Senioren
So wimmeln die Kassen City-BKK-Versicherte ab
Die 92.000 Versicherten der City BKK müssen nach der überraschenden Insolvenz eine neue Krankenkasse finden. Doch das gestaltet sich gerade für ältere Menschen gar nicht so einfach. Drei Erfahrungsberichte.
Von Birgit Haas und Leon Scherfig
Charlotte Zbell legt fassungslos den Hörer auf. Die 84 Jahre alte Rentnerin möchte Mitglied bei der Barmer GEK werden. Doch der Sachbearbeiter hat ihr kurz angebunden am Telefon mitgeteilt, dass sie sechs Wochen warten müsse, bis sie Bescheid bekäme. "Zum jetzigen Zeitpunkt wollte er mir keine Zusage geben." Eine Unverschämtheit, findet Charlotte Zbell. Sie habe zwar ein schwaches Herz, leide an Osteoporose, doch Operationen stehen bei der ehemaligen Krankenschwester nicht an. "Doch die Krankenkasse sucht sich ihre Mitglieder anscheinend aus." Pflegebedürftige Senioren sind nicht erwünscht, da sie hohe Kosten verursachen könnten.
Dabei sucht Charlotte Zbell nach der für sie überraschenden Schließung ihrer bisherigen Krankenkasse City BKK händeringend einen neuen Krankenversicherer. Und die Barmer GEK ist eigentlich zur Aufnahme verpflichtet. Wie die anderen gesetzlichen Krankenkassen auch, bei denen sich die 168.000 Mitglieder der City BKK, von denen 92.000 in Berlin leben, bewerben können. Die Krankenkassen seien untereinander im Haftungsverbund. Deshalb müssten sie füreinander einstehen, auch im Falle eines Konkurses, wie bei der City BKK, die wegen Überalterung – etwa die Hälfte der BKK-Mitglieder ist über 65 Jahre alt – die Pflegekosten nicht mehr tragen konnte.
Ältere Neukunden seien jedoch von anderen Krankenkassen abgewimmelt worden, da "es schon zu viele Neuanmeldungen gebe und man es erst einmal woanders probieren sollte", berichtet der Geschäftsführer der Verbraucherzentrale Berlin, Harmut Bäumer. Unmoralisch, diskriminierend und rechtswidrig sei das Verhalten der Krankenkassen, kritisiert der Jurist Hartmut Bäumer. "Die Kassen müssen begreifen, dass sie Dienstleister sind und es ihnen nicht zusteht zu selektieren."
Die Witwe Erna Heilgermann sitzt seit einer misslungenen Hüft-Operation im Rollstuhl. Wer weiß, was noch alles auf sie zukommt. Im Kopf sei sie fit, aber seit die Hüfte nicht mehr will, ist die 73 Jahre alte Frau auf Pflege angewiesen. 400 Euro Pflegegeld bekommt sie monatlich von der Krankenkasse. Das reicht nicht, Erna Heiligermann zahlt noch drauf.
Verunsicherte Senioren
Erna Heilgermann würde gerne zur Techniker Krankenkasse wechseln. Doch die TK Berlin will vor der Aufnahme eine Bestätigung der früheren Krankenkasse sehen, die das Versichertenverhältnis für beendet erklärt. "Und die habe ich von der City BKK noch nicht bekommen."
Rüdiger Kunz, Sprecher vom Deutschen Roten Kreuz Berlin (DRK) spricht derzeit mit vielen verunsicherten Senioren, die vom DRK gepflegt und versorgt werden. "Eine längere Suche nach einer neuen Krankenkasse überfordert viele Pflegepatienten." Rüdiger Kunz erzählt von Menschen, die am Telefon in Tränen ausbrechen, weil sie nicht wissen, wer ihre Pflege nach dem 1. Juli finanziert.
SPD richtet Beschwerdetelefon ein
Die Techniker Krankenkasse räumt nun organisatorische Probleme bei der Aufnahme der BKK-Versicherten ein. Eine Kündigungsbestätigung sei beim Wechsel einer Krankenkasse zwar üblich, meint TK-Sprecherin Heike Weinert. Im Fall der City BKK sei aufgrund der Insolvenz ein solches Formular nicht notwendig. "Es kann sein, dass diese Information nicht zu allen Sachbearbeitern vorgedrungen ist." Sie könne sich nur entschuldigen.
Die DAK bestätigt, alle Bewerber problemlos aufzunehmen und rät, bei Problemen eine Beschwerde an das Bundesversicherungsamt zu schreiben.
Keine der beiden Krankenkassen möchte allerdings alle BKK-Mitglieder übernehmen. Übersteigen die Kosten für Pflegepatienten die Ausgleichszahlungen aus dem Gesundheitsfonds der Bundesregierung, müssten sie die Zusatzbeiträge aller Versicherten anheben. Die DAK erhebt derzeit einen Zusatzbeitrag von acht Euro, die TK noch keinen. "Wir hoffen, dass das so bleibt", sagt TK-Sprecherin Weinert.
Aus der Politik bekommen die Senioren nun Unterstützung. Der gesundheitspolitische Sprecher der Berliner SPD-Fraktion, Thomas Isenberg, hat am Mittwoch unter der Nummer Tel:39838508 ein Beschwerdetelefon eingerichtet. "Das Recht auf freie Wahl einer gesetzlichen Krankenkasse ist ein fundamentales Versichertenrecht. Wer sich bei Schikanen nicht wehrt, hat häufig verloren. Deswegen habe ich mich entschlossen, Versicherten direkt den Rücken zu stärken." Thomas Isenberg kritisierte die Krankenkassen, das Vertrauen der Bürger in eine solide Krankenversicherung zu verspielen.
Charlotte Zbell ist schon jetzt enttäuscht. 34 Jahre habe sie im Gesundheitswesen gearbeitet, jetzt muss sie sich durch einen Berg von Dokumenten arbeiten. "Ein richtiger Papierkrieg", sagt die Rentnerin aus Wilmersdorf. Sie befürchtet, dass am Ende die Rentner die Dummen sind.
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