Niedrigere US-Bonität
Weltweit zittern Staatschefs um ihr Triple-A-Rating
Die Angst vor den Ratingagenturen hat die Welt erfasst. Wie lässt sich das Triple-A Frankreichs rechtfertigen, wenn Amerika keins mehr hat?
Von Martin Greive und Tobias Kaiser
Zum ersten Mal seit 1941 hat eine Ratingagentur den USA die Top-Bonitätsnote entzogen . Standard & Poor’s (S&P) stufte die Kreditwürdigkeit der größten Volkswirtschaft um eine Stufe auf AA+ zurück. Auch die Aussichten für die nähere Zukunft beurteilte die Agentur negativ. Das könnte zu weiteren Turbulenzen auf den Finanzmärkten führen. Auch den Ratingagenturen dürften nach dem Urteil ungemütliche Zeiten drohen.
"Wir leben in einer Welt nach der Finanzmarktkrise, in der das Top-Rating langsam ausstirbt. Japan hat es nicht mehr, eine von drei Agenturen hat es der USA entzogen und Frankreich könnte die Bestnote als nächstes Land verlieren", sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Wenn die Kreditwürdigkeit eines Landes sinkt, verteuert sich die Finanzierung des Staatshaushaltes – und das Land ist zu weiteren Sparmaßnahmen gezwungen.
S&P begründete seine neue Einstufung der US-Finanzqualität mit dem Fehlen eines nachhaltigen Sparkonzeptes. Die US-Regierung warf S&P Rechenfehler vor. Die Bonitätsprüfer verteidigten sich. Die Agentur habe mehrfach gewarnt, dass eine Herabstufung folgen könne, wenn Kongress und Regierung keinen glaubhaften Plan zum Defizitabbau vorlegten. Zweifel hegt S&P auch an der Berechenbarkeit der US-Politik, nachdem sich Demokraten und Republikaner einen heftigen Streit um die Schuldengrenze geliefert hatten.
Mit der schlechteren Bonitätsnote dürften Kredite für die US-Regierung, aber auch für Unternehmen und Verbraucher teurer werden. Experten rechnen mit längerfristig höheren staatlichen Kreditkosten von 100 Mrd. Dollar. Die deutschen Banken und Versicherer müssen wegen der Herabstufung nach Einschätzung von Experten keine Abschreibungen fürchten.
Auch ein "AA+" liegt noch im risikoarmen Bereich, in dem Versicherer 95 Prozent ihres Geldes anlegen müssen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hatte bereits in der abgelaufenen Woche Entwarnung gegeben. "Konsequenzen für die Kapitalanlagetätigkeit der Versicherer sehen wir vor diesem Hintergrund nicht." Kalt lassen dürfte die Abwertung Investoren jedoch nicht.
Sorgen, dass nach den USA bald auch Frankreich seine Top-Bewertung verlieren könnte, versuchte S&P zu zerstreuen. Die Benotung von AAA sei stabil, sagte S&P-Europaexperte Jean-Michel Six. Eine Herabstufung Frankreichs könnte die Rettungsmaßnahmen für angeschlagene Euro-Länder ernsthaft gefährden. Die Debatte um eine schärfere Regulierung der Ratingagenturen gewinnt unterdessen weiter an Fahrt. In den vergangenen Wochen hatten europäische Politiker Kritik an den Agenturen geübt. Sie hätten die Kreditwürdigkeit europäischer Staaten zu schnell heruntergestuft – und so die Krise befeuert.
Die Ratingagenturen wehrten sich: Sie beurteilten nur die Wahrscheinlichkeit, dass ein Land seine Schulden nicht bedienen könne. Die Politik hat nun aber offenbar genug – und will die Macht der Ratingagentur brechen. "Die Ratingagenturen werden sicherlich stärker reguliert werden", sagt Carsten Brzeski, Volkswirt bei ING. So könnte es schon bald eine europäische Ratingagentur geben. Viele Experten sehen diese aber wegen mangelnder Unabhängigkeit kritisch.
Eine andere Lösung könnte sein, die Bedeutung von Ratings in der Finanzwelt zu mindern. Viele Lebensversicherungen etwa dürfen nur Wertpapiere mit einem Top-Rating kaufen. Sobald die Papiere unter eine bestimmte Ratingschwelle fallen, müssen sie sie verkaufen – was zu Turbulenzen auf den Finanzmärkten führen kann. "Diese Bewertungen, obwohl sie einem unkontrollierten Meinungsoligopol entstammen, bekommen dadurch eine gefährliche Macht", sagt Joachim Poß, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. "Das Urteil der Ratingagenturen darf nur als eines von vielen betrachtet werden."
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