25.02.13

Boehringer Ingelheim

"Die Patienten leiden unter den Nachteilen"

Andreas Barner, Chef von Boehringer Ingelheim, spricht über das Branchenimage und Probleme bei der Forschung. Die Milliardenreserve der Kassen sollen die Unikliniken bekommen, fordert der Manager.

Von Ileana Grabitz
Foto: picture alliance / Bildagentur-o

Grippeviren: Mit der Erforschung neuer Influenza-Wirkstoffe beschäftigt sich auch Boehringer Ingelheim. Allerdings werde den Pharmafirmen ihre Arbeit in Deutschland zunehmen erschwert, sagt Pharmamanager Andreas Barner.
Grippeviren: Mit der Erforschung neuer Influenza-Wirkstoffe beschäftigt sich auch Boehringer Ingelheim. Allerdings werde den Pharmafirmen ihre Arbeit in Deutschland zunehmen erschwert, sagt Pharmamanager Andreas Barner.

Gleich zwei Mal war einer der größten Hoffnungsträger aus dem Hause Boehringer Ingelheim, das neue Diabetes-Mittel Trajenta, bei deutschen Nutzenbewertungsinstanzen durchgefallen. Doch Andreas Barner, seit 2009 Vorsitzender der Unternehmensleitung des Familienkonzerns, hatte bis zuletzt große Hoffnungen, dass sich die "Erkenntnisse der Wissenschaft" durchsetzen würde. Vergangene Woche fiel das Präparat abermals durch – für den 60-Jährigen ein Zeichen, dass "Innovation hierzulande nicht richtig honoriert wird".

Die Welt: Herr Barner, das höchste Gremium der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen – der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) – hat den Zusatznutzen von Ihres Diabetes-Mittels, das europaweit bereits im Einsatz ist, auch im zweiten Anlauf nicht anerkannt. Sie müssten ziemlich wütend sein...

Andreas Barner: Wir haben die Entscheidung mit absolutem Unverständnis zur Kenntnis genommen. Die Maßstäbe, die der G-BA an einen patientenrelevanten Nutzen in diesem Fall anlegt, decken sich weder mit unseren Vorstellungen noch mit denen vieler Ärzte und Patienten – nicht umsonst haben ja auch die Ärzte im Entscheidungsgremium für den Zusatznutzen gestimmt. Der G-BA hat sich nur auf Blutzuckersenkungen fokussiert. Völlig außer Acht gelassen wurde, dass die Risiken und Nebenwirkungen unseres Präparats deutlich geringer sind als bei Vergleichsmedikamenten. Das ist so, als ob Sie bei der Überprüfung von zwei Autos allein danach schauen würden, ob beide in der Lage sind, eine Vollbremsung in kürzester Zeit zu bewerkstelligen. Beide können es. Dass das eine Auto zusätzlich über Gurte und Airbags für die Fahrgäste verfügt, im anderen Auto die Passagiere somit leichter zu Schaden kommen können, wird ignoriert.

Die Welt: Können deutsche Diabetes-Patienten trotzdem noch auf Trajenta hoffen?

Barner: Leider nein, wir werden Trajenta in Deutschland nicht auf den Market bringen können. Ich bedauere dies sehr. Die deutschen Patienten müssen die Nachteile eines System ertragen, in dem die Kostenträger Entscheidungen durchsetzen können gegen die Ärzteschaft.

Die Welt: Grundsätzlich ist es aber doch eine gute Sache, Scheininnovationen, die die Versicherten Mitgliedsbeiträge im großen Stil kosten, von wirklichen Innovationen zu trennen, oder?

Barner: Grundsätzlich schon, wenn eine Scheininnovation auch eine Scheininnovation ist. Aber es gibt häufig Medikamente, die wie Trajenta vielleicht die gleiche Wirksamkeit aufweisen, wie ein bereits eingeführtes aber ein wesentlich besseres Nebenwirkungsprofil haben. Ist das dann eine Scheininnovation? Grundsätzlich sollte der Arzt immer die Möglichkeit haben, für den Patienten das richtige Medikament auswählen zu können. Ein "one fits all" wird es in Zeiten zunehmend personalisierter Medizin nicht mehr geben.

