Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
29.07.10

Aldi-Gründer

Theo Albrecht – Tod eines großen Unbekannten

Einer der beiden Aldi-Gründer, Theo Albrecht, ist gestorben. Sein unauffälliges Ableben passt zu seinem zurückhaltenden Leben – und Geschäft.

REUTERS

Mit seinem Discounter veränderte er Handel in Deutschland grundlegend. In seinen Märkten gibt es nur ein kleines Sortiment.

3 Bilder

Es ist fast schon erstaunlich, dass der Tod von Theo Albrecht bereits am Tag seiner Beerdigung öffentlich wurde. Das Unternehmen, das er zusammen mit seinem älteren Bruder Karl gegründet und mit dem er die Einkaufswirklichkeit nicht nur der Deutschen revolutioniert hatte, bestätigte nach ersten Gerüchten, dass der Senior gestorben war. Am Sonnabend war das bereits, in seinem Wohnort Essen. Albrecht wurde 88 Jahre alt.

Der Umgang mit seinem Ableben passt somit zum öffentlichkeitsfernen Leben dieses großen deutschen Unternehmers, der mit dem Discount eine ganz neue Handelssparte in die Welt setzte. Dass es aus der Zentrale von Aldi Nord überhaupt eine Stellungnahme gab, ist schon bemerkenswert: "Aldi trauert um einen Menschen, der gegenüber seinen Geschäftspartnern und Mitarbeitern bescheiden auftrat und sie immer mit großem Respekt behandelte", hieß es.

Im operativen Geschäft war der Erfinder des Discount-Handels – ebenso wie sein zwei Jahre älterer Bruder Karl – aus gesundheitlichen Gründen schon seit Jahren nicht mehr tätig. Seine beiden Söhne arbeiteten im Unternehmen, familienfremde Manager führen die Geschäfte.

Theo Albrecht hatte sich mit seiner Geschäftsidee das Sparsamkeits-Gen nutzbar gemacht, das den Deutschen offenbar inne wohnt. Mit niedrigen Preisen und dem Verzicht auf Service wurde er reich – und damit auch wohl einer der Wegbereiter des Slogans "Geiz ist geil". Ob der Spruch ihm gefallen hat, ist nicht überliefert – vermutlich war er ihm viel zu laut und plakativ.

Es gibt nur wenige, die von sich behaupten, Theo Albrecht zu kennen. Und noch weniger, die darüber zu sprechen bereit sind. Selbst angesehene Größen aus der Einzelhandelsbranche haben "Herrn Aldi Nord" noch nie gesehen. So wurde Theo Albrecht ebenso wie Bruder Karl zum Inbegriff des unsichtbaren Unternehmers, der die Öffentlichkeit, die Fotografen, die Interviewer mied.

Was nicht unbedingt verwundert bei einem Mann, der 1971 Opfer einer dramatischen Entführung wurde. Erst nach der bis dahin größten Fahndungsaktion in Deutschland, nach dem Einsatz von Ruhrbischof Franz Hengsbach und der Zahlung eines Lösegeldes von sieben Millionen Mark kam der damals 49-Jährige wieder frei.

Seither wollte der zweifache Familienvater mit der breiten Masse am liebsten gar nichts mehr zu tun haben, obwohl sie ihn doch steinreich gemacht hatte. Theo Albrecht lag im vergangenen Jahr auf der Forbes-Liste der reichsten Deutschen mit 16,7 Milliarden Dollar auf Rang drei, obwohl er gerade zwei Milliarden Euro eingebüßt hatte. Platz eins belegte Bruder Karl mit 23,5 Milliarden Dollar.

Es ist ein Phänomen, dass Theo Albrecht sämtliche Trends zur offenen Kommunikation von Unternehmen mit ihren Kunden oder den Medien ignorieren konnte und dennoch seit Jahrzehnten Erfolg hatte. Erstaunlich, dass täglich Millionen von Verbrauchern, die sonst für sich in Anspruch nehmen, aufgeklärt und kritisch zu sein, bei Theo einkaufen gehen, ohne mehr als ein paar Bruchstücke über das Unternehmen und seine Gründer zu wissen. Und die dennoch sagen: Aldi ist gut und günstig. Trotz bisweilen aggressiv agierender Verbraucherschützer oder Online-Enthüller, die stets das Haar in der Aldi-Suppe suchten und suchen. Viel indes haben sie nicht gefunden.

So etwas kann nur funktionieren, wenn ein Unternehmen wirklich das schafft, was alle Unternehmen behaupten, geschaffen zu haben: Vertrauen beim Kunden. Bei Albrecht gibt es das. Es hat Jahrzehnte gedauert, diese Position aufzubauen, dabei auch noch das Arme-Leute-Image abzuschütteln. Heute ist Aldi klassenlos: Hier konsumieren Manager wie Hartz-4-Empfänger und keiner muss sich mehr schämen.

