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02.09.10

Warenhauskette

Berliner Mitarbeiter feiern Karstadt-Rettung

Der Streit über die Zukunft der Warenhauskette Karstadt steuert auf eine Lösung zu: Weitere Gläubigergruppen akzeptierten die Bedingungen rund um den Mietvertrag mit Investor Nicolas Berggruen. In Berlin knallten die Korken.

Nicolas Berggruen hat es bei Karstadt offenbar geschafft. Der Milliardär überwand die letzten Hürden zur Übernahme der angeschlagenen Warenhauskette, wie aus dem Umfeld der Gespräche bekannt wurde. Auch die letzten Gläubiger des Karstadt-Vermieters Highstreet nahmen die Bedingungen Berggruens rund um den neuen Mietvertrag an. Nur die Unterschriften fehlten noch. Berggruen bestätigte am Donnerstagabend in Berlin die Einigung. "Alle, die ja sagen mussten, haben ja gesagt", sagte er. Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg äußerte sich am Abend nicht. An diesem Freitag muss noch das Amtsgericht Essen dem Insolvenzplan für die Kette mit 120 Warenhäusern und 25.000 Mitarbeitern zustimmen.

Unter den Linden hatten die Berliner Karstadt-Mitarbeiter bereits am Nachmittag gefeiert. Sie hatten sich zu einer Mahnwache vor der Niederlassung der Deutschen Bank versammelt, das Treffen dann aber kurzerhand umfunktioniert, als die ersten inoffiziellen Meldungen bekannt wurden. Sektkorken knallten.

Die Verhandlungsteilnehmer in London hatten sich da allerdings noch eher zurückhaltend gezeigt. "Champagner fließt noch nicht", hieß es bei einem Beteiligten, "dafür aber gleich die Tinte, mit der unterschrieben wird." Weil jedoch sehr viele Beteiligte ihre Unterschrift unter den in monatelanger Arbeit ausgehandelten Kompromiss über Miethöhen und Sicherheiten setzen mussten, zog sich das Verfahren in die Länge.

Durchatmen können die Karstadt-Mitarbeiter – und der Investor selbst – allerdings erst an diesem Freitagmorgen: Das Amtsgericht Essen entscheidet dann, ob der Insolvenzplan für Karstadt in Kraft treten kann und Deutschlands größte Warenhauskette Ende September nach 16 Monaten aus der Insolvenz entlassen werden kann.

Insolvenzverwalter Klaus-Hubert Görg hatte Berggruen Anfang Juni den Zuschlag für Karstadt gegeben. Der Kaufpreis beträgt demnach einen Euro, Berggruen will 65 Millionen Euro investieren. Der Investor feilschte seither mit Highstreet um Zugeständnisse bei den Mieten. Highstreet gehören zwei Drittel der Karstadt-Immobilien. Der Termin vor dem Amtsgericht war mehrfach verschoben worden, weil sich die Verhandlungen zwischen Berggruen und Highstreet hinzogen.

Die vergangenen Tage gehörten zu den spannendsten in der an dramatischen Tagen reichen jüngeren Geschichte von Karstadt: Ende vergangener Woche hatte Berggruen die Deutsche Bank – ihre Tochter DBRreef ist maßgeblich an Highstreet beteiligt – eines doppelten Spieles bezichtigt: Offiziell folge sie der Highstreet-Linie, nach der Berggruen unterstützt werden solle, tatsächlich mache sie Werbung für den Konkurrenten Borletti. Daraufhin stellte sich Deutsche-Bank-Vorstandsmitglied Jürgen Fitschen erstmals öffentlich hinter Berggruen. Anfang dieser Woche legte dann der Italiener Borletti ein nachgebessertes Angebot für Karstadt vor, was Insolvenzverwalter Görg umgehend öffentlich als substanzlos verriss.

Doch obwohl alles auf Berggruen zuzulaufen schien, tauchten plötzlich Gerüchte auf, nach denen bestimmte Highstreet-Investoren eine schnelle Einigung torpedieren würden. Sie sind mit einer Mischform aus Fremd- und Eigenkapital, sogenanntem Mezzanine-Kapital, beteiligt. Und tatsächlich: Nach langen Verhandlungen während der Nacht zu Donnerstag hatten alle zugestimmt – nur ein Mezzanine-Gläubiger nicht.

Da war zunächst die wichtige Gruppe der Anleihe-Gläubiger. Sie hatte Highstreet 780 Millionen Euro gegeben. Mit diesem und weiterem Geld der anderen Gläubiger hatte das Konsortium 2007 die Karstadt-Immobilien gekauft. Die Anleihe-Gläubiger stimmten am Donnerstag den neuen Mietverträgen mit Berggruen zugestimmt – nach nur einer Stunde Verhandlung und einstimmig, dabei hätten der Viertel der Stimmen ausgereicht.

Das erhöhte den Druck auf die Mezzanine-Kreditgeber, zumeist Banken und Hedge-Fonds. Sie hätten mit ihrer Mischung aus Eigen- und Fremdkapital bei einer Abwicklung von Karstadt am meisten verloren. Hier spielte unter anderem die US-Großbank Goldman Sachs als Highstreet-Anteilseigner und Geldgeber mit. Und vor allem die Royal Bank of Scotland sperrte sich Teilnehmern zufolge gegen Sonderrechte für Goldman Sachs. Anders als bei den Anleihegläubigern mussten die Mezzanine-Gläubiger zu 100 Prozent zustimmen.

Vom frühen Donnerstagnachmittag an machten dann immer wieder Gerüchte die Runde, die Einigung sei gelungen. Wer bei den Beteiligten nachfragte, konnte jedoch die Skepsis spüren: "Eigentlich kann jetzt nichts mehr passieren. Aber es fehlen noch die Unterschriften", sagte ein in diesem Verfahren vorsichtig Gewordener. Immer wieder hatten sich in den vergangenen Wochen Erfolgsmeldungen als verfrüht erwiesen, weil plötzlich neue Probleme aufgetaucht waren.

Ende Juni etwa hatte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), die sich als Vermittlerin einschaltete, bereits den Durchbruch verkündet, es gehe lediglich noch "Detailfragen" und "technische Probleme".

Ohne Einigung hätte Karstadt das endgültige Aus gedroht. Insolvenzverwalter Görg hatte bereits vorsorglich eine Sitzung des Gläubigerausschusses einberufen, um kurzfristig das Ende des Traditionskonzerns zu besiegeln. "Wir haben die Pläne für die Liquidation in der Schublade, aber wir wollen die Schublade gern zu lassen", sagte sein Sprecher. Die Sport-Kaufhäuser und die Luxus-Einkaufstempel in Berlin (KaDeWe), Hamburg (Alsterhaus) und München (Oberpolliger) hätten dann bis Jahresende verkauft sein sollen, der Rest bis Februar geschlossen. Der italienische Warenhausbetreiber Borletti wäre nicht zum Zug gekommen. Sein Angebot galt Görg als unseriös.

Karstadt hatte am 9. Juni 2009 den Insolvenzantrag gestellt.

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