Die Welt: Was muss also verändert werden?

Barner: Die Art wie bei uns Nutzenbewertung betrieben wird, bedeutet leider, dass Innovation hierzulande nicht richtig honoriert wird – eine Glanzleistung ist das nicht. Ich bin auch mit Blick auf Trajenta zuversichtlich, dass sich wissenschaftliche Erkenntnisse langfristig durchsetzen. Irgendwann wird auch den Beteiligten hierzulande klar werden, dass die Prozesse verbessert werden müssen. Ich wünsche mir am ehesten die angelsächsischen Bedingungen: Dass sich alle Beteiligten, auch die Pharmaindustrie, an einen Tisch setzen und fair und vor allem datenbasiert diskutiert werden kann.

Die Welt: Hinter dem 2010 verabschiedeten Gesetz zur Modernisierung des Arzneimittelmarkts steckt nicht zuletzt auch ein Misstrauen der Politik gegenüber den Arzneimittelherstellern, die mutmaßlich versuchen, mit Scheininnovationen Geld zu machen. Tatsächlich steht es um das Image von Big Pharma ja nicht allzu gut. Wie erklären Sie sich das?

Barner: Unser großes Rechtfertigungsproblem besteht ja aus Sicht mancher Menschen darin, dass wir mit der Gesundheit Geld verdienen. In den Augen von manch Gesundem mag uns das angreifbar machen. Aber all die, die krank sind oder vielleicht nur dank der Errungenschaften der Pharmaforschung ein lebenswertes Leben führen können, haben eine eindeutig positive Einstellung. Zugleich ist es eine Tatsache, dass kein wirklich innovatives Medikament je aus den Staaten der Planwirtschaft gekommen ist. Um Präparate zu entwickeln, die die langen und unglaublich teuren Phasen der wissenschaftlichen und klinischen Erprobung erfolgreich durchlaufen, braucht es einfach die Dynamik und auch die Investitionsbereitschaft der Privatwirtschaft.

Die Welt: Dennoch ist der Ruf Ihrer Branche auch wegen der unlauteren Methoden so mies, mit denen Konzerne Ärzte bestechen.

Barner: Ja, deswegen plädiere ich seit Jahren dafür, dass wir das Verhältnis zwischen Branche und Arzt transparent machen. Einiges hat sich gebessert, auch dank des Verhaltenskodex, den wir von Verbandsseite auf den Weg gebracht haben und der auch eine maximale Transparenz seitens der Konzerne anmahnt…

Die Welt: Sie setzen also auf freiwillige Selbstverpflichtung der Wirtschaft, Druck seitens der Politik ist nicht vonnöten?

Barner: Druck, vor allem von der Öffentlichkeit, kann natürlich nicht schaden, denn es liegt natürlich noch vieles im Argen. Bis das Problembewusstsein in allen Unternehmensbereichen angekommen ist und auch wirklich gelebt wird, haben wir ein wenig zu tun.

Die Welt: Empfinden Sie das Image der Pharmaindustrie als Hemmschuh, wenn es darum geht, sich bei der Politik Gehör zu verschaffen? Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) etwa hält an den erhöhten Zwangsrabatten fest, obwohl die Kassen auf mehr als 30 Milliarden Euro Reserven sitzen. Ärzte etwa, so scheint es bisweilen, kommen beim Geschacher um mehr Geld besser weg.

Barner: Mit dem Zwangsrabatt verhält es sich doch so wie mit Steuererhöhungen: Wenn die Politik mal etwas genommen hat, tut sie sich schwer, es wieder herzugeben. Politik wird nun einmal von Wahlen bestimmt, und gerade die FDP, unter deren Obhut das Gesundheitsministerium derzeit steht, hat ja momentan durchaus Sorgen. Wir als Pharmaindustrie werden immer gern gerufen, wenn es ein neues Gesundheitsproblem gibt – wie zuletzt die Schweinegrippe. Dann sollen wir schnell forschen, dabei wird nur leider gern vergessen, dass Forschung eben auch eine Menge kostet. Kurz und gut: Es gab sicher Zeiten, in denen wir bei der Politik mehr Gehör gefunden haben, aber ich bin optimistisch, dass das auch wieder besser wird.