Aldi half beim Sparen

Aldi hat sich mit einem Sortiment aus billigen Nicht-Marken selber zur Marke gemacht und war mit diesem Konzept der erste auf dem deutschen Markt. Die später gegründeten Konkurrenten wie Lidl, Penny, Plus oder Netto konnten diesen Vorsprung bis heute nicht aufholen, auch wenn sie inzwischen näher kommen. Es war lange Zeit die Hartnäckigkeit des Firmengründers selber, die das Unternehmen davor bewahrte, sich zu verzetteln und vom Erfolgsprinzip der wenigen Produkte zum niedrigen Preis bei hoher Qualität abzuweichen. Das fasziniert jüngere Händler bis heute. Stefan Heinig etwa, Chef des Textildiscounters KiK und seit neuestem auch Miteigentümer von Woolworth, zählt Theo Albrecht wegen seiner Konsequenz und seines Kostenbewusstseins zu seinen Vorbildern.

Der beispiellose Aufstieg des Unternehmens von Theo und Karl Albrecht liest sich wie eine jener Erfolgsgeschichten, die in Zeiten wie denen des Wirtschaftswunders begonnen haben muss. Doch als die beiden den ersten "Aldi-Markt" eröffneten, 1962 in Dortmund, war dieses Wunder eigentlich schon vorüber. Ebenso wie die Fresswelle. An der Ruhr gab es bereits Probleme mit Kohlezechen oder in den Stahlwerken. Immer aufwärts – diese Garantie galt nicht mehr. Die Leute mussten ihre D-Mark dreimal umdrehen, damit am Ende des Geldes nicht noch ganz viel Monat übrig war.

Erst in einer solcher Situation war die Zeit reif für die Albrecht-Idee, die anfangs allenfalls belächelt wurde. Statt bei Tante Emma – oder im 1913 eröffneten Laden von Albrecht-Mutter Anna in Essen – mit Bedienung samt Plausch und Tratsch einzukaufen, sollten sich zunächst die Dortmunder in ärmlich aussehenden und neonbeleuchteten Läden selber bedienen und schmucklos verpackte Waren von der Palette kaufen. Doch dafür waren die Preise beispiellos niedrig – und das sprach sich rum innerhalb der Kundschaft. Dass ständig Ware nachgeräumt wurde, selbst dort, wo gerade ein Kunde stand, war egal. Albrecht durfte das. Und darf es noch immer.

Theo und Karl kannten halt die Bedürfnisse der einfachen Leute, hatten sie sie doch in Mutters Laden in Essen-Schonnebeck erlebt. Die Eröffnung dieses ersten Geschäftes war eine Art Verzweiflungstat gewesen, um überleben zu können: Der Vater hatte seinen Arbeit unter Tage aufgeben müssen, wegen Staublunge. Sein neuer Job in einer Brotfabrik war so schlecht bezahlt, dass über das Geschäft zusätzliches Geld in die Haushalskasse kommen musste.

1946 übernahmen die Brüder Mutters Laden, eröffneten weitere klassische Lebensmittelgeschäfte im ganzen Ruhrgebiet. Doch erst mit der Discount-Idee mit den schlichten Läden und den niedrigen Preisen begann der rasante Aufstieg. Zwar verdiente Albrecht pro verkauftem Produkt fast nichts – aber dafür machte es die Masse. Zudem schloss er mit den Lieferanten Verträge über riesige Mengen ab, das drückte den Einkaufspreis weiter. Statt teurer Markenware ließ er eigenen Marken herstellen, das sparte eine Handelsstufe und damit Geld: Die "Handels-Marke", das "No Name"-Produkt trat mit Aldi seinen Siegeszug an. Trotz der Pfennigfuchserei gilt Aldi noch heute bei der Industrie als fairer Partner: Der Konzern hält sich zumeist an Verträge, verhandelt – anders als Konkurrenten – nicht bei jeder Gelegenheit nach und zahlt pünktlich. Schmeißt Hersteller aber dann auch gnadenlos raus, wenn die Qualität nicht stimmt. Auch die Behandlung der Mitarbeiter scheint in Ordnung zu sein: Die Gewerkschaft Ver.di führt zwar ein "Schwarzbuch Lidl" – kein "Schwarzbuch Aldi".

Theo war noch sparsamer als Karl

Schon in den 60er-Jahren expandierte die Firma mit dem revolutionären Konzept so schnell, dass die Brüder ihr Imperium bald teilten. Theo übernahm die Läden im Norden, Karl wurde zum Südstaatler. Die Grenze verläuft irgendwo auf einer Linie zwischen Niederrhein und Fulda. Trotz "Grenze" arbeiten beide Aldi-Welten arbeiten weiterhin zusammen.

Dass Theo und Karl zwar Brüder, aber keine Zwillinge waren, zeigte sich fortan bei der Experimentierfreude ihrer Teil-Konzerne. Theo, der jüngere, war immer viel vorsichtiger und vielleicht noch ein wenig sparsamer als Karl. Neue Produkte oder Techniken wie Frischfleisch, Scannerkassen oder die Möglichkeit des bargeldlosen Bezahlens zogen erst ins Reich von Theo ein, nachdem Karl damit gute Erfahrungen gemacht hatte – und vielleicht auch die Preise für die neuen Kassen gesunken waren.

Die Sparsamkeit ging so weit, dass Theo in neuen Läden gebrauchte Kühltruhen einbauen ließ. Sie funktionierten ja noch. Auch deshalb sehen die Nord-Filialen auch immer ein wenig mehr nach Discount aus, als jene im Süden. Und ganz besonders als die Läden des angriffslustigen Verfolgers Lidl.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote