Herties Ende
Die Tage der Kaufhäuser sind vorbei – leider!
Jahrzehntelang haben sie das Bild der Innenstädte geprägt. Nun sind die Regale der Hertie-Warenhäuser leer, die Angestellten können nichts sagen. Trotzdem jagen die Kunden noch einmal Schnäppchen. Bericht vom letzten Verkaufstag eines einst stolzen Konzerns.
Von Alan Posener
Vor vierzig Jahren machte ein Teenager mit seiner Freundin im Café bei Hertie in Berlin-Tegel Schluss. Er weiß nur noch, wie traurig sie war und dass die Kaffeesahne sauer war und flockte. Wenn er seinen Enkelkindern davon erzählt, werden sie fragen: "Was ist das – Hertie?" Denn jetzt wandert er durch ein Geisterkaufhaus mit leeren Regalen. Es ist der letzte Verkaufstag, 90 Prozent Rabatt, aber es gibt kaum noch Ware.
Hertie macht dicht.
Und nicht nur in Berlin-Tegel, -Moabit und -Schöneberg. 54 Filialen in ganz Deutschland sind geschlossen worden. Bereits im Februar gingen etwa in der Hamburger Hertie-Filiale Langenhorn die Lichter aus. Eventuell zieht "Kaufland" in das verlassene Gebäude ein. In Bramfeld will Lidl den Laden übernehmen. Die Zukunft der Barmbeker Filiale bleibt ungewiss. In München ist der einstige Glanz – mit Filialen an der Leopoldstraße, der berühmten Schwabinger Flaniermeile, und einem Vorzeige-Kaufhaus am Hauptbahnhof – schon lange verblasst. Zuletzt gab es in München nur noch drei Häuser in den Stadtteilen Laim, Giesing und Fürstenried. Bis gestern.
Und so könnte die traurige Litanei weitergehen. Jede Filialadresse steht ja auch für Arbeitsplätze, die verloren sind: hier 80, dort 30, insgesamt 2600 Menschen, die in die Unsicherheit fallen. Danach befragt, verziehen zwei Mitarbeiterinnen bei Hertie in Tegel das Gesicht: "Wir dürfen nichts sagen." Dürfen? Hallo? Der Betrieb macht dicht, die Arbeitsplätze werden abgebaut, und die Mitarbeiterinnen, die nächste Woche noch den Laden aufräumen müssen und dann vor die Tür gesetzt werden, halten sich an die Anweisung der Geschäftsleitung, der Presse nichts zu sagen? "Wir sind ooch janz froh, nix sagen zu dürfen", sagt die eine im Weggehen. Was soll man auch sagen?
Der Laden ist voller Menschen. Irgendwo muss es noch ein Schnäppchen geben. Man kommt sich vor wie in der DDR. "Die juten Sachen hamse längst wegjeräumt", sagt ein Mann zu seiner Frau, die stürzt sich aber auf einen der Grabbeltische mit BHs. Billigjeans und ärmellose Blusen sind noch für zwei Euro erhältlich, außerdem Schultüten, Konfettibeutel, Geburtstagskerzen mit Aufschrift: "82 – Kein Grund zur Traurigkeit!" und "86 – Jetzt geht’s erst richtig los!" Man könnte für Weihnachten vorsorgen und ein mit Glitzerzeug beklebtes Styropor-Dekorelement erstehen: "Xmas", ein Meter mal 50 Zentimeter, früher 105 Euro, jetzt zehn, oder eine große Deutschlandfahne für die WM.
Selbst die Zeugen Jehovas wissen nicht mehr weiter
Vor dem Kaufhaus stehen die Zeugen Jehovas mit einem Stand, auf dem steht: "Hätten Sie gern eine Antwort?" Schon. Warum ist Hertie pleitegegangen? "Auf die Frage haben wir keine Antwort." Okay, fragen wir den Mann am roten SPD-Stand. "Ich finde das schlimm. Ganz schlimm. Der Stadtteil verliert seinen Mittelpunkt." Aber was tun Sie dagegen? "Wir können nichts machen. Wir stehen zwischen Baum und Borke." Das stimmt doch nicht. Sie sitzen doch in Bund und Land in der Regierung. "Aber wir können nichts machen. Unser Gegner …" Schon gut.
Vor dem Kaufhaus bietet einer frisches Obst und Gemüse feil. "Raten Sie, wie alt ich bin." Er sieht aus wie 70, also sagt man höflich: "55?" Er ist 65, arbeitet seit dem 14. Lebensjahr, steht schon ein halbes Menschenalter hier, sah die große Zeit des Kaufhauses in den 60er-Jahren und den Niedergang seitdem: "Das hier war ein Treffpunkt. Die Leute kamen hierher, um zu essen, um einen Kaffee zu trinken …" Davon kann ich ein trauriges Lied singen. "Wie? Dann kennen Sie das ja. Aber die Manager, die haben das abgewirtschaftet, Restaurant raus, Café raus, Lebensmittel raus, nur noch Klamotten verkauft, gehste rein, findste nix, kommste wieder raus. Und ich sage Ihnen noch was: Die erfahrenen Verkäufer haben sie ersetzt durch billige Kräfte aus dem Osten. Hier und überall." Die Ossis sind schuld? "Nee, die Manager."
Das Konzept Warenhaus ist am Ende
Aber es sind nicht nur die Manager. Es ist das Konzept Warenhaus, das abgewirtschaftet hat. 1882 führte der deutsch-jüdische Kaufmann Hermann Tietz die Idee in Deutschland ein; an ihn erinnerte bis gestern noch der Name Hertie.
"Zum Glück gibt’s Hertie!" heißt es an den bunten Fahnen, die im leeren Kaufhaus von der Decke hängen. Und noch in den 60er-Jahren waren Kaufhäuser wie Hertie Lichtblicke, Tempel der Fülle im grauen Einerlei der Kleingeschäfte und ihrer missgelaunten Besitzer, die dem Kunden vorschrieben, was er zu kaufen hatte, und dem Kaufhaus und seinen Billigpreisen nicht gewachsen waren. Politiker warnten vor der Verödung der Innenstädte, wenn der kleine Laden verschwände. Heute aber ist Hertie ein grauer Klotz im bunten Treiben in der Fußgängerzone in Tegel.
Man sitzt draußen und trinkt Latte, flaniert in der neuen Markthalle zwischen Fränkels traditioneller Currywurst und Käsespezialitäten aus Frankreich. Am U-Bahnhof wirbt Media-Markt mit dem Spruch: "Wer hier aussteigt, ist blöd. Die Billigpreise gibt’s eine Station weiter."
Bald vielleicht auch hier. Der Eigentümer der Immobilien, "Mercatoria Acquisitions", will die Gebäude an andere Interessenten vermieten: an "Saturn" zum Beispiel. Einige Läden seien bereits verpachtet, heißt es. Bereits zum Weihnachtsgeschäft soll es losgehen.
Mitarbeit: Jörn Lauterbach, Hermann Weiß
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