Kaum Nachwuchs
Firmen müssen jetzt um alte Arbeitnehmer kämpfen
Mittwoch, 3. November 2010 14:25 - Von Tobias Kaiser2010 ist das Jahr der demografischen Wende: Erstmals verlassen mehr Arbeitnehmer das Berufsleben, als Neueinsteiger zur Verfügung stehen. Verantwortlich dafür sind niedrige Geburtenraten. Die Entwicklung fordert Firmen heraus: Sie müssen sich auch um alte Arbeitnehmer bemühen.

Zum ersten Mal wird es 2010 in der Europäischen Union weniger potenzielle Berufseinsteiger geben als Personen, die sich darauf vorbereiten, in den Ruhestand zu gehen. Das haben Experten des Versicherungskonzerns Allianz anhand von Daten der EU-Statistikbehörde Eurostat ermittelt. Die noch unveröffentlichten Berechnungen liegen der „Welt am Sonntag“ vor.
Das ist bezogen auf ganz Europa noch kein dramatischer Wert. In den kommenden Jahrzehnten werden allerdings die geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten Babyboomer, in Rente gehen. Dazu gehören in Deutschland vor allem Beschäftigte, die zwischen 1955 und 1967 geboren wurden. Deren Rückzug vom Arbeitsmarkt wird die Nachwuchslücke in den kommenden Jahren stark vergrößern und bis 2030 auf 8,3 Millionen anwachsen lassen. „Deutschland wird auf lange Sicht eines der am stärksten betroffenen Länder sein“, sagte Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise.
Das schafft nicht nur Probleme für das umlagenfinanzierte Rentensystem in Deutschland, in dem eine sinkende Zahl von Arbeitnehmern die Renten einer steigenden Zahl von Ruheständlern finanzieren muss. Auch die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte sinkt durch die demografische Entwicklung. Für Unternehmen wird es damit schwieriger werden, frei werdende Stellen zu besetzen und ausreichend qualifiziertes Personal anzuwerben – eine große Gefahr für das Wirtschaftswachstum.
Die Volkswirte der Allianz glauben, dass ein großes Stück der Nachwuchslücke geschlossen werden könnte, wenn mehr ältere Menschen arbeiten würden. Im Moment sind in der Europäischen Union nur rund ein Drittel aller Personen zwischen 60 und 64 Jahren erwerbstätig. Dabei herrscht allerdings zwischen den Ländern ein starkes Gefälle: In Ungarn beispielsweise sind nur 13 Prozent dieser Altersgruppe in Lohn und Brot, in Schweden dagegen 63 Prozent. Die Volkswirte der Allianz haben ausgerechnet, dass in ganz Europa acht Millionen zusätzliche Arbeitskräfte zur Verfügung stünden, wenn alle Länder der EU eine ähnlich hohe Quote wie Schweden erreichen könnten – die Nachwuchslücke wäre damit geschlossen, statistisch zumindest.
„Die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmer ist die arbeitsmarktpolitische Herausforderung der nächsten Jahre“, sagt Michael Heise. Die Frühverrentung weniger attraktiv zu machen sei bereits ein wichtiger Schritt gewesen, so Heise. Jetzt gelte es, die Arbeitsbedingungen den alternden Belegschaften anzupassen: „Für die Unternehmen wird es immer wichtiger werden, sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren. Faktoren wie Arbeitszeitregelungen, Kinderbetreuungsangebote oder die Altersversorgung der Mitarbeiter werden eine größere Rolle spielen.“
Das Problem der hohen Arbeitslosigkeit in vielen Teilen Europas wird durch die demografische Entwicklung aber nach Ansicht von Heise nicht gelöst: „Bereits heute ist ein Großteil der Arbeitslosigkeit struktureller Natur, das Ausbildungsprofil vieler Arbeitsuchender entspricht nicht den Anforderungen des Arbeitsmarktes.“
Die Kluft zwischen potenziellen Berufseinsteigern und künftigen Rentnern gibt es nicht nur in Europa. Japan etwa ist mit einer sehr viel gravierenderen Entwicklung konfrontiert: Dort stehen sechs Millionen Jugendlichen zehn Millionen 60- bis 64-Jährige gegenüber. In den USA nimmt dagegen die Zahl der erwerbsfähigen Personen weiter zu – dank vieler Einwanderer und einer gestiegenen Geburtenrate.
Erschienen am 13.03.2010
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