01.05.11

40.000 Jobs

Wie Berlin vom Flughafen BBI profitiert

Bei der Unternehmertafel der Berliner Morgenpost haben Vertreter der Berliner Wirtschaft über die Zukunft des Flughafens BBI diskutiert. Alle sind sich einig: Die Region wird enorm profitieren. Dies müssten auch die Anrainer in Schönefeld verstehen.

Von Katrin Schoelkopf
Foto: pure rendering GmbH

Am 3. Juni 2012 sollte der Flughafen Berlin Brandenburg International in Schönefeld eröffnet werden. Vier Wochen vor dem großen Tag wurde die Eröffnung verschoben. Zum zweiten Mal. Denn ursprünglich sollte der BER am 30. Oktober 2011 an den Start gehen.

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Berlins erster Tourismus- und Kongressvermarkter, Burkhard Kieker, nennt ihn etwas pathetisch den "letzten Schlussstein der Kathedrale Berlin", den "qualitativen Nachbrenner für das Tourismusgeschäft". Steffen Kammradt geht davon aus, dass er die Region in zehn Jahren "so verändern wird, dass sie nicht wiederzuerkennen ist". Kammradt ist Chef der Brandenburger Wirtschaftsfördergesellschaft ZAB und spricht wie Kieker vom Hauptstadtflughafen BBI in Schönefeld.

Der Bürgermeister der Flughafengemeinde, Udo Haase, profitiert heute schon vom Airport. Binnen zehn Jahren verdoppelte sich die Anzahl der Schönefelder Firmen auf 1800. Die Zuwächse bei den Einnahmen aus der Gewerbesteuer sind verglichen mit anderen Brandenburger Kommunen einzigartig. Raphael von Heereman, bei Qatar Airways zuständig für die Luftfahrtpolitik, sieht den neuen BBI mit der Möglichkeit des schrittweisen Ausbaus gut für die Zukunft gerüstet. Und der Flughafenchef selbst? Rainer Schwarz kann nicht verstehen, dass über den neuen Hauptstadtflughafen – Stichwort Flugrouten und Nachtflug – "so kleinteilig diskutiert wird, wo uns doch ganz Deutschland um diese Situation beneidet". Scharf kritisiert er diejenigen, die einen Baustopp für den BBI und die Verlagerung des Großflughafens nach Sperenberg forderten, um die Schönefeld-Anrainer vom Lärm zu entlasten. Auch Bürgermeister Haase hat wenig Verständnis für die "Protestler", die in seiner vom Flughafen profitierenden Gemeinde bis auf ganz wenige nicht vertreten seien. "Wir können mehr als zufrieden sein mit der Entwicklung", sagt Haase. "Viele internationale Firmen fragen in meinem Büro nach. Je näher der Eröffnungstermin kommt, desto stärker wird der Ansiedlungsdruck."

Neue Interkontinental-Strecken

Ein gutes Jahr vor Eröffnung zweifelt in der Runde der Wirtschaftsvertreter, die sich zur Unternehmertafel der Berliner Morgenpost und der Kienbaum Berlin GmbH eingefunden hatten, niemand an der Notwendigkeit des BBI und dessen Funktion als Konjunkturmotor. Das Thema der 33. Unternehmertafel im Journalistenclub des Axel-Springer-Hochhauses: "Flughafen BBI – Jobmaschine und Initial für die Berliner und Brandenburger Wirtschaft", stellt denn auch keiner der Gäste infrage. Unterschiedliche Ansichten gibt es eher zu Fragen, wie teuer ein Flughafen für Airlines werden darf, um nicht zu floppen. Oder über das Engagement der Lufthansa. Was wäre, wenn der neue Hauptstadtflughafen BBI nicht so käme, wie er geplant ist? Welche Auswirkungen hätte das auf den Tourismus, hatte Michael Tippmann zu Beginn des Gesprächs die Expertenrunde gefragt.

psavDieses Szenario will sich Berlins erster Tourismus- und Kongressvermarkter Kieker gar nicht vorstellen. Denn der Flugverkehr sorgte für einen ungeahnten Tourismusboom. 60 bis 70 Prozent der ausländischen Gäste kommen per Flugzeug. Vom BBI erhofft sich Kieker durch neue Interkontinentalverbindungen einen qualitativen Sprung für den Tourismus, insbesondere für das Kongressgeschäft und die Wirtschaft generell. "Der Tourismus braucht den BBI. Er ist auch notwendig, um die Aufholjagd mit dem Flughafenstandort München aufzunehmen.", sagt Kieker. "Wir brauchen interkontinentale Verbindungen, wenn wir nicht Kongressgeschäft verlieren wollen." "Wir freuen uns daher auf Air Berlin." Die zweitgrößte deutsche Airline baut bereits mit Blick auf den BBI Drehkreuzstrukturen in Berlin auf und fliegt Tegel täglich in mehreren Wellen an. Sie schafft damit die Voraussetzungen für Umsteige- und auch Langstreckenverkehr und will sich die Vormachtstellung auf dem Berliner Markt sichern. So findet heute der Erstflug der Fluggesellschaft von Tegel nach New York statt.

