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27.01.11

Gfk-Studie

Berlin ist die Stadt der Geringverdiener

Berlin kann sich nun mit dem wenig rühmlichen Titel der Großstadt mit der niedrigsten Einkommensrate schmücken. Laut Gfk-Studie hat fast jeder vierte Berliner Haushalt nicht einmal 1100 Euro im Monat zur Verfügung.

BMO

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In keiner deutschen Großstadt gibt es so viele Haushalte, die mit geringem Monatseinkommen wirtschaften müssen wie in Berlin. Neuen Daten der Marktforscher von Gfk Geomarketing zufolge, die Morgenpost Online vorliegen, verfügt fast jeder vierte Haushalt der Hauptstadt monatlich über weniger als 1100 Euro. In Hamburg fällt nur jeder fünfte Haushalt (19,9 Prozent) in diese Kategorie. In München sind es sogar nur sechs Prozent.

Definiert ist das Einkommen als Summe aller monatlichen Überweisungen wie Gehalt, Renten sowie Transferzahlungen wie Kindergeld abzüglich Steuern und Sozialabgaben. Gfk Geomarketing hat die bundesdeutschen Haushalte in sieben Statusklassen unterteilt. Haushalte, die monatlich über weniger als 1100 Euro netto verfügen, gelten im Status als "niedrig". Der Anteil dieser armen Haushalte betrug 2010 im Bundesschnitt 14 Prozent – und damit deutlich niedriger als in Berlin.

Drei Statusklassen werden von Gfk Geomarketing als "mittel" definiert. Sie umfassen das Einkommensspektrum von 1100 Euro bis 2600 Euro im Monat. Zu den drei Einkommensklassen "hoch" zählen verfügbare Einkommen von mehr als 2600 Euro. Dieser Gruppe gehören in Deutschland 45,6 Prozent der Haushalte an. In Berlin sind es lediglich 30,7 Prozent. Und während in ganz Deutschland 3,1 Prozent im Monat sogar mehr als 7500 Euro ausgeben können, sind es in Berlin gerade einmal 1,54 Prozent.

Regensburg überholt Berlin

Das passt ins Bild von der "armen" Hauptstadt und hat vor allem mit der hohen Arbeitslosigkeit zu tun. Sie liegt in Berlin bei 12,8 Prozent – so hoch wie in keinem anderen Bundesland. Mehr als 600.000 Menschen beziehen Sozialtransfers. Dies schlägt sich dann unmittelbar in Statistiken wie der von Gfk Geomarketing nieder. Obwohl sich in den vergangenen Jahren etwas getan hat in der Stadt: Der Aufholprozess wird langwierig und hat gerade erst begonnen.

In den Daten von Gfk Geomarketing hat Berlin zudem einen Titel eingebüßt, mit dem es jahrelang Schlagzeilen machte: Berlin ist nicht mehr Single-Hauptstadt. Den Zahlen zufolge beträgt der Anteil der Ein-Personen-Haushalte in der Stadt 54,4 Prozent. Das reicht nur für Rang zwei. Das neue Zentrum der Alleinlebenden ist Regensburg mit einem Singleanteil der Haushalte von 55,8 Prozent.

Die Daten hat das Tochterunternehmen der Nürnberger Gfk-Marktforscher aus Einkommens- und Verbraucherstichproben zusammengetragen. Es sind nicht nur nüchterne Zahlen, sondern zugleich auch statistische Munition für eine der emotionalsten Debatten der vergangenen Jahre: der Diskussion um die vom Abstieg bedrohte Mittelschicht. Diese Debatte trägt mitunter Züge eines Glaubenkriegs. Was auch damit zu tun hat, dass der soziologische Terminus Mittelschicht nicht in all seinen Facetten messbar ist. Legt man jedoch das Einkommen und verfügbare finanzielle Mittel zugrunde, so kann von einem Schrumpfen der Mittelschicht in Deutschland nicht die Rede sein. Wenngleich in Berlin die Mittelschicht nicht so stark ist wie anderswo in Deutschland.

"Die Mitte ist sehr stabil", sagt Simone Baecker-Neuchl von Gfk Geomarketing. "Unsere Daten zeigen: Die meisten Deutschen müssen sich nicht bedroht fühlen." Seit 2008 ist die Lage den Gfk-Daten zufolge in den sieben Einkommensklassen stabil – trotz des Wirtschaftskrisenjahres 2009. Es gab nur minimale Änderungen. Der Anteil der Bezieher niedriger Einkommen hat sich seit 2008 praktisch nicht verändert – damals waren es genau 14 Prozent. Nahezu unverändert ist auch der obere Einkommensbereich zwischen 2600 und mehr als 7500 Euro im Monat mit 45,5 Prozent (2008) und 45,6 Prozent (2010). Keine Spur einer Abstiegsspirale.

All diese Daten hat Gfk Geomarketing bis in Postleitzahlenbezirke heruntergerechnet. Derlei Zahlenmaterial wird von Unternehmens-Marketingabteilungen genutzt, um zielgruppengenaue Werbung zu erstellen. Zudem ziehen Einzelhandelskonzerne die Daten heran, um über den Standort neuer Filialen zu entscheiden.

Die Zahlen zeigen eine alternde Gesellschaft, deren Mitglieder überwiegend in Single-Haushalten leben. In 40 Prozent aller deutschen Haushalte lebt laut Gfk Geomarketing nur eine Person. 31 Prozent sind Mehrpersonenhaushalte ohne Kinder. Nicht einmal jeder dritte Haushalt hat Nachwuchs (29 Prozent). "Dieser Trend dürfte sich weiter verstärken", sagt Gfk-Frau Baecker-Neuchl. Daran, dass Deutschlands Bevölkerung altert, besteht auch bei Durchsicht der Gfk-Daten keinerlei Zweifel. Senioren dominieren bereits. In 34,5 Prozent der Haushalte leben Menschen, die 60 Jahre oder älter sind. Die Hauptstadt ist etwas "jünger". Hier beträgt der Anteil nur knapp 30 Prozent.

Ausgaben für Familie in Berlin 2010
Kitas: 914,8 Millionen Euro (Plan 2011: 978,2 Millionen)
Unterhaltsvorschuss (als Risikoposten eingestuft, da Vorschüsse durch das Land von den Vätern oft nicht zurückgeholt werden können): 37,4 Millionen Euro (Plan 2011: circa 37 Millionen)
Tagespflege: 36 Millionen Euro (2011 gleichbleibend)
Ganztagsbetreuung für Schüler: 56,5 Millionen Euro für freie Träger, 24,6 Millionen Euro für Schulen in freier Trägerschaft (beides 2011 gleichbleibend)
Zuschüsse für Erziehungsberatungs- und Familienberatungsstellen: 2,5 Millionen Euro (2011 unverändert)
Super-Ferien-Pass: 700.000 Euro (2011 gleichbleibend)
Familienpass: 547.000 Euro, zusätzlich 25.000 Euro für Familien mit geringem Einkommen (2011 gleichbleibend)
Familienerholung: 100.000 Euro
Dazu: Gelder für die Schwangerschaftskonfliktberatung, das Quartiersmanagement, die Erziehungs- und Familienberatung und die Stiftung Familie Berlin
Quelle: Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung
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