25.02.13

Arbeitsmarkt

Die Jugend ist der große Verlierer der Euro-Krise

Die älteren Arbeitnehmer in den Euro-Ländern haben die Krise deutlich besser überstanden als ihre jüngeren Kollegen. In einem Land hat es sogar fast ausschließlich die Jugend erwischt.

Von Tobias Kaiser
Foto: AFP
Verlierer der Krise: Proteste gegen die Arbeitsmarktpolitik in Spanien
Verlierer der Krise: Proteste gegen die Arbeitsmarktpolitik in Spanien

Die Jugend in Südeuropa leidet am stärksten unter der Schuldenkrise im Euro-Raum. Seit 2008 ist die Jugendarbeitslosigkeit in den betroffenen Ländern weitaus stärker gestiegen als die Arbeitslosigkeit bei älteren Arbeitnehmern.

Teilweise ist der Unterschied dramatisch. Das ist das Ergebnis einer Berechnung von Ökonomen der Europa-Universität Viadrina für die "Welt".

Demnach tragen junge Arbeitnehmer die Hauptlast der tiefen Rezessionen in den Krisenländern. Deren Volkswirtschaften sind in den vergangenen Jahren stark geschrumpft, und die Arbeitslosigkeit ist entsprechend gestiegen.

Absolventen haben es in Krisenzeiten schwer

Die Ökonomen Georg Stadtmann und Oliver Hutengs haben für die "Welt" berechnet, wie ungleich stärker die Krise die jungen Arbeitnehmer in diesen Ländern getroffen hat.

Dass die Jugendarbeitslosigkeit in den Krisenländern seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise stärker gestiegen ist als die Arbeitslosigkeit der Älteren ist zunächst nicht verwunderlich: In wirtschaftlich harten Zeiten haben es Absolventen und junge Arbeitnehmer besonders schwer, weil Unternehmen keine neuen Mitarbeiter einstellen. Zudem wird bei Kürzungsprogrammen in der Regel den Mitarbeitern gekündigt, die zuletzt eingestellt wurden.

Wie extrem ungleich die Last der Krise aber tatsächlich verteilt ist, hat allerdings selbst die beiden Ökonomen verblüfft. "Wir hatten erwartet, dass die Rezession junge Arbeitnehmer härter treffen würde als ältere Angestellte", sagt Stadtmann. "Trotzdem hat uns überrascht, wie dramatisch der Effekt ist."

In den Krisenländern ist die Jugendarbeitslosigkeit zuletzt mehr als doppelt so stark gestiegen wie die Arbeitslosigkeit unter Älteren.

Staaten in Südeuropa besonders betroffen

In Griechenland beispielsweise ist die Wirtschaftsleistung zwischen 2008 und 2012 um fast ein Fünftel eingebrochen. In dieser Zeit ist die Arbeitslosenquote der Jungen um 28,4 Prozentpunkte nach oben geschnellt – auf fast 60 Prozent. Der Anteil der Älteren, die nach Arbeit suchten, stieg im gleichen Zeitraum nur um 13,8 Prozentpunkte.

In Spanien stieg die Jugendarbeitslosigkeit im gleichen Zeitraum ebenfalls um 28,4 Prozentpunkte und die Arbeitslosigkeit unter Älteren nur um 12,9 Prozentpunkte. Auch in Irland legte die Arbeitslosenquote der Jungen mehr als doppelt so stark zu wie die Quote unter den Älteren.

Besonders dramatisch ist der Unterschied in Italien: Dort schnellte die Jugendarbeitslosigkeit um 13,4 Prozentpunkte nach oben.

An älteren Arbeitnehