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Konjunktur

Aussicht für die deutsche Wirtschaft verdüstert sich

Griechenlands Schuldenkrise und das Auslaufen der staatlichen Konjunkturpakete verschlechtern die Wirtschaftsaussichten für Europa. Geld für weitere Konjunkturspritzen ist nicht mehr da. Die Staaten sparen, obwohl die Wirtschaft noch stottert. Läuft es schlecht, droht eine zweite Rezession – auch in Deutschland.

Dampf steigt aus den Schornsteinen des  RWE-Braunkohlekraftwerks Neurath in Nordrhein-Westfalen
Foto: dpa
Dampf steigt aus den Schornsteinen des RWE-Braunkohlekraftwerks Neurath in Nordrhein-Westfalen: Bereits im vierten Quartal 2009 stagnierte die deutsche Wirtschaft wieder

Axel Weber ist nicht gerade als Berufsoptimist bekannt. Doch bei der Vorlage der Jahresbilanz in der vergangenen Woche schlug der amtierende Bundesbankpräsident und frühere Wirtschaftsweise mit Blick auf die deutsche Wirtschaft überraschend zuversichtliche Töne an. "Ich bin überzeugt, dass der im Sommer 2009 begonnene Erholungsprozess im Kern intakt ist und sich trotz der schwachen Dynamik fortsetzen wird", sagte er. Sollte die Konjunktur in den Wintermonaten lahmen, werde der Aufschwung danach umso kräftiger ausfallen.

Es war eine tröstliche Botschaft, die Weber da verbreitete, und man würde sie gern glauben. Schließlich war es beruhigend zu sehen, dass die deutsche Wirtschaft die schwerste Rezession der Nachkriegszeit, die ihr das vergangene Jahr mit einem Konjunktureinbruch von fünf Prozent beschert hatte, scheinbar so gut wegsteckte. Vor allem die Industrieproduktion legte, beflügelt von der raschen Erholung der Weltkonjunktur, ab dem Sommer 2009 wieder deutlich zu. Doch seit einigen Wochen verdüstert sich der Ausblick zusehends. Die Unsicherheit über den Ausgang der Schuldenkrise in Griechenland; der steigende Sparzwang, dem sich die Regierungen der Eurozone angesichts ausufernder Budgetdefizite ausgesetzt sehen; die Angst vor steigenden Zinsen weltweit - all das lastet schwer auf den Aussichten für die kommenden Monate.

So schwer, dass einige Ökonomen sogar das Szenario eines Double Dip heraufbeschwören. Was klingt wie eine besonders fettige Schnellimbisszutat, beschreibt eine Konjunkturentwicklung, bei der auf eine Rezession und anschließende kurze Wachstumsphase ein erneuter Einbruch folgt. Einen solchen W-förmigen Verlauf der Konjunkturkurve haben die Vereinigten Staaten in den 70er- und 80er-Jahren schon einmal erlebt. Damals schnellte die Inflationsrate infolge des Ölpreisschocks auf schwindelerregende 14 Prozent in die Höhe.

Der Kaufkraftentzug belastete private Verbraucher und Unternehmen, die US-Notenbank reagierte mit drastischen Leitzinserhöhungen auf die hohe Teuerung. Es kam zum ersten Konjunktureinbruch, gefolgt von einer kurzen, aber kräftigen Wachstumsphase. Als anschließend die Währungshüter unter dem damaligen Fed-Präsidenten Paul Volcker im Jahr 1982 die noch immer hohe Inflation mit erneuten Leitzinserhöhungen bekämpften, rutschte die Wirtschaft erneut in die Rezession.

In diesen Tagen fällt auf, dass eine Reihe von Bankvolkswirten und Wirtschaftsforschern ihre Prognosen für das laufende und das kommende Jahr momentan zum Teil kräftig nach unten korrigieren. "Es gibt eine Reihe von Faktoren, die zu einem deutlichen Rückgang der Konjunktur führen könnten", warnt etwa Andreas Rees, Chefökonom Deutschland von Unicredit. "Ein Restrisiko für einen Double Dip besteht immer, auch wenn das nicht unser Basisszenario ist", ergänzt Joachim Scheide, Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel.

Das Institut korrigierte am Freitag dieser Woche seine Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Deutschland für 2011 von zwei Prozent auf nur noch 1,8 Prozent nach unten. Zuvor hatten gleich mehrere Banken, darunter beispielsweise die Commerzbank oder die Bank of America/Merrill Lynch ihre Erwartungen für Deutschland reduziert. "Die Euphorie ist inzwischen verflogen. Es gibt viele Faktoren, die uns das Jahr verhageln können", sagt Scheide.

Während die Konjunktur in anderen Teilen der Welt längst wieder an Fahrt gewinnt, hinkt Europa mal wieder hinterher. Besonders auffällig ist der Kontrast zu den Vereinigten Staaten, in denen die Finanzkrise der vergangenen zwei Jahre immerhin ihren Ausgang nahm. Doch während sich die USA 2009 Auswirkungen des Finanzbebens offenbar überraschend rasch wieder erholen konnten, kam die europäische Wirtschaft kaum voran. "Von einem selbsttragenden Aufschwung wie in anderen Teilen der Welt sind wir in Europa und Deutschland noch weit entfernt", sagt Unicredit-Ökonom Andreas Rees.

