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15.09.09

Ein Jahr nach der Pleite

Lehman-Opfer lassen ihre Wut auf Demos raus

Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers ist ein Jahr her, Tausende Kleinanleger stürzten dabei ins Verderben. Die Geschädigten forderten nun auf Demonstrationen in Frankfurt und Berlin ihr Geld zurück. Doch die Gerichte sind bisher zurückhaltend – eine endgültige Klärung könnte Jahre dauern.

"Ein Jahr Lehman-Kater, Geld zurück, ihr Falschberater", "Citibank macht Konten blank", "Geld weg, danke Fraspa" – mit solchen Slogans zogen gestern rund 200 Demonstranten durch die Bankenmetropole Frankfurt, unterstützt durch Rasseln, Sirenen und andere lautstarke Instrumente. Im Berliner Stadtteil Spandau marschierten zeitgleich etwa 100 Leidensgenossen mit drei Straßenmusikern an der Spitze, die ein traurig-schönes Lied spielten. Sie trugen am Jahrestag der Lehman-Pleite symbolisch ihr Vertrauen in die Banken zu Grabe.

Kaum einer der Demonstranten in Frankfurt oder Berlin war jünger als sechzig Jahre und ausnahmslos alle haben viel Geld durch Zertifikate der bankrotten US-Investmentbank Lehman Brothers verloren. Mit ihrer Aktion wollen sie auf sich aufmerksam machen. "Und die Schuldigen an den Pranger stellen", sagt Annke Corte. Die Schuldigen, das sind in den Augen der 72-jährigen vor allem die Chefs von Dresdner Bank und Citibank. Die beiden Herren laufen als Puppen im schwarzen Anzug und in Handschellen im Trauerzug mit.

83.000 Euro hatten Annke Corte und ihr Mann 2007 ihrem Bankberater anvertraut. "Er hatte extra mehrmals angerufen und ich fand es nett, dass sich der junge Mann von der Citibank so sehr kümmert", erzählt Corte. Er habe ihr erklärt, dass die Lehman-Zertifikate als Anlage sehr konservativ seien, eine gute Altersanlage eben, sagte er der Rentnerin beim Kaffee. "Ich war zu gutgläubig", sagt sie heute.

Denn vor genau einem Jahr ging Lehman Brothers Pleite und damit wurden die Zertifikate wertlos. "Als ich aus den Nachrichten von der Pleite erfahren hatte, habe ich geheult und konnte nicht mehr schlafen", erzählt Corte. Zuerst habe sie sich hilflos gefühlt und dann kam die Wut. Diese Wut vereint die Demonstranten in Spandau. Sie fühlen sich betrogen, "Auf fiese, heimtückische Weise betrogen", ruft der Grabredner der Menge zu. Eine Frau erzählt, sie habe ihr Leben lang gespart. "Jede Ostmark, jede Westmark, jeden Euro", sagt sie. "Und jetzt ist alles weg."

Die Wut und Verzweiflung eint diese Menschen. Seit Monaten kämpfen sie unablässig. Fast jede Woche treffen sich Corte und die anderen Berliner Betroffenen zu einem Stammtisch. Sie halten Mahnwachen, organisieren Kundgebungen, sie kämpfen für die Rückabwicklung der Zertifikate, wollen Schadensersatz von ihren Banken, die ihnen die Papiere verkauft haben- Und gleichzeitig wissen die Geschädigten, dass ihre Chancen nicht besonders gut stehen.

Einige Banken haben ihren Kunden zwar Vergleichsangebote vorgelegt. So hat beispielsweise die Hamburger Sparkasse so genannten Härtefällen – dazu zählt sie rund 1000 Kunden – freiwillig einen Teil ihrer Verluste ersetzt. Andere Banken sträuben sich jedoch vollkommen dagegen. Daher sind viele geschädigte Anleger auf den Gang vor Gericht angewiesen.

Diese Verfahren sind bisher recht unterschiedlich ausgegangen. Teilweise bekamen die Anleger in der ersten Instanz Recht, beispielsweise weil die Bank nicht über ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen am Verkauf der Zertifikate aufgeklärt hatte, also über die Provision, die sie dabei einstrich. In fast genau so vielen Fällen entschieden die Gerichte jedoch gegen die Kläger, weil in den von den Kunden unterschriebenen Unterlagen auch auf die Risiken hingewiesen worden war. Ein letztinstanzliches Urteil und damit eine endgültige Klärung der Schuldfrage dürfte jedoch noch einige Jahre auf sich warten lassen.

Für manche der Anleger könnte es dann zu spät sein. Denn es ist kein Zufall, dass bei den Demonstrationen fast nur ältere Menschen zugegen sind – einer Untersuchung der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) zufolge liegt das Durchschnittsalter der Geschädigten über 60. Aber es geht den Geschädigten auch darum, andere zu warnen, und sie fordern den Gesetzgeber auf, mehr zum Schutz der Anleger zu tun.

Das verlangte gestern auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen in Berlin. "Verbraucherschutz muss ausdrückliches Ziel der Finanzaufsicht werden", fordert deren Vorstand Gerd Billen. "Das Thema gehört auf die Agenda der ersten 100 Tage in der neuen Legislaturperiode."

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