13.07.10

Konjunktur

Brüderle übersieht die Risiken der Weltwirtschaft

Es gibt ernst zu nehmende Hinweise auf einen neuen Einbruch der Weltwirtschaft. Doch die Bundesregierung ist sicher, dass der Aufschwung kommt.

Foto: dpa
Brüderle

Irgendwie ging diese für die Weltwirtschaft immens wichtige Nachricht im Trubel um die WM in Südafrika und die Wahl des Bundespräsidenten fast unter. Sie betrifft den Baltic Dry Index, einen der wichtigsten Indikatoren für die Entwicklung der Weltwirtschaft. Seit über einem Monat ist der Index in freiem Fall. Zu Beginn dieser Woche notiert er mit 1902 Punkten so tief wie seit 14 Monaten nicht mehr.

Es war dieser Preisindex für die Schifffahrtskosten im Rohstoffhandel, der vor zwei Jahren als erster die weltweite Wirtschaftskrise erahnen ließ. Nun legt er den Schluss nahe, dass sich die Hoffnungen von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) auf einen tragenden Aufschwung möglicherweise nicht erfüllen werden. Brüderle hatte erst vor wenigen Tagen in einer Regierungsklärung von "ermutigenden Signalen" gesprochen. Die Perspektiven für die Weltwirtschaft hätten sich deutlich aufgehellt. "Die Wachstumsbeschleunigung findet statt, so wie wir sie im gleichnamigen Gesetz zum Jahresanfang angedacht haben", sagte Brüderle.

Dabei gibt es über den Baltic Dry Index hinaus kritische Nachrichten aus der Industrie, von den Finanzmärkten sowie aus den USA und aus China. Treffen diese negativen Prognosen ein, wird die deutsche Wirtschaft die Folgen zu spüren bekommen. Letztlich dürfte die Situation aber auch für die Bundesregierung problematisch werden, die immerhin wichtige politische Projekte wie die Reform der Mehrwertsteuer oder die Zukunft der Atomenergie auf den Herbst vertagt hat.

Womöglich muss sie diese Debatten dann unter dem Eindruck einer eintrübenden Konjunktur führen. Jedenfalls sind die Daten des Rohstoffhandels auf den Weltmeeren im Baltic Dry Index zu größter Sorge. Seit seinem Höchststand im Mai, wo er bei 4800 Punkten notierte, sank der Baltic Dry Index inzwischen um 50 Prozent. Noch gravierender ist der Einbruch bei der Nachfrage nach CapeSize-Frachtern, die überwiegend Eisenerz nach China verschiffen. Sie ging sogar um 60 Prozent zurück.

Der Baltic Dry Index ist deshalb so wichtig, weil er eine klare Aussage zur weltweiten Wirtschaftsentwicklung macht. Indem er die Kosten für die Verschiffung von Rohstoffen dokumentiert, misst er die weltweite Nachfrage etwa nach Kohle, Eisenerz, Zement, Kupfer, Kies, Dünger und Getreide. Weil diese Rohstoffe die Vorstufe der Produktion bilden, ermittelt der Index somit das Volumen des Welthandels in seinem frühesten Stadium. Und das scheint gerade in sich zusammenzufallen.

Was kann das bedeuten? Wenn die Unternehmen über einen längeren Zeitraum deutlich weniger Rohstoffe bestellen, werden sie schon bald darauf die Produktion zurückfahren. Das belastet den Arbeitsmarkt, die Nachfrage und letztlich auch die Staatskasse.

Für den aktuellen Rückgang werden unterschiedliche Gründe angeführt, etwa der derzeit hohe Preis für Eisenerz oder auch das Ende der Erntezeit in Südamerika. In Zeiten starker Konjunktur wirken sich solche Einflüsse jedoch kaum aus.

Daher sind die Experten von der derzeitigen Entwicklung alarmiert. "Diese Entwicklung ist ein Spiegelbild der aktuellen weltweiten Nachfragesituation. Sorgen über das Wachstum in China, die anhaltende Schuldenproblematik sowie die Sparmaßnahmen in Europa drücken hier auf die Stimmung", sagt etwa Ole Hansen, Rohstoffexperte bei der Saxo Bank.

Seine Kollegin Melissa Kidd, Analystin bei Lombard Street Research, spricht gar von einem Wendepunkt der weltweiten Konjunkturerholung, die nun deutlich gebremst werde.

