Öl und Erze
Finger weg von Rohstoffen zur Altersvorsorge!
Montag, 15. März 2010 08:57 - Von Daniel EckertJahrelang schien es, als steigen Rohstoffe Kupfer, Öl und Zucker von einem Höchststand zum nächsten. Die Nachfrage aus den boomenden Schwellenländern schien endlos. Doch mit der Lehman-Pleite kam auch bei Rohstoffen der Absturz. Allenfalls Gold taugt zur Absicherung fürs Alter.

Kurz nach dem Jahr 2000 rief der bekannte US-Spekulant Jim Rogers die neue Dekade zur Ära der Rohstoffe aus. Der Aufstieg bevölkerungsreicher Schwellenländer wie China und Indien zu prosperierenden Industrienationen werde eine solche Nachfrage nach natürlichen Ressourcen auslösen, dass die Preiskurven jahrzehntelang nach oben zeigen müssten.
Wer langfristig Vermögen aufbauen wolle, komme an den Schätzen der Erde nicht vorbei, lehrte der wortgewandte Investor seine Fangemeinde. Öl und Erze, aber auch für Mais und Zucker seien Kerninvestments des neuen Zeitalters. Es klang wie eine todsichere Wette auf das Malthus-Prinzip: Wenn die Bevölkerung und deren Bedürfnisse zunehmen, die Ressourcen aber endlich sind, müssen die Preise durch die Decke gehen.
Jahrelang schien alles den Superzyklus zu bestätigen. China und Indien boomten, und die Rohstoffnotierungen markierten immer neue Bestmarken. Die 150 Dollar für das Barrel Rohöl im Juli 2008 schienen der spektakulärste Beweis für die These vom Superzyklus zu sein.Dann kam der Absturz. Nach dem Lehman-Schock sackten die Preise für Energie, Metalle und Agrarrohstoffe ab. Im Gleichklang mit Dax und Dow Jones hat sich der Rohstoffmarkt inzwischen zwar wieder gefangen. Doch die neue Hausse verfolgen Anleger nicht mit der gleichen Unbefangenheit wie die vorige. Auf der Idee des Superzyklus liegen Schatten des Zweifels.
"Wenn es die Vorstellung war, dass der Rohstoffmarkt unverwüstlich ist, dann sind viele auf schmerzliche Weise eines Besseren belehrt worden", sagt Joachim Paech, Vorstand bei der Investmentbank Silvia Quandt & Cie. Mit rund 80 Dollar pro Fass kostet Rohöl heute in etwa so viel wie 2007, allerdings noch immer 40 Prozent weniger als Mitte 2008. Kupfer notiert ebenfalls unter seiner Bestmarke, obwohl China noch nie so viel von dem roten Metall importierte wie derzeit. Bei anderen Rohstoffen, etwa Weizen, ist von einem Bullenmarkt überhaupt keine Spur.
Um die Inflation bereinigt, stehen viele natürliche Ressourcen heute keineswegs so viel besser da als vor einer Generation. Anfang der 80er-Jahre wurden für das Barrel Brent-Öl auf dem Weltmarkt rund 30 Dollar bezahlt. Heute sind es mit 80 Dollar mehr als zweieinhalbmal so viel. Allerdings haben die 80 Dollar durch den zwischenzeitlichen Geldwertverfall nur noch etwa 46 Prozent der damaligen Kaufkraft.
Inflationsbereinigt hätte das schwarze Gold einem Ölbaron lediglich einen Wertzuwachs von knapp einem Fünftel gebracht - das entspricht nicht einmal einem Prozent Realrendite im Jahr. Auch Gold verliert an Glanz, betrachtet man es durch die Brille kaufkraftbereinigter Daten. Denn wer Anfang der 80er-Jahre auf dem Höhepunkt der Edelmetallmanie Gold zu 850 Dollar die Unze erwarb, muss auf einen Preis von 2245 Dollar hoffen, um real seinen Einsatz zurückzubekommen. Mit amerikanischen Aktien aus dem Dow Jones konnten Anleger ihr Vermögen in den vergangenen 30 Jahren hingegen um den Faktor zehn steigern. Selbst nach Abzug der Inflation bleibt eine Realrendite von üppigen 120 Prozent. Der Gesamtertrag wäre also deutlich besser als beim Edelmetall.
