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30.05.11

Gesundheit

Kassen fordern Abbau des "Überangebots an Ärzten"

Streit um die Versorgung: Während Ärzte vor einem dramatischen Medizinermangel warnen, fürchten die Krankenkassen eine teure Überversorgung.

picture-alliance / dpa/dpa

... zum Beispiel diese Aktion aus dem Jahr 2000. Bahr, damals JuLi-Vorsitzender, setzte sich vor dem Kanzleramt in einen mit Wasser gefüllten Bottich, um zu demonstrieren, dass der Jugend "das Wasser bis zum Hals" stehe. Im Hintergrund: FDP-Größe Hermann Otto Solms, für den das Ganze eher nicht als Jugendsünde durchgeht.

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Kurz vor dem Deutschen Ärztetag in Kiel haben die Ersatzkassen einen Abbau des "Überangebots an Ärzten" gefordert. Mit 397 Ärzten je 100.000 Einwohner sei 2010 ein neuer Höchststand bei der Arztdichte erreicht worden, sagte der Vorsitzende des Verbandes der Ersatzkassen (vdek), Thomas Ballast, in Berlin. Das seien rund 31 Prozent mehr als 1991. Die Menschen seien aber nicht kränker geworden. Ballast forderte mehr Mobilität und Flexibilität von den Ärzten. "Wir brauchen gut ausgebildete Ärzte in bestimmten ländlichen Regionen, in Städten ist der Bedarf dagegen weit mehr als gedeckt."

"Wir sollten die Beitragsgelder der Versicherten dort einsetzen, wo Probleme oder Engpässe sind, nicht jedoch noch in Überversorgung investieren", sagte Ballast. Diagnostik und Therapie sollten zudem auf das medizinisch Notwendige konzentriert werden. "Weniger ist oft mehr, zuviel Medizin kann den Patienten auch schaden." Der vdek vertritt die Barmer-GEK, die Techniker Krankenkasse und die weiteren Ersatzkassen mit mehr als 24 Millionen Versicherten.

Der Ärztetag beginnt an diesem Dienstag in Kiel. Im Mittelpunkt steht dabei das geplante Versorgungsgesetz, mit dem Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) künftigem Ärztemangel vorbeugen will.

Ärztevertreter sprachen im Gegensatz zu den Kassen von einem "dramatischen" Medizinermangel. Der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank-Ulrich Montgomery, sagte der "Passauer Neuen Presse", die Arbeitsbedingungen seien so unattraktiv, dass viele Medizin-Absolventen nicht als Arzt in Deutschland tätig sein wollten. Sie wanderten ins Ausland ab und in die Industrie. "Im vergangenen Jahr sind schon wieder 3.500 deutsche Ärzte ins Ausland gegangen."

Die meisten seien durch ausländische Mediziner ersetzt worden. "Schon hören wir in den Krankenhäusern die Klage, dass sich auf manchen Stationen kaum noch Ärzte finden lassen, die überhaupt Deutsch sprechen", sagte er. Das könne zu Missverständnissen in der Behandlung führen.

"Wenn es so weiter geht wie bisher, werden uns in 20 Jahren rund 50.000 Ärzte fehlen." Deshalb müssten die Arbeitsbedingungen und Vergütungen dringend verbessert werden. Bahrs Versorgungsgesetz sei ein "guter erster Schritt". Montgomery forderte zudem eine Reform der ärztlichen Gebührenordnung bis zum Ende der Legislaturperiode.

Zuvor hatte bereits die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) gewarnt, viele niedergelassene Ärzte fänden keinen Nachfolger. Knapp 700 Praxen hätten deshalb 2010 schließen müssen. Dies beweise, wie real der Ärztemangel heute schon sei, erklärte KBV-Chef Andreas Köhler. Bis zum Jahr 2020 würden 66.830 niedergelassene Ärzte in den Ruhestand gehen, rechnete die KBV vor. "Die Menschen werden immer älter und somit auch kränker", sagte Köhler weiter.

Auf einen Arzt kämen daher immer mehr Patienten. Auf der Vertrerversammlung der KBV in Kiel ergänzte Köhler, die Rolle des Arztes habe sich gewandelt. Da familiäre Hilfe- und Unterstützungssysteme immer mehr versagten, werde das Bedürfnis vieler Menschen nach Zuwendung immer häufiger in der Arztpraxis erfüllt. Dies erkläre auch den hohen Durchschnitt von Arztbesuchen in Deutschland.

Der neue Gesundheitsminister Bahr will junge Mediziner mit besseren Verdienstmöglichkeiten aufs Land locken. Im Gegenzug sollen Praxen in den Ballungsräumen geschlossen werden. Im Interview mit "Morgenpost Online" sagte Bah r, zwar gebe es heute noch keine "dramatischen Engpässe, da haben die Kassen recht". In wenigen Jahren könnte dies anders aussehen. Mit dem Versorgungsgesetz würden jetzt neue Anreize geschaffen. Bahr: "Ich kann ja keinen Arzt zwingen, sich auf dem Land niederzulassen, wenn er in Köln, Berlin oder München arbeiten will".

Auf dem 114. Ärztetag in Kiel wird auch ein Nachfolger für den scheidenden Präsidenten der Bundesärztekammer Jörg- Dietrich Hoppe gewählt. Der 70-jährige Pathologe tritt nach zwölf Jahren an der Kammerspitze nicht mehr an. Als Favoriten für die Nachfolge unter den fünf Bewerbern gelten Hoppes Vize Frank-Ulrich Montgomery und der Berliner Kammerpräsident Günther Jonitz.

Ärztetag spricht über ethische Themen

Bis Ende der Woche setzt sich das "Parlament der Ärzteschaft" zudem mit den brisanten ethischen Themen Sterbehilfe und Präimplantationsdiagnostik auseinander. Die rund 250 Delegierten aus den Landesärztekammern gelten als offizielle Repräsentanten aller 350.000 berufstätigen Ärzte in Deutschland; ihre Beschlüsse sind für alle Mediziner verbindlich.

Die Ärzte stimmen auch über einen Antrag ab, in dem rechtsverbindlich formuliert wird, dass Ärzte "keine Hilfe zur Selbsttötung leisten" dürfen. Das ist eindeutiger als in der bisher geltenden Berufsordnung, in der es lediglich heißt, dass Ärzte das Leben Sterbender nicht aktiv verkürzen dürfen. "Wir setzen mehr auf Palliativmedizin und Schmerztherapie", sagte Montgomery.

Bei einer entsprechenden Behandlung verlören Patienten meist schnell ihren Suizidwunsch. Montgomery: "Wir sind klar gegen den ärztlich assistierten Selbstmord und werden das in unserer Berufsordnung noch einmal klarstellen."

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