25.07.11

DIW-Studie

Berlin ist sexy, aber arbeitslos

In Berlin wächst die Wirtschaft wie lange nicht, doch die Arbeitslosenquote bleibt hoch. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung erklärt die Gründe für diesen Widerspruch.

Von Nando Sommerfeldt
Foto: dapd/DAPD
Aufschwung drueckt Arbeitslosigkeit weiter unter drei Millionen
Der Hauptstadt fehlt die breite Basis von qualifizierten Jobsuchenden

Zuerst die gute Nachricht: Berlin wächst, die Wirtschaft boomt und auch die Zahl der Arbeitsplätze ist in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen. Doch trotz dieser Erfolgsgeschichten steht am Ende die bittere Erkenntnis: Das Problem mit der Arbeitslosigkeit bekommt die Hauptstadt einfach nicht in den Griff. Während die Quote in der Bundesrepublik in den vergangenen zwei Jahren kontinuierlich sank, stagniert sie in Berlin – trotz des Wachstums. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, die der Morgenpost vorliegt.

Die Situation erscheint auf den ersten Blick paradox. Denn in Sachen Wirtschaftswachstum lag Berlin in den vergangenen Jahren regelmäßig über dem Bundesdurchschnitt. "Auch die Beschäftigung hat stark zugelegt", bestätigt Studienautor Karl Brenke. Insgesamt ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs seit 2005 um 100.000 gestiegen; Minijobs und Selbstständige sind dabei sogar noch ausgeklammert. Doch warum verharrt die Arbeitslosigkeit dennoch auf dem hohen Niveau? Brenke kennt die Antwort: "Das liegt daran, dass der Beschäftigungsboom viele Leute von auswärts nach Berlin gezogen hat, die dann viele der neu geschaffenen Jobs besetzt haben."

Es fehlen qualifizierte Bewerber

Doch das ist nicht der einzige Grund: Der Hauptstadt fehlt nämlich schlichtweg die breite Basis von qualifizierten Jobsuchenden. Sie sind es, die in Boomphasen schnell wieder eine Arbeit finden und die Quote senken. Doch in Berlin gibt es diese Arbeitskräfte nicht. Stattdessen hat die Stadt ein massives Problem in Sachen Langzeitarbeitslosigkeit. Mehr als 80 Prozent der Arbeitslosen beziehen Hartz IV – ein trauriger Rekord. "Das deutet darauf hin, dass sie entweder keine Berufserfahrung haben oder länger arbeitslos und aus dem Leistungssystem des Arbeitslosengeldes herausgefallen sind. Viele sind also arbeitsmarktfern", erklärt DIW-Experte Brenke das Problem.

Alle Maßnahmen, diesem Notstand zu begegnen, haben also nicht gefruchtet. Dafür spricht der hohe Anteil an Hartz IV-Empfängern, die keine Berufsausbildung haben, und dafür spricht schließlich auch, dass Berlin in manchen Berufszweigen extrem hohe Arbeitslosenquoten vorweist. Das gilt zum Teil für unqualifizierte Arbeitskräfte, das gilt aber auch überraschend oft für Akademiker, Sozialwissenschaftler und Künstler. In manchen dieser Berufe wohnt mittlerweile ein großer Teil der Arbeitslosen in Berlin.

Überhaupt gewährt der Blick auf die einzelnen Berufsgruppen einen Einblick in die besonderen Jobprobleme dieser Stadt. Es gibt zahlreiche Gruppen, die auf eine Arbeitslosenquote von etwa 50 Prozent kommen. So ist beispielsweise jeder zweite Maler, Maurer oder Gärtner ohne Arbeit – ganz anders als im Rest der Bundesrepublik. Fast alle Arbeitslosen in diesen Berufen bekommen Leistungen nach Hartz IV – sind also schon lange ohne Anstellung. Auch in einigen Berufen, die üblicherweise eine betriebliche Berufsausbildung voraussetzen, ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch. Dazu gehören einige Köche, Körperpfleger oder Schneider.

Auch Akademiker finden keine Jobs

Ein Berliner Phänomen ist ebenfalls, dass auch in Berufen, die eine akademische Ausbildung voraussetzen, hohe Arbeitslosigkeit herrscht. Das gilt vor allem für Geistes- und Sozialwissenschaftler, aber auch für Wirtschaftswissenschaftler und für Sozialarbeiter – außerdem für Künstler und Publizisten. Zwar gibt es in Berlin relativ viele Beschäftigte mit solchen Professionen, zugleich aber auch eine sehr hohe Arbeitslosenquote. "Berlin hat offenbar eine hohe Anziehungskraft für Intellektuelle und Künstler – auch wenn die Stadt bisher nur unzureichende Beschäftigungsmöglichkeiten bietet", schreiben die DIW-Forscher in der Studie.

Ein ganz großes und hinlänglich bekanntes Problem hat die Stadt beim Thema Jugendarbeitslosigkeit. Das liege in erster Linie an dem eklatanten Mangel an Ausbildungsplätzen. So war im September 2010 der Anteil der Auszubildenden an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit 4,8 Prozent in Berlin niedriger als in jedem anderen Bundesland (Bundesdurchschnitt 6,1 Prozent).

Nicht zuletzt wegen dieser Zahl fällt auch die Zukunftsprognose der DIW-Experten eher ernüchternd aus. Alles spreche dafür, dass sich ein der Arbeitslosenbestand nur schwer abbauen lässt – selbst dann, wenn in den nächsten Jahren der Beschäftigungsaufbau anhalten sollte. "Zudem ist anzunehmen, dass auch in Zukunft neu entstehende Arbeitsplätze zu einem großen Teil mit Personen besetzt werden, die nach Berlin zuwandern", prophezeit Brenke. Den politischen Bemühungen, die Situation zu verbessern, kann er nicht viel abgewinnen. Man versucht zwar über einen öffentlich geförderten Beschäftigungssektor, Arbeitslose wieder in Lohn und Brot zu bekommen, das Problem ist aber, dass dies keine nachhaltigen und zum Teil sogar sinnlose Beschäftigungen sind. Brenke: "Solche Tätigkeiten motivieren nicht und halten zum Teil auch davon ab, dass die Betroffenen sich einen regulären Job suchen."

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