Arbeiterproteste
Franzosen drohen mit Vergiftung der Seine
Dienstag, 9. Februar 2010 12:28 - Von Gesche WüpperErst brennende Autoreifen, dann Geiselnahmen, dann Sprengdrohungen: Der Protest in Frankreich eskaliert. Und es geht noch gefährlicher: Jetzt bedrohen Arbeiter einer insolventen Firma die Bevölkerung. Sie wollen Giftfässer in einen Seine-Zufluss kippen, wenn sie nicht je 15.000 Euro Abfindung bekommen.

Ein sonniger Augustnachmittag in der Normandie. Die Männer sitzen an einem Klapptisch im Schatten unter dem Zeltdach und spielen Karten. Vom fast erloschenen Lagerfeuer zieht eine Rauchfahne herüber. „Noch etwas zu trinken?“, fragt Daniel und geht zu einem Kühlschrank in der ausgestatteten Kochecke. Eine Campingplatz-Idylle, könnte man meinen. Doch das Zelt befindet sich am Rand der Autobahn, mitten im Gewerbegebiet von La Vaupalière bei Rouen. Ein Ort, dessen Name bis vor kurzem selbst in Frankreich keiner kannte. Das hat sich gründlich geändert.
Eine Drohung, die sich nun nicht mehr gegen den Arbeitgeber richtet, nicht einmal gegen den Staat – sondern gegen die Mitbürger. Der Arbeitskampf hat in Frankreich eine neue Dimension erreicht, die letzte Stufe einer explosiven Entwicklung. Seit Beginn des Jahres greifen wütende Arbeiter zu immer radikalen Mitteln, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen – aus Angst, den Job zu verlieren, aus der Verzweiflung heraus, ohnehin nichts mehr zu verlieren zu haben. So nahmen Arbeitnehmer in mindestens zehn Unternehmen Manager stunden-, gar tagelang als Geiseln, um Abfindungen zu erpressen.
Kidnapping hat in Frankreich Geschichte
Bereits in den 70er-Jahren hielten Arbeiter ihre Chefs gefangen, um Forderungen durchzusetzen. Doch seit von der Entlassung bedrohte Mitarbeiter eines im Südwesten des Landes gelegenen Werks von Sony im März mit der Geiselnahme 45.000 Euro erpressten, ist die Methode fast üblich geworden. „Die Geiselnahmen sind ein zusätzliches Druckmittel, die allerletzte Waffe bei Verhandlungen“, erklärt Soziologe Guy Groux, der an der renommierten Politik-Hochschule Science Po Arbeiterproteste erforscht.
Die allerletzte? Kaum. Im Juli drohten die Mitarbeiter des Autozulieferers New Fabris in Châtellerault, ihre Fabrik zu sprengen. Auch sie hatten Erfolg mit der Erpressung, ebenso wie die Nachahmer in anderen Firmen. Statt der Staatsanwaltschaft kamen regelmäßig Medien und Minister und machten zusätzlich Druck auf die Firmenleitungen, die sich so zu Zugeständnissen gezwungen sahen.
Soziologe Groux sieht einen Grund für die Radikalisierung des Arbeitskampfes in der politischen Kultur Frankreichs. „In den nordeuropäischen Ländern gibt es eine Kultur der Kompromisse, die seit Langem etabliert ist“, sagt er. „In Frankreich dagegen war man lange der Ansicht, dass Verhandlungen in einer Logik des Kräftemessens verlaufen müssten. Da spielt der Streik eine wichtige Rolle.“Bis hin zur Gewalt. Gewerkschafter sehen die spektakulären Aktionen als einzige Chance, sich Gehör zu verschaffen. Ob strafrechtlich relevant oder nicht: Der Sympathie der Bevölkerung können sie sich sicher sein. So befürworten laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop 30 Prozent der Franzosen Geiselnahmen von Firmenchefs, 63 Prozent haben Verständnis dafür. In einer ebenfalls von Ifop für die kommunistische Zeitung „L’humanité“ durchgeführten Umfrage erklärten 50 Prozent, sie könnten die Drohung der Arbeiter verstehen, ihre Fabrik zu sprengen.