Neben dem Baltic Dry Index befindet sich auch der wöchentlich errechnete Leitindex für die Entwicklung der US-Wirtschaft im Sturzflug. Der nach dem "Economic Cycle Research Institute" (ECRI) benannte Index fällt seit fünf Wochen in Folge. Anfang Juli erreichte er mit einem Sturz um 8,3 Prozent den niedrigsten Stand seit Juli 2009. Da der Index sieben Schlüsselindikatoren der US-Wirtschaft abbildet, ist er sehr aussagekräftig. In den ECRI fließen die Geldmenge, die Preise für industrielle Märkte, Erstanträge auf Arbeitslosigkeit, Hypothekenanträge, die Entwicklung der Aktienkurse sowie die Spreads und die Erträge von Anleihen ein. Eine nachhaltige Erholung der US-Wirtschaft, die auch die Weltkonjunktur mitziehen könnte, ist demnach bis auf weiteres nicht zu erwarten.

Auch China könnte entgegen den Erwartungen von Wirtschaftsminister Brüderle bald wieder als Welt-Konjunkturmotor ausfallen. Zu Beginn des Monats sind die Einkaufsmanagerindizes des verarbeitenden Gewerbes in China gesunken. Diese Meldung passt zu der im Baltic Dry Index ausgewiesenen dramatisch sinkenden Rohstoffnachfrage. Nach wie vor gibt es im Reich der Mitte kein sich selbst tragendes Wirtschaftswachstum. Die Wirtschaft seines Landes benötige nach wie vor die Unterstützung des Staates, bestätigte Premierminister Wen Jiabao erst Ende Mai bei einem Treffen mit japanischen Unternehmensvertretern in Tokio.

Das alles mag schon beunruhigend genug sein, doch dazu kommen noch finstere Prognosen aus Bankenkreisen, wo die nächste Krise bereits wartet, wie die New York Times schrieb. Anlass ist der bekannt gewordene hohe Refinanzierungsbedarf US-amerikanischer und europäischer Banken. Bis zum Jahr 2012 ist die unvorstellbare Summe von 5 Billionen US-Dollar fällig, in Europa allein 2,6 Billionen Dollar. Die Bank für internationalen Zahlungsaugleich beziffert den Anteil deutscher Institute auf 400 Milliarden Dollar. Kein Mensch weiß, woher das Geld kommen soll.

Daher befürchten die Europäische Zentralbank und die Bank of England schon bald ernsthafte Konflikte zwischen Banken und Staaten, die ebenfalls einen hohen Refinanzierungsbedarf haben. Dazu zählen etwa Griechenland, Spanien oder auch Portugal. Befürchtet wird ein Wettbewerb um Kredite, in dessen Folge auch Staatsbankrotte nicht mehr ausgeschlossen seien. Zudem dürften sich im Zuge dieses Wettbewerbs die Geldmarktkonditionen auch für die Verbraucher verschlechtern und somit die Nachfrage senken.

All das ist ganz sicher nicht dazu angetan, die mittelfristigen Perspektiven für die Wirtschaft aufzuhellen. Noch läuft der Wirtschaftsmotor in Deutschland rund, da hat Wirtschaftsminister Brüderle recht. Die wichtigsten Gründe dafür sind der preiswerte Euro und die vielen Milliarden, die noch von der großen Koalition als Antwort auf die Krise in die Wirtschaft gepumpt wurden. Aber wie wird es zum Jahresende aussehen, wenn die nachlassende Auslandsnachfrage spürbar wird?

In seiner Regierungserklärung sprach Brüderle von "deutlich gefüllten" Auftragsbüchern der deutschen Industrie. Leider das war nur die halbe Wahrheit. Denn sein Ministerium registrierte bereits im Mai sinkende Auftragseingänge. "Der Umfang an Großaufträgen war für einen Mai unterdurchschnittlich und bremste das Gesamtergebnis", schreibt das Ministerium. Für den Bereich der Metallerzeugung und -bearbeitung melden Brüderles Mitarbeiter gar einen "kräftigen Nachfragerückgang um 2,3 Prozent". Und weiter schreiben sie: "Dämpfend wirkte der Rückgang der Bestellungen bei den Herstellern von Kraftfahrzeugen."

Vor diesem Hintergrund ist kaum nachvollziehbar, wie Brüderle vor dem Bundestag von einer "Wachstumsbeschleunigung" reden konnte. Unverständlich ist auch, warum der Wirtschaftsminister einer Exportnation die nach wie vor bestehenden großen Risiken die Weltwirtschaft in seiner Rede einfach ausblendete.

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