Dabei ist Gold wohl der in der Handhabung freundlichste Rohstoff. Die Direktanlage in andere Schätze der Erde wirft hingegen gravierende praktische Probleme auf. Während jedermann leicht Wertpapiere kaufen und verkaufen kann, ist das bei Öl oder Kupfer nicht ohne Weiteres möglich, von der sicheren Aufbewahrung größerer Mengen ganz zu schweigen. "Versuchen Sie mal, Kupfer für eine halbe Million Euro zu lagern", sagt Joachim Berlenbach, Rohstoff-Fondsmanager bei Earth Resource Investment im schweizerischen Zug. Erst in den letzten Jahren sind zum Beispiel Ölfonds auf den Markt gekommen, die das schwarze Gold in riesigen Tanks bunkern und deren Anteile von Investoren erworben werden können.Die Alternative zum physischen Erwerb der Rohstoffe sind Terminkontrakte. Während Hedgefonds und Profispekulanten in dem volatilen Futures-Markt regelmäßig fette Gewinne einfahren, ist er für Private ein Minenfeld. Auch der Versuch, die Futures mittels Anlagezertifikaten zu "demokratisieren", brachte in der Vergangenheit nur begrenzten Erfolg. Falsch konstruierte Zertifikate bescherten ihren Besitzern selbst dann Verluste, wenn der zugrunde liegende Rohstoff an Wert gewann. Verantwortlich dafür sind sogenannte Rollverluste, die entstehen können, wenn der Anbieter des Zertifikats das investierte Geld von einem Kontrakt in den nächsten "rollt".
Jenseits der technischen Schwierigkeiten, Rohstoffe für die Altersvorsorge zu nutzen, sehen Ökonomen prinzipielle Gründe dafür, dass Anleihen und vor allem Aktien langfristig besser abschneiden. "Mit Dividendenpapieren beteiligt sich ein Anleger am Ertrag von Unternehmen: Solange die Wirtschaft Produktivitätszuwächse erzielt, übersetzt sich das in reale Wohlstandsgewinne", sagt Hans-Jörg Naumer, Leiter Kapitalmarktanalyse bei Allianz Global Investors. Hinzu kommt, dass Aktien in Form von Dividenden regelmäßige Erträge abwerfen, während Rohstoffinvestoren immer einen "Dümmeren" finden müssen, der einen noch höheren Preis zahlt. Wertsteigerungen resultieren hier aus gefühlter oder echter Knappheit – und die ist häufig nur ein vorübergehender Zustand, bis neue Lagerstätten erschlossen, neue Ernten eingefahren sind.
Allerdings geben sich die Anhänger des Superzyklus noch nicht geschlagen: "Die Vergangenheitsbetrachtung führt in die Irre", sagt Berlenbach. Den Fall, dass eine Milliardennation wie China innerhalb so kurzer Zeit zur Industrienation aufsteigt, habe es schlicht noch nicht gegeben. "Der Ressourcenbedarf des Landes ist gigantisch, und auch wenn es prinzipiell vielleicht genügend Öl und Kupfer auf der Erde gibt, um diesen Bedarf zu befriedigen, sicherlich nur zu viel, viel höheren Preisen als den jetzigen." Auch Naumer gibt zu, dass die Knappheit, so sehr sie zyklischen Schwankungen unterliegt, langfristig weiter zunehmen dürfte. Das Einzige, so Berlenbach, was verhindern könne, dass die Preise für Energie und Erze noch Jahre weiter steigen, sei ein Crash in Asien.Erschienen am 14.03.2010
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