Discounter
Theo Albrecht und der Sieg des Prinzips Billig
In Deutschland wächst Aldi nur noch langsam, weil inzwischen viele Mitbewerber die Geschäftsidee kopiert haben.
Von Carsten Dierig
Alle haben sie von Theo Albrecht gelernt: Die Verbraucher, die beherzt knausern und zweimal die Woche auf die Anzeigen mit den Sonderangeboten lauern. Und die Konkurrenz: Heute zählen Discounter zu den beliebtesten Einkaufsstätten in Deutschland. Und das in allen Bereichen: Billigeheimer gibt es längst nicht mehr nur in der Welt der Lebensmittel. Auch der Mode- und der Elektrohandel beispielsweise haben ihre Discounter. Zudem gibt es Billigflieger, Ein-Euro-Läden und Schnäppchenanbieter für Autos, Mobilfunk und Hotelzimmer.
Begründer dieses Prinzips sind die Gebrüder Theo und Karl Albrecht. Mit Aldi haben sie hierzulande nicht nur eine Supermarktkette gegründet, sie haben darüber hinaus auch ein neues Geschäftsmodell etabliert, das letztlich die gesamte Handelswelt revolutioniert hat. Dass sich die größten Auswirkungen noch immer im Lebensmittelsektor zeigen, liegt angesichts des Ursprungs von Aldi auf der Hand. Auf stattliche 44 Prozent schätzen die Marktforscher der GfK-Gruppe mittlerweile den Anteil der Discounter Aldi, Lidl, Netto, Penny und Co. an den gesamten Lebensmittelumsätzen in Deutschland. Dieser Prozentsatz könnte sogar noch weiter steigen. Das zumindest meint Matthias Queck, Experte für Discounter beim Handelsinformationsdienst Planet Retail. "Es kommen schließlich regelmäßig neue Filialen hinzu", begründet er seine Einschätzung.
Die unumstrittene Nummer eins der Discountwelt ist nach wie vor Aldi. Der Marktführer betreibt mittlerweile rund 4400 Filialen in der Bundesrepublik, aufgeteilt in Aldi Nord um den Familienzweig von Theo Albrecht und Aldi Süd um Bruder Karl und dessen Familie. Den Gesamtumsatz der beiden Gesellschaften schätzen Marktexperten auf mittlerweile rund 53 Milliarden Euro. Der Löwenanteil davon entfällt auf das Geschäft in Deutschland. Die Auslandsaktivitäten haben zuletzt allerdings stark zugelegt, zumal die Sättigungsgrenze in der Heimat angesichts der hohen Filialdichte fast erreicht scheint. "Wachstum generiert Aldi derzeit vor allem im Ausland", sagt Queck. So zum Beispiel in den USA und in Australien, wo Aldi Süd aktiv ist. Oder in den Benelux-Staaten und in Osteuropa, wo sich Aldi Nord bevorzugt tummelt.
Dass es im Inland nur noch mit stark gedrosseltem Tempo voran geht, hat neben der Vielzahl vorhandener Filialen noch einige weitere Gründe. "Zum einen hat sich die Konkurrenz innerhalb der Discountlandschaft weiter verschärft", sagt Wolfgang Twardawa, der Handelsexperte der GfK. Die Edeka-Tochter Netto zum Beispiel holt nach der Übernahme von Plus kräftig auf. Und auch Lidl wächst seit Jahren vergleichsweise schnell, insbesondere durch eine Vielzahl von bekannten Marken im Sortiment. Die hat Aldi bis heute kaum zu bieten. Der finanzstarke Marktführer dreht daher regelmäßig an der Preisschraube, um die Konkurrenz in Schach zu halten und nicht an Marktanteilen zu verlieren.
Zum anderen wehren sich mittlerweile auch die klassischen Supermärkte gegen die Billigkonkurrenz. "2009 gab es so viele Aktionsangebote wie nie zuvor", meldet GfK-Forscher Twardawa. Allein 30 Prozent der verpackten Ware wurde im Rezessionsjahr preisreduziert über Angebote verkauft. Hinzu kommt der stetige Ausbau des Geschäfts mit Eigenmarken bei den Supermärkten, sei es "ja" bei Rewe oder "Gut und Günstig" bei Edeka. "Wer geschickt einkauft, kann beim Vollsortimenter mittlerweile genauso billig einkaufen wie im Discounter", meint Twardawa.
Branchenexperten erwarten angesichts dieser Gemengelage in absehbarer Zeit einen radikalen Preissturz bei Aldi. "Um der Konkurrenz die eigene Stärke zu demonstrieren und Marktanteile zu gewinnen", sagt ein Handelsmanager so respektvoll wie besorgt. An dieser Strategie dürfte sich auch durch den Tod Theo Albrechts nicht viel ändern. Denn die operative Führung seines Unternehmens liegt schon seit Jahren in der Hand von familienfremden Managern. Die führen Aldi Nord zwar in seinem Sinne, wie es heißt. Sie entscheiden aber unabhängig vom Gründer und seiner Familie.
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