Warenhaus-Sterben
Berlin ist Woolworths letzte Chance
Von Horten redet schon keiner mehr. Hertie ist kürzlich verschieden, Karstadt taumelt einer unsicheren Zukunft entgegen, ein Konzept für den Kaufhaus-Konzern wird seit Monaten gesucht. Und da soll Woolworth, das Ramschkaufhaus mit den dicht gedrängten Regalen, noch eine Chance haben?
Ja, sagt Heinz Thünemann, ein Konzept habe man auch, und schon im zweiten Halbjahr 2009 könnte es schwarze Zahlen geben. "Das wären die ersten seit etlichen Jahren." Nun muss Thünemann qua Amt solchen Optimismus verbreiten. Er ist Geschäftsführer von Woolworth, "der neuen Woolworth", wie er sagt. Insolvenzverwalter Ottmar Herrmann hat ihn eingesetzt. Doch während in Deutschland jede Bewegung im Endlos-Poker um den Karstadt-Konzern Arcandor nachvollzogen wird und das Sterben von Hertie betrauert wurde, setzt Woolworth recht geräuschlos zur Sanierung an. Für die Hälfte der 310 Filialen in Deutschland steht ein neues Konzept. Ob es klappt, ob Woolworth erfolgreich aus der Insolvenz hervorgeht, das hängt ganz entscheidend von Berlin ab.
Berlin ist die stärkste Region
23 Filialen gibt es in der Hauptstadt, vier weitere im Umland. "Berlin war immer die stärkste Woolworth-Region", sagt Thünemann. Das galt schon in der Vergangenheit. Wenn alle Filialen so erfolgreich gewesen wären wie in der Hauptstadt, dann hätte das Insolvenzgericht keinen Verwalter einsetzen müssen. Ausnahmslos alle Geschäfte in der Hauptstadt werden unter dem Namen Woolworth fortgeführt. "Hier werden wir sehen, ob das neue Konzept klappt", sagt Thünemann. Wenn es hier funktioniert, hat Woolworth die Chance auf ein zweites Leben.
Wie ein neuer Woolworth aussehen wird, kann man in der Filiale an der Reinickendorfer Residenzstraße bereits sehen. Die Gänge zwischen den Regalen sind breiter. Rechts sind die Textilien, in der Mitte Aktionsware, jedes Produkt ein Euro, links Kosmetika und anderes. "Wir haben uns von Discountern wie Aldi und Lidl inspirieren lassen", sagt Thünemann.
Zusammengefasst bedeutet das: mehr Platz, mehr Übersicht, kleine Preise und weniger Warenvielfalt. Gab es bis vor kurzem noch rund 50000 Produkte bei Woolworth, sind es demnächst nur noch etwa 30000. "Statt fünf Shampoos sind es dann eben nur noch zwei", sagt Michael Pleiss, Regionalleiter von Woolworth Berlin-Brandenburg. Thünemann spricht von einem "quirligen Familiendiscounter".
Bis Ende Oktober soll der Umbau in den neuen Woolworth-Läden abgeschlossen sein, rechtzeitig für das Weihnachtsgeschäft. "Da müssen wir beweisen, dass wir zukunftsfähig sind", sagt Thünemann. Dann will er, wie er sagt, für Furore sorgen. Wöchentlich soll in Prospekten Aktionsware beworben werden, auch das hat er sich bei den Discountern abgeschaut.
Allerdings werden in den neuen Läden wesentlich weniger Mitarbeiter sein. In der Filiale in Reinickendorf arbeiten nur noch 35, vor der Insolvenz waren es 50. Davon sind nur sechs Vollzeitbeschäftigte, inklusive des Filialleiters. In der Hauptstadt arbeiten noch 700 von ehemals 1000 bei Woolworth. In ganz Deutschland sollen 4300 von ehemals 9000 in der neuen Gesellschaft mit ihren rund 160 Filialen einen Job bekommen. Für die anderen 150 Woolworth-Geschäfte interessieren sich zahlreiche Einzelhandelskonzerne, darunter Edeka, Schlecker und Rossmann.
Ärger mit Adidas und Co.
Mit seinen neuen Plänen hat Woolworth bereits für Aufsehen gesorgt. Und Ärger hat sich das Unternehmen auch schon eingehandelt. In zunächst 60 Filialen in ganz Deutschland, fünf davon in Berlin, verkauft das Unternehmen unter dem Label "Jump and Run" Sportartikel von Adidas, Puma, Nike und Co. Die Schuhe, Bälle und T-Shirts kosten teils bis zu 60 Prozent weniger als bei Konkurrenten. Adidas, Puma und Nike zeigten sich wenig erfreut über das Verramschen ihrer Artikel. "Woher die Ware stammt, ist ungeklärt", sagte ein Adidas-Sprecher.
Woolworth verweist auf den Lieferanten Sport Concept aus Oberhausen. Pietro Nuvoloni, Sprecher des Woolworth-Insolvenzverwalters Herrmann, beteuert: "Wir verkaufen keine Graumarktware oder Plagiate."
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