlich dazu kommt, ist fraglich. Das Management hat kein Interesse an einer Fortsetzung des Schlagabtauschs mit den Bochumern. "Jene Mitarbeiter, die es treffen könnte ist zur Hälfte zwischen 40 und 53 Jahre alt, die kriegen keinen neuen Job mehr und werden sich nach Kräften wehren", sagt Betriebsratschef Einenkel voraus.
Stellenabbau ohne Eklat
Verfahren vor dem Arbeitsgericht nach Klagen gegen eine Kündigung dauern in aller Regel ein bis eineinhalb Jahre. "Das bedeutet, dass Opel auch 2012 noch mit Stellenabbau Schlagzeilen machen wird. Das kann man im Jahr des 150. Bestehens dieses Unternehmens wirklich nicht brauchen", hofft Einenkel.
Die Tatsache, dass mit Ablauf der Unterzeichnungsfrist Montagabend nicht umgehend Kündigungen ausgesprochen wurden, zeigt, dass man in Rüsselsheim fieberhaft überlegt, wie man den Stellenabbau ohne Eklat abschließen kann. Möglich wäre, dass man die Abfindungen aufstockt oder den Jobabbau streckt – doch bis zum Produktionsanlauf des "Junior" in Eisenach wird das nicht möglich sein. Zumal die Bochumer bislang nur geringe Bereitschaft gezeigt hatten, selbst ins Stammwerk zu wechseln.
Das Werk in Eisenach bereitet sich derweil auf den Bau des neuen Kleinwagens vor, mit dem die GM-Tochter neue Kunden gewinnen will. "In der ersten Ausbauphase liegen wir genau im Zeitplan", sagte Werksleiter Stefan Fesser. Während der Werksferien seien in der Karosseriefertigung und in den Lackieranlagen umfangreiche Umbauten vorgenommen und neue Technik installiert worden. "Das ist der größte Umbau des Werkes seit der Aufnahme der Produktion im Jahr 1992", fügte Fesser hinzu. Sieben Fertigungsstrecken wurden bislang umgebaut und zwei Linien neu aufgebaut worden, um in Eisenbach künftig neben dem Corsa auch das neue Modell fertigen zu können.
Derzeit werden sie eingerichtet und geprüft. Auch mit dem Bau einer neuen Werkhalle wurde in Eisenach begonnen. Ohne sie könnte das Werk die Produktion eines zweiten Fahrzeugtyps nicht bewältigen. Bereits Mitte 2012 muss die Halle fertig sein, damit die Vorserienproduktion des neuen Kleinwagens anlaufen kann.
Im Vergleich zum Corsa werden beim "Junior" nach Angaben des Unternehmens mehr Komponenten in Eisenach hergestellt, darunter Achsaufhängungen, Federbeine und Heckklappen. Die Investitionen für den Bau des neuen Modells beziffert Opel auf 190 Millionen Euro.
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