Wieder einmal zeigt sich, dass der Euroraum für Krisen schlechter gerüstet ist als andere Wirtschaftsräume. Läuft es schlecht - und die Schuldenkrise Griechenlands sorgt nicht gerade für Optimismus -, könnte Europa genau das zu Verhängnis werden.

"Die Schuldenkrise erhöht das Risiko für einen Double Dip in Europa", mahnt der als Kassandra seiner Zunft bekannte US-Ökonom Nouriel Roubini. Das Risiko dafür beziffert er ähnlich wie mehrere Banken auf immerhin rund 20 bis 30 Prozent. Nicht viel - aber doch genug, um besorgt zu sein. Und selbst wenn dieses Szenario Europa erspart bliebe, werde die Binnennachfrage deutlich reduzierter ausfallen als in den Vereinigten Staaten, so Roubini.

Wie groß die Unterschiede sind, wurde bereits in den vergangenen Monaten deutlich. So kam der private Konsum in Europa trotz massiver staatlicher Anreize in fast allen Euro-Ländern nicht über eine Stagnation hinaus. "Wenigstens konnte der freie Fall gestoppt werden", formuliert es Ökonom Rees lapidar.

Deutschland bildet da keine Ausnahme. So berichtete das Statistische Bundesamt am vergangenen Freitag zwar, dass die privaten Konsumausgaben in Deutschland im vergangenen Jahr insgesamt leicht um 0,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugelegt hätten. Allerdings kam selbst dieses magere Plus nur mithilfe der großzügigen staatlichen Abwrackprämie zustande. Hätte es den enormen Schub bei Autokäufen nicht gegeben, hätte sich der private Konsum rechnerisch um 0,5 Prozent vermindert.

Darüber hinaus hat viele Experten die Tatsache erschreckt, dass die deutsche Wirtschaft im vierten Quartal 2009 überraschend stagnierte und sich der Aufwärtstrend der Vormonate damit nicht fortsetzte. Schuld daran ist auch die Baukonjunktur, die wegen des strengen Winters kräftig einbrach. Wachstumsimpulse kamen wieder einmal allein vom Außenhandel.

Doch mittlerweile fällt selbst der Ausblick für die Exporte, bisher stets die wichtigste Säule des deutschen Aufschwungs, nur noch verhalten aus. Einer Studie des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) zufolge, die der "Welt am Sonntag" exklusiv vorliegt, erwarten die Mitglieder des Industrie-Spitzenverbandes in diesem Jahr eine Exportsteigerung von allenfalls vier Prozent. 2009 gingen die deutschen Ausfuhren den BDI-Berechnungen zufolge sogar um 18 Prozent zurück, sechs Prozentpunkte mehr als der Welthandel.

Skeptisch stimmt auch, dass die von vielen Ländern aufgelegten Rettungspakete zur Stützung der Konjunktur in den kommenden Monaten auslaufen werden und gleichzeitig viele Staaten einen harten Sparkurs einschlagen muss, um ihre Staatsfinanzen wieder in den Griff zu bekommen.

Wie sehr sich gerade der steigende Sparzwang der Regierungen auf das Wachstum in Europa auswirken könnte, hat die Commerzbank jüngst errechnet. Demnach dürfte das geplante Ziel der hochverschuldeten Peripherieländer Portugal, Griechenland, Spanien, Irland und Italien, ihre Budgetdefizite in Relation zum BIP um jährlich eineinhalb Prozentpunkte zu senken, das Wachstum pro Jahr um einen Prozentpunkt dämpfen. "Mit Blick auf die langfristigen Wachstumsmöglichkeiten von zwei Prozent ist das eine Menge", sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer.

Die Bank senkte deshalb nicht nur ihre Vorhersagen für die Peripherie, sondern auch für Deutschland und den Euroraum insgesamt. Das wegen seiner Exportwirtschaft eng mit den europäischen Nachbarn verwobene Deutschland werde weniger stark zulegen als bisher erwartet, begründete Krämer die Prognosekorrektur von zuvor 2,3 auf nun 1,8 Prozent Wachstum.

Selbst der stark gefallene Euro – normalerweise eine Entlastung für viele Exporteure, weil sich dadurch die Preise für ihre Waren auf dem Weltmarkt verbilligen – stimmt die Experten nicht sonderlich optimistisch. "Dass der Euro fällt, liegt vor allem an der Unsicherheit der Investoren über den weiteren Ausgang der Schuldenkrise", sagt Krämer. "So stark kann der Euro gar nicht fallen, dass er die daraus entstehenden negativen Effekte ausgleichen könnte."

Zwar rechnet der Ökonom nicht mit dem Schreckensszenario eines Double Dip für Deutschland. "Uns steht in den kommenden Jahren aber ein blutleeres Wachstum bevor." Das allerdings wäre schon schlimm genug für ein Land, das sich in den Boomjahren vor der Finanzkrise vom schwächlichen Patienten zu einem der Wirtschaftswunderländer Europas hervorgekämpft hatte - und das nun womöglich erst einmal nur noch in Trippelschritten wachsen wird.



Erschienen am 14.03.2010

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