Eric Schmidt
Google gründet Zukunftsinstitut in Berlin
Mittwoch, 16. Februar 2011 10:02 - Von Eric SchmidtIn einem Gastbeitrag für Morgenpost Online lobt Google-Chef Eric Schmidt Deutschland als idealen Standort für Zukunftstechnologien - und kündigt mehr Investion hierzulande an. An der Spitze soll dabei ein neues Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin stehen.
Wenn ich mir die Weltwirtschaft ansehe, so gibt es – abgesehen von all den Herausforderungen – zwei Bereiche, die mich optimistisch stimmen: Zum einen ist es das Internet, das während des Abschwungs florierte, Arbeitsplätze geschaffen hat und für viele Unternehmen zu einer wichtigen Lebensader wurde. Zum anderen ist es der deutsche Industriesektor, der im vergangenen Jahr einen bemerkenswerten Aufschwung aus der Rezession erlebte.
Meiner Ansicht nach stehen diese beiden Bereiche in engem Zusammenhang: Das Fundament des Erfolgs der deutschen Industrie sind langfristige Investitionen in Verbindung mit einem Bildungssystem, das Innovationen von Weltrang fördert. Dieses Land hat es nicht dem Rest der Welt gleichgetan und auf kostengünstige Produktion und kurzfristige Profite gesetzt. Stattdessen bleibt Deutschland weiterhin ein Vorbild dafür, wie das Zusammenwirken von Ideen, Talent und Energie zu unglaublicher wirtschaftlicher Stärke führen kann. Die Stärke des Wirtschaftsaufschwungs in Deutschland ist – offen gesagt – bemerkenswert.

Wir werden nicht nur unsere Teams in den Bereichen Vertrieb und Engineering in Deutschland massiv erweitern, sondern darüber hinaus mit erheblichem finanziellen Aufwand ein neues wissenschaftliches Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin aufbauen. Dabei werden wir mit führenden akademischen Institutionen zusammenarbeiten, um die Zukunft des Internets auf drei Feldern zu untersuchen: internet-basierte Innovationen, politische Rahmenbedingungen sowie die damit verbundenen rechtlichen Aspekte.
Im Hinblick auf diese Fragestellungen liegt noch viel Arbeit vor uns. Einige der Grundlagen sind bereits gut etabliert und konnten durch Deutschlands eigene Wirtschaftsgeschichte unter Beweis gestellt werden. Bei Gutenbergs bahnbrechender Erfindung, dem Buchdruck, handelte es sich nicht um einen einmaligen Erfolg – vielmehr bereitete sie den Weg für ein Netzwerk an Ideen und neuen Möglichkeiten und stimulierte eine umfassendere wissenschaftliche Revolution.
Von der Druckpresse über den Telegraphen bis hin zum Internet – die Geschichte der großen Erfindungen zeigt: überall, wo sich Menschen und Unternehmen vernetzen, um Informationen auszutauschen, um neue Konzepte und Möglichkeiten zu erforschen, überall dort wird Innovation ermöglicht.
Ich werde häufig gefragt, woher die nächsten großen technischen Fortschritte kommen werden, oder – mit anderen Worten – wo wir das nächste Google sehen. Einige Leute scheinen zu denken, dass Silicon Valley und die Unternehmen, die dort florieren, durch Zauberei entstanden sind. Dabei ist das Erfolgsrezept viel simpler, vor allem in Zeiten des Internets.
Sobald Unternehmen und Verbraucher online sind, ergeben sich Skaleneffekte. Der schnelle Austausch von Informationen und Ideen schafft die idealen Voraussetzungen für neue Entdeckungen. Google entwickelte sich in solch einer kreativen Umgebung. Unsere Gründer fanden eine bessere Methode, Informationen online zu finden und zu strukturieren, weil sie Teil einer innovativen Gemeinschaft waren. Sie erlebten nicht diesen sagenumwobenen „Aha-Moment“, ihr Erfolg basierte auf einem Prozess, der durch ein talentiertes und unternehmerisches Netzwerk ermöglicht wurde.
Deutschland als Vorreiter
Wir müssen unsere Hoffnung nicht darauf setzen, dass jemand über Nacht auf eine geniale neue Idee kommt. So entstehen weder Innovationen noch unternehmerisches Wachstum. Deshalb ermutigen wir jeden dazu, das Internet zu nutzen. Von den 90 Millionen Kleinunternehmen weltweit verfügen nur 25 Prozent über eine Website. Hier liegt zweifellos noch unerschlossenes Potenzial.
Deutschland hat in so vielen Branchen eine Vorreiterrolle gespielt. Es spricht einiges dafür, dass es eine solche Rolle auch im Internet einnehmen kann. Natürlich wird es immer wieder zu Diskussionen kommen. Das Gleichgewicht zwischen Innovation und Datenschutz ist zum Beispiel ein Bereich, der mir selber sehr am Herzen liegt. Eines ist jedoch sicher: Google freut sich darauf, hier weiterhin zu investieren und auf diese Weise immer mehr deutschen Unternehmen dabei zu helfen, voranzukommen.
Der Autor ist Chief Executive Officer von Google und gehört seit 2009 zum Technologie-Beraterteam von US-Präsident Barack Obama. Zum 4. April 2011 wechselt Schmidt in den Verwaltungsrat von Google.
Erschienen am 15.02.2011
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