Und so reißt ein gewöhnlicher Streik keinen mehr vom Hocker, auch bei Serta nicht. „Wir haben vor einer Woche zu streiken begonnen“, sagt Jean-Pierre Villemin von der Gewerkschaft CFDT. „Doch die Medien haben darüber so gut wie nicht berichtet. Also haben wir überlegt, wie wir ihre Aufmerksamkeit wecken können.“ Mit gerade 52 verbliebenen Mitarbeitern in La Vaupalière sind bei Serta vergleichsweise wenige betroffen.
Kaum ein Tag vergeht ohne neuen Sozialplan bei irgendeiner Firma im Land, 600.000 Stellenstreichungen wurden 2009 schon verkündet. Die Protestierer kämpfen da vor allem auch um eines: um die Beachtung der Medien, sagt der Soziologe Jérôme Pélisse von der Universität Reims. „Die Angestellten instrumentalisieren sie, um das Kräfteverhältnis zu verändern. Sie haben verstanden, dass sie etwas Spektakuläres benötigen, damit man von ihnen spricht.“Dieses Ziel haben die Arbeiter bei Serta erreicht, so gründlich, dass sich nun das Gefühl breit macht, den Bogen überspannt zu haben. „Das Unternehmen ist für die meisten von uns wie eine Familie“, sagt Villemin und zündet sich eine Zigarette an. „Wir lieben diesen Betrieb mehr, als unsere Chefs es tun. Das ist doch absurd.“
Er holt weit aus in den Bemühungen, die Erpressung zu rechtfertigen. Es gehe nicht in erster Linie um die Abfindungen, es gehe darum zu verhindern, dass Serta an ehemalige Chefs verkauft werde, die das Unternehmen in den Konkurs geritten hätten. Die Schieflage von Serta sei das Ergebnis schlechter Führung, die Folge von Machtkämpfen an der Firmenspitze.
Mühsame Rechtfertigungsversuche
Drum stehen sie also nun um Gullydeckel und Giftfässer herum und warten auf den kommenden Donnerstag. Das Handelsgericht von Evreux will dann entscheiden, wie es mit Serta weitergeht. Für das Transportunternehmen mit Standorten in La Vaupalière, Lille, Lyon und im südfranzösischen Cavaillon war Ende letzten Jahres ein Vergleichsverfahren eingeleitet worden. Damals wurden 100 von 250 Stellen gestrichen. Das Gericht hat zwei Übernahmeangebote für die mit 14 Millionen Euro verschuldete Firma in die Endauswahl genommen. „Von den zwölf Offerten haben sie ausgerechnet die schlechtesten ausgesucht, hinter denen unsere ehemaligen Chefs stecken“, sagt Villemin. „Wir wollen weiterarbeiten, aber nicht mit solchen Banditen, sondern mit einem vertrauenswürdigen Chef.“
Vor dem Zelt steigen zwei Gendarmen aus dem Auto und unterhalten sich mit den Streikenden. „Die kommen jeden Tag mehrmals bei uns vorbei. Morgens trinken sie mit uns zusammen Kaffee“, sagt Villemin. Das Verhältnis zu den Ordnungshütern sei gut, beteuert er, ja, irgendwie stehe man ja auf der selben Seite. „Einige meiner Kollegen sind bei der freiwilligen Feuerwehr. Sie bewachen die Fässer Tag und Nacht, damit nichts passiert, und nachts haben wir sogar einen Rottweiler hier“, sagt Villemin. „Außerdem lassen wir hier niemanden auch nur einen Tropfen Alkohol trinken, damit die Situation nicht außer Kontrolle gerät.“Warum sie die Giftfässer dann nicht einfach wegräumen? Statt einer Antwort zündet sich Villemin die nächste Zigarette an. „Wir sind doch keine Barbaren“, sagt er dann müde. „Wir wollen doch auch nicht, dass die Seine vergiftet wird.“
Erschienen am 23.08.2009
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