"Berlin hat sich zur hochattraktiven Stadt, zu einer der weltweit wichtigsten Kongressstädte entwickelt. Wir feedern hier rein und schicken die Flieger dann wieder raus. Und es funktioniert", sagt der Bevollmächtigte des Air-Berlin-Vorstands, Matthias von Randow. Mit "feedern" – zu Deutsch "füttern" – sind Zubringerflüge gemeint, die Passagiere zum Umsteigen nach Berlin bringen. Air Berlin macht in der Hauptstadt nun das, was Politik und Flughafenbetreiber seit Jahren von Lufthansa erwartet hatten. Doch die Kranich-Airline hat ihre Drehkreuze längst in München und Frankfurt/Main aufgebaut. "De facto gibt es diese beiden Hubs, die wir nicht aufgeben wollen", sagt Thomas Kropp, Bevollmächtigter des Lufthansa-Vorstands. "Wir versuchen aber Anschluss zu halten und machen Überlegungen. Doch wir haben eben auch die Vorgeschichte." Noch im vergangenen Jahr hatte die Lufthansa dem BBI keine großen Chancen, ein Drehkreuz zu werden, eingeräumt. Mit Christoph Franz an der Spitze der Lufthansa änderte sich die Marschrichtung. Vor einigen Monaten startete Franz das Projekt "Zukunft Berlin" und betraute den erfahrenen Manager Josef Bogdanski mit dieser Aufgabe. "Noch aber bin ich weder in der Lage noch befugt, etwas Neues zu verkünden", sagt Kropp. Dass die Lufthansa aber dabei ist, die Rentabilität von Berlin-Asien-Strecken zu prüfen, verschweigt er nicht. Die geringere Entfernung von Berlin nach Asien sei "zusätzliches Potenzial". Tourismusmanager Kieker ist zuversichtlich, dass die Lufthansa "sicher etwas machen wird, das der Stadt helfen wird". Auch Flughafenchef Schwarz glaubt nicht, dass sich die Lufthansa vom Engagement der Air Berlin entmutigen lässt. Zunächst aber legt die Kranich-Airline in Schönefeld erst einmal den Grundstein für einen Wartungshangar. Zudem wurde ein Airbus319 auf den Namen "Schönefeld" getauft.

Dass Berlin zum Erfolgsmodell werden kann, davon ist Flughafenchef Rainer Schwarz überzeugt und nennt dafür drei "Säulen". " Wir können unsere Flughafenkapazität quasi verdoppeln. Der Flughafen startet im nächsten Jahr mit einer Kapazität von 27 Millionen Fluggästen. Wir können – und das ist rechtlich abgesichert – auf 45 Millionen erweitern. Das ist ein Riesenvorteil gegenüber anderen Flughafenstandorten ebenso wie die Attraktivität der Stadt und deren geopolitische Lage. Die ist verdammt zentral, sodass wir nicht nur ein Drehkreuz von Westen nach Osten, sondern auch von Süden nach Norden werden können."

Magnet für Firmenansiedlungen

Die 40.000 Arbeitsplätze, die mit dem BBI entstehen, stellt Schwarz nicht infrage. "Mit Eröffnung des BBI wird es allein innerhalb des Flughafenzauns 20.000 Arbeitsplätze geben, davon 2000 im Bereich des Einzelhandels." Damit wird der Flughafen zum größten Arbeitgeber der Region. "Machen sich die Länder bei der Ansiedlung von Unternehmen Konkurrenz?", fragt Jochim Stoltenberg, Chefkorrespondent der Morgenpost. Steffen Kammrath von der Zukunftsagentur Brandenburg sieht dieses Problem längst überwunden. Beide Länder würden die Flughafenregion gemeinsam vermarkten. Die Initialzündung für die wirtschaftliche Entwicklung der Region liege direkt am Airport. "Es wird in der am Terminal gelegenen Airport-City beginnen und sich in konzentrischen Kreisen im Radius von 30 Autominuten weiterentwickeln. Der BBI ist in jedem Fall ein Zusatzargument, um Ansiedlungen zu befördern."

Doch noch ist es nicht so weit. Lufthansa-Manager Kropp warnt daher auch vor möglichem Größenwahn und kritisiert in diesem Zusammenhang die Höhe der geplanten Gebühren am BBI. Diese könnten durchaus dazu führen, dass manche Destinationen nicht angeboten werden könnten. "Ein paar Zehntausend Euro sind schon ausschlaggebend dafür, ob eine Airline eine Destination eröffnet. Der Flughafen kann nicht jetzt schon so tun, als ob er in der Liga der Hubs mitspielt." Um dahin zu kommen, müssten die Gebühren attraktiver für die Airlines werden. Flughafenchef Schwarz hat für die Kritik durchaus Verständnis. Airlines würden Gebührenerhöhungen nicht ohne Murren akzeptierten. Am BBI liege man aber deutlich hinter den Sätzen von Frankfurt und München. Dass die Gebühren Airlines abschrecken könnten, glaubt er nicht. Dafür sei die Destination Berlin viel zu attraktiv.

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