Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
31.08.10

Thilo Sarrazin

Sarrazin bringt Bundesbank in peinliche Notlage

Die lauten Forderungen nach der Entlassung Sarrazins setzen die Bundesbank unter Druck. Doch ein Rauswurf ist juristisch heikel.

dpa

Thilo Sarrazin stellte im Haus der Bundespressekonferenz sein Buch vor - Exemplare von "Deutschland schafft sich ab" lagen für die Journalisten bereit.

11 Bilder

Der Druck auf die Bundesbank, ihren umstrittenen Vorstand Thilo Sarrazin zu entlassen, wird immer größer. "Die Meinung von Herrn Sarrazin hat nichts mit der Bundesbank zu tun. Daher sollte die Bundesbank auch besser nichts mit Herrn Sarrazin zu tun haben", sagte der Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, dem "Handelsblatt". Grünen-Chefin Claudia Roth sagte, wenn die Bundesbank Sarrazin nicht abberufen lasse, "dann wird aus dem Fall Sarrazin bald ein Fall Bundesbank".

Die Bundesbank hatte sich vorerst nur von den Aussagen Sarrazins distanziert. Am Montagabend hatte Sarrazin in der ARD-Sendung "Beckmann" seine umstrittenen Thesen aus den vergangenen Tagen bekräftigt. "Esn gibt Gene, anhand von denen man Volksgruppen voneinander unterscheiden kann. Das gilt für viele Volksgruppen, also nicht nur für die Juden.", sagte der 65-Jährige. In seinem am Montag erschienenen Buch "Deutschland schafft sich ab" kritisiert Sarrazin eine mangelhafte Integration muslimischer Einwanderer und führt dies auf ihren islamischen Hintergrund zurück.

Die Bundesbank bestellte Sarrazin zum Rapport. Um Sarrazin entlassen zu können, muss die Notenbank ihn erst anhören, so wollen es die Formalien. Am Mittwoch wird der Bundesbankvorstand wohl über Sarrazins Zukunft entscheiden. Bundesbank-Chef Axel Weber, der Ambitionen auf das Präsidentenamt der Europäischen Zentralbank (EZB) hegt, steckt in der Zwickmühle: Der Druck auf ihn, Sarrazin zu entlassen, ist gewaltig. Ein Rauswurf aber ist juristisch heikel.

Kanzlerin bringt Bundesbank unter Zugzwang

Besonders die indirekte Aufforderung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Bundesbank solle sich von Sarrazin trennen, hat die Notenbank unter Zugzwang gebracht. Etliche Notenbanker schütteln deshalb den Kopf über das Vorgehen der Bundesregierung: Öffentliche Ratschläge von Seiten der Politik sehen sie ohnehin als Angriff auf ihre Unabhängigkeit an. Vor allem aber dürfte Merkel gewusst haben, wie schwer es für die Bundesbank wird, Sarrazin zu entlassen, heißt es. Der Bundesverband der Arbeitsrichter hält einen Rauswurf für rechtlich nicht zulässig.

"Die Aussagen Sarrazins, mögen sie als noch so abstrus empfunden werden, reichen kaum aus, um ihn zu entlassen", sagte der Verbandsvorsitzende Joachim Vetter der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Voraussetzung dafür wäre eine gravierende dienstliche Verfehlung. Es sei aber mehr als fraglich, ob sich diese aus privaten Meinungsäußerungen ohne Zusammenhang mit dem Amt herleiten lasse, sagte Vetter. Aus Sicht der Notenbank könnte Sarrazin deshalb im schlimmsten Fall gegen eine Entlassung klagen und bei einem Erfolg Weber stark beschädigen.

Als wahrscheinlich gilt, dass der Vorstand Sarrazin mindestens dazu verpflichten will, keine weiteren Äußerungen zu Themen zu machen, die nichts mit der Bundesbank zu tun haben. Weigert dieser sich, werden die fünf anderen Vorstände wohl versuchen, ihn zum Rücktritt zu drängen oder zu entlassen – sofern sie ein rechtlich wasserdichtes Argument finden. Auch die Bundes-SPD will Sarrazin aus der Partei werfen. "Er diskutiert über Abstammung, über Herkunft als Problem, und nicht darüber, wie man Menschen eine bessere Zukunft verschaffen kann", sagte SPD-Vize Olaf Scholz.

Der Journalist Günter Wallraff warnte im "Deutschlandradio" vor solch einem Schritt. "Sollte er am Ende eine neue Partei gründen, dürfte er wohl anfänglich mal mit zehn Prozent und vielleicht darüber hinaus rechnen", sagte Wallraff . Laut Meinungsumfragen genießt Sarrazin in der Bevölkerung Unterstützung: Bei einer Umfrage auf Morgenpost Online sagten 88 Prozent, Sarrazin solle nicht aus der SPD austreten, er äußere nur seine Meinung. Dennoch haben Sarrazins Aussagen dazu geführt, dass er um sein Wohlergehen fürchten muss: Wegen Sicherheitsbedenken wurde eine Lesung in Hildesheim abgesagt.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote