Spitzeneinkommen
DIHK-Präsident nennt Managerboni "unanständig"
Samstag, 5. September 2009 17:39 - Von Stefan von BorstelIn der Debatte um exzessiv hohe Managergehälter und Boni mischt sich nun DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann ein. "Es gibt unanständig hohe Gehälter, Boni und Tantiemen", sagte Driftmann Morgenpost Online. Trotzdem ist er gegen gesetzliche Regelungen, das sei ein "ethisches Problem".

Morgenpost Online: Herr Driftmann, Sie haben heute zum Spitzentreffen über die Kreditversorgung der Wirtschaft geladen. Worum geht es?
Hans Heinrich Driftmann: Wir haben Probleme, zum Teil gravierende. Wir brauchen jetzt den Schulterschluss zwischen Politik, Real- und Finanzwirtschaft. Dann werden wir gestärkt aus der Krise hervorgehen. Wir müssen viel mehr miteinander reden. Nur im Dialog werden wir Lösungen für die Finanzierungsprobleme der Unternehmen finden.
Morgenpost Online: Die Unternehmen klagen, sie kriegen von den Banken keine Kredite mehr. Hilft da allein der Dialog?
Driftmann: Ich verstehe schon, dass die Banken keine unabsehbaren Risiken eingehen können. Aber viele Entscheidungen der Banken zur Kreditvergabe werden zu schematisch getroffen. Wir müssen bei den Ratingverfahren weniger zurückschauen, sondern mehr nach vorn. Wir müssen mehr auf die Geschäftsperspektiven achten, die natürlich solide sein müssen. Da hoffen wir auf Entgegenkommen der Banken.
Morgenpost Online: Die Wirtschaft wächst bereits wieder, die Stimmung in den Unternehmen hellt sich auf. Haben wir das Schlimmste hinter uns?
Driftmann: Ja, langsam geht es wieder aufwärts. Doch der Aufstieg wird mühsam sein. In den kommenden Monaten wird die Arbeitslosigkeit steigen, wenn auch nicht so stark, wie zunächst befürchtet. Dennoch wird dies den Konsum und damit die Binnenkonjunktur beeinträchtigen.
Morgenpost Online: Wie sieht der Beitrag der Politik zur Bewältigung der Krise aus?
Driftmann: Die Regierung hat schnell entschieden und im Großen und Ganzen sinnvolle Konjunkturprogramme auf den Weg gebracht. Das haben viele der Politik nicht zugetraut. Die Bundeskanzlerin hat sich in dieser Krise bewährt, da beißt die Maus keinen Faden ab. Sie hat im Dialog mit Wirtschaft, Wissenschaf t und Gewerkschaften richtige Entscheidungen getroffen und durchgesetzt. Auch die Neubesetzung des Wirtschaftministeriums mit Karl Theodor zu Guttenberg sehe ich als Glücksfall. Die Gespräche mit ihm zeigen, da ist jemand, der weiß, wovon er redet und der konzeptionell denken kann.
Morgenpost Online: Der Wirtschaftsminister wollte Opel in die Insolvenz schicken. Die richtige Entscheidung?
Driftmann: Insolvenzverfahren sind in den Augen der Bevölkerung geradezu ehrenrührig. Doch tatsächlich bietet das neue Insolvenzrecht sehr wohl eine Chance, das Überleben eines Unternehmens in seinen wesentlichen Teilen zu sichern. Wenn man diesen Weg gegangen wäre, hätte man sich im Zweifel einiges erspart. Ich verstehe zwar, dass Politiker Berührungsängste mit dem Begriff „Insolvenz“ haben. Letztlich wäre es aber wohl der vernünftigste Weg gewesen.
Morgenpost Online: Hat die Politik mit ihren Konjunkturprogrammen nicht zuviel des Guten getan. Die Investitionsgelder beispielsweise fließen gar nicht ab.
Driftmann: Man muss unterscheiden zwischen dem ersten und dem zweiten Paket. Das erste hat relativ schnell gegriffen und die richtigen Impulse gesetzt, das zweite hat bislang nur in Teilen gewirkt. Es müssen größere Projekte angeschoben werden, und das braucht seine Zeit. Da müssen Gremien eingeschaltet werden und entscheiden, da gibt es viel Bürokratie. Das Konjunkturpaket II in seiner Gesamtheit halte ich dennoch für sinnvoll – mit Ausnahme der Abwrackprämie.
Morgenpost Online: Was haben Sie gegen die Umweltprämie? Zwei Millionen Autokäufer haben sich über die 2500 Euro vom Staat gefreut.
Driftmann: Diese Käufer werden sich aber in den nächsten Jahren keine Autos mehr anschaffen. Der Boom ist künstlich und wird daher abrupt abbrechen. Eine Droge wurde verteilt, um die Schmerzen zu lindern, und jetzt kommen schon erste Forderungen nach einem Methadonprogramm für sanften Entzug. Die Abwrackprämie war daher ein Fehler. Sicherlich hat die Prämie die Stimmung in der Bevölkerung verbessert, aber mit den fünf Milliarden Euro hätte man auch etwas Nachhaltigeres machen können.