Die Welt: Wären Sie Herr Bahr, was würden Sie mit den Milliardenreserven tun?

Barner: Man müsste sich natürlich systematisch anschauen, wo es im System am stärksten hapert. Mir persönlich macht beispielsweise große Sorgen, dass Universitätskliniken mit den derzeitigen Erstattungskonditionen eigentlich kaum noch profitabel wirtschaften können. Wenn Deutschland in puncto Forschung wettbewerbsfähig bleiben will, muss man hier dringend mehr Geld investieren. Und natürlich würde ich auch die Zwangsrabatte zumindest reduzieren. Allein unser Unternehmen hat dieses Instrument in den vergangenen zwei Jahren fast 160 Millionen Euro gekostet. Dies gepaart mit zwei bis drei Prozent Inflation und dem darüber hinaus seit 2009 geltenden Preismoratorium ist eine Belastung, mit der wir unseren hohen Einsatz für die Forschung nicht dauerhaft garantieren können.

Die Welt: Deutschland galt einmal als Apotheke der Welt, heute ist unsere Bedeutung im weltweiten Pharmamarkt vergleichsweise gering. Woran liegt das?

Barner: Deutschland hat die Führungsposition verloren, meines Erachtens nicht zuletzt weil die Industrie in den 80er und 90er Jahren zu zögerlich in neue Standards und in Forschung & Entwicklung investiert hat. Wenn ich mir die Stärke unserer akademischen Forschung anschaue, kann ich mir aber durchaus vorstellen, dass sich die Gewichte im Laufe der nächsten Jahre wieder verschieben. Schon heute steht unser Land ja nicht so schlecht da, wie es manche machen: Boehringer Ingelheim selbst ist in den vergangenen Jahren verlässlich über dem Markt gewachsen, und die Halbjahresergebnisse 2012 legen nahe, dass es auch im vergangenen Jahr wieder so war. Branchenübergreifend wird zudem unglaublich geforscht und entwickelt, nicht zuletzt auch im Bereich der vielen Biotechnologieunternehmen: Wenn da nur eine Handvoll innovativer Therapieansätze herauskommt, was ich für gut möglich halte, kann allein das die Bedeutung der deutschen Anbieter im globalen Vergleich wieder stark nach oben katapultieren.

Die Welt: Das heißt, die Warnung vieler Kritiker vor einem gefährlichen Innovationsstau in der Pharmabranche ist fehl am Platz?

Barner: Meiner Ansicht nach: Ja. Allen Warnungen zum Trotz wurden in den USA im vergangenen Jahr 38 neue Medikamente zugelassen – wie viel das ist, wird daran deutlich, dass der Mittelwert über die Jahrzehnte hinweg de facto bei etwa 24 neuen Präparaten liegt. Es ist eben immer eine Frage des Zeitraums, den Sie für die Bewertung zugrunde legen: In den 90er Jahren etwa sank die Zahl der Innovationen tatsächlich spürbar, seit den 50er Jahren sehen wir aber klar eine Schaukelbewegung – wobei wir gerade klar wieder auf dem aufsteigenden Ast sind.

Die Welt: Britische Gesundheitsökonomen haben berechnet, dass in den 50er Jahren mit 1,5 Milliarden Euro Forschungseinsatz 30 bis 65 Neuentwicklungen auf den Markt kamen. Heute setzt die Branche einen Aufwand von 1,2 Milliarden Euro für nur eine Innovation an. Werden wir auch eine Erleichterung feststellen, was das Verhältnis von Aufwand und Output betrifft?

Barner: Was man sich wirklich anschauen müsste, ist, wie sich der reine Forschungsaufwand entwickelt hat im Unterschied zu den Investitionen in klinische Prüfungen. Ich gehe davon aus, dass heute gar nicht so sehr viel mehr Geld zu Preisen von damals in die Forschung fließt als früher, aufgrund der technologischen Entwicklung sind einige Verfahren ja sogar billiger geworden. Was aber wirklich viel teurer geworden ist, sind die klinischen Studien. Man muss ja heute viel stärker die Risiken austesten als früher, bevor ein Medikament auf den Markt kommen darf. Heute braucht man 20- bis 30 mal so viele Probanden wie früher, um Medikamente zugelassen zu bekommen. Das sind unglaubliche Ausgaben, die wohl eher noch mehr als weniger werden. Aber sie dienen der Sicherheit der Patienten, insofern halte ich das für eine sinnvolle Sache.

Die Welt: Pharmakonzerne haben im Kampf gegen den Innovationsstau begonnen zu fusionieren oder sich im großen Stil Biotechfirmen an Bord zu holen. Boehringer Ingelheim hat sich bei beidem zurückgehalten. Reicht die eigene Kraft auf Dauer aus, um im globalen Wettbewerb mitzuhalten?

Barner: Wir sind bislang gut gefahren, indem wir eng mit Biotechfirmen sowie mit Universitäten und Forschungszentren zusammen arbeiten. Ich sehe also nicht, dass man ein Unternehmen kaufen muss, um innovativ zu sein. Allein die Energie, die Zeit und das Geld, die so ein Schritt kosten würde, investieren wir doch wirklich besser in neue Ideen.

Die Welt: Wie gut fühlen Sie sich bei der Innovationsfreude vom deutschen Staat unterstützt?

Barner: Deutschland ist ein beeindruckender Staat in dem Sinne, dass er als eines der ganz wenigen Länder weltweit in der Krise antizyklisch die Forschungsausgaben erhöht hat – das ist die wichtigste Basis für ein forschungstreibendes Unternehmen wie das unsere. Dass es dagegen keine steuerliche Forschungsförderung gibt, stellt uns auch im Vergleich zu allen Ländern in der EU eindeutig schlechter. Die tragische Folge ist, dass ausländische Unternehmen sich lieber anderswo mit ihren Forschungsstandorten ansiedeln als bei uns. Inzwischen haben ja zumindest die großen Parteien begriffen, dass das den Forschungsstandort Deutschland mittelfristig empfindlich schwächt. Die unbeantwortete Frage ist leider nur, woher das Geld kommen soll, wobei vieles dafür spricht, dass sich steuerliche Forschungsförderung selbst finanziert.

Die Welt: Die Bundesregierung hält die Schwächephase der deutschen Wirtschaft für überstanden, wie zuversichtlich blicken Sie selbst auf das Jahr 2013?

Barner: Für unsere Branche, da bin ich skeptischer als die Regierung, wird es kein einfaches Jahr werden. In ganz Europa ist die Situation schwierig, viele Unternehmen stehen allein in Folge der Situation in den Krisenstaaten unter einem ganz enormen Druck. Zudem ist mir zu diesem Zeitpunkt auch völlig unklar, was der hohe Verschuldungsgrad der USA und die damit verbundenen Sparprogramme für die Sozialprogramme bedeuten.

Die Welt: Was bedeutet das für Boehringer Ingelheim? Jüngst räumten Sie ein, dass das Wachstum 2012 nur noch im mittleren einstelligen Bereich lag - vor allem wegen Schwierigkeiten mit einer Fabrik in den Vereinigten Staaten und wegen Klagen gegen das neue Gerinnungsmittel Pradaxa. Stellen Sie sich für 2013 auf ein Wachstum auf einem ähnlichen Niveau ein?

Barner: Wir haben noch nicht alle endgültigen Zahlen für 2012. Aber es gibt überhaupt keinen Grund das abgelaufene Jahr als enttäuschend für unser internationales Geschäft abzuschreiben. Grundsätzlich schauen wir auch sehr zuversichtlich nach vorn – für das, was wir außerhalb von Deutschland an Möglichkeiten sehen. Pradaxa etwa hat sich trotz der kritischen Debatten schon im ersten Jahr zum Blockbuster entwickelt und wird weiter wachsen. Zudem sind wir guter Hoffnung, dass wir noch in diesem Jahr die Zulassung für ein erstes neues Medikament zur Behandlung von Lungenkrebs bekommen. Weitere drei Präparate befinden sich in der letzten Phase der klinischen Prüfung. Unsere Pipeline ist also gut gefüllt. Angesichts eines globalen Marktanteils von gerade einmal zwei Prozent können wir da sehr zufrieden sein.

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