Morgenpost Online: Zum Beispiel?
Driftmann: Wir haben für Investitionen in den Verkehr, in die Gesundheitsinfrastruktur und vor allem in die Bildung plädiert. Gerade in Bereich der Bildung entscheidet sich, wie erfolgreich wir nicht nur wirtschaftlich in Zukunft in Deutschland sein werden.
Morgenpost Online: Wie steht es um die Bildung der Schulabgänger. Hat sich hier etwas getan in den letzten Jahren?
Driftmann: Wir haben in vielen Regionen große Schwierigkeiten, unsere Ausbildungsplätze zu besetzen. Das liegt auch daran, dass immer noch zu viele Jugendliche nicht ausbildungsgeeignet sind. Sie werden in der Schule viel zu wenig auf die Arbeitswelt vorbereitet. Die Betriebe müssen teilweise nachqualifizieren, das kostet Geld und ist auch nicht ihre primäre Aufgabe. Auch in der Lehrerausbildung muss sich etwas ändern. Viele Lehrer sind nicht ausreichend darauf vorbereitet, den Schülern klarzumachen, welche Herausforderungen im Beruf an sie gestellt werden. Wir sind auch gern bereit, in die Schulen zu gehen, um zu unterstützen und Einblicke in die betriebliche Praxis zu geben.
Morgenpost Online: Wie sieht für die jungen Leute in diesem Krisenjahr die Chance aus, eine Lehrstelle zu bekommen?
Driftmann: Wir bleiben bei unserer Zusage. Jeder, der will, und jeder, der kann, bekommt eine Ausbildung angeboten. Wir können zwar nicht jedem versprechen, dass er bekommt, was er sich erträumt, aber genügend Ausbildungsmöglichkeiten gibt es. Da hilft uns auch die Bevölkerungsentwicklung. Aktuell geht die Zahl der Bewerber deutlich stärker zurück als die Zahl der angebotenen Lehrstellen. Allerdings ist der Rückgang regional ungleichmäßig verteilt. Dadurch gibt es gerade im Osten vielerorts offene Lehrstellen. Es kann daher durchaus eine Chance für Jugendliche aus dem Westen sein, wenn sie mobil sind und in den Osten gehen. Das haben viele ostdeutsche Jugendliche auch gemacht, als sie in der Vergangenheit für eine Ausbildung in den Westen gezogen sind.
Morgenpost Online: Sie sind jetzt ein halbes Jahr DIHK-Präsident. Was sagt der Unternehmer aus Elmshorn zum Politikbetrieb in Berlin?
Driftmann: Ich habe lange Jahre Erfahrung mit Verbands- und Kammerarbeit in Norddeutschland. Hier in Berlin sind die Gespräche erfreulich intensiv und zielführend. Das ist alles andere als Small-talk. Zum Teil waren die Gespräche sehr hart, aber niemand fühlte sich beleidigt, auch wenn man sagte, was schief läuft. Das ist eine ganz positive, motivierende Erfahrung.
Morgenpost Online: Die Politiker sehen die Verantwortung für die Krise bei gierigen Bankern und Managern. Was sagen Sie als Vertreter der Wirtschaft dazu?
Driftmann: Es hat ohne Zweifel dramatische Managementfehler und auch bedenkenlose Banker gegeben. Es gibt allerdings auch Institutionen, die das beaufsichtigen sollten: In Amerika etwa die Federal Reserve, in Deutschland die Bundesbank und die Finanzaufsicht Bafin. Diese hätten früher Alarm schlagen müssen. Hier muss noch vieles aufgearbeitet werden.
Morgenpost Online: Die Politik will Managergehälter und Boni begrenzen?
Driftmann: Staatliche Unternehmen müssen ohne Zweifel dem folgen, was die Politik ihnen vorgibt. In der Privatwirtschaft aber müssen Löhne und Gehälter von den Tarifpartnern ausgehandelt werden, und die Managergehälter müssen von den zuständigen Gremien beschlossen werden. Die tragen dann aber auch die Verantwortung. Das gehört zur sozialen Marktwirtschaft.
Morgenpost Online: Lassen sich Exzesse so verhindern?
Driftmann: Es hat sicher Fehlentwicklungen gegeben, die ich kritikwürdig finde. Aber die Zahl der Fälle lässt sich an zwei Händen abzählen. Ich persönlich habe kein so hohes Einkommen. Ich bin persönlich haftender Gesellschafter. Wenn in meinem Unternehmen etwas schief läuft, bin ich ein armer Mann. Ich habe kein Verständnis für Menschen, die viel Geld verdienen, aber kein Risiko übernehmen.
Morgenpost Online: Muss der Gesetzgeber eingreifen?
Driftmann: Das ist für mich kein politisches Problem, sondern ein ethisches. Es gibt unanständig hohe Gehälter, Boni und Tantiemen. Wer dafür in den Aufsichtsräten zuständig ist, muss sich fragen, ob das vernünftig ist, oder ob man für weniger Geld nicht auch einen guten Manager bekommt. Aber gesetzliche Regelungen sind der falsche Weg.
Erschienen am 31.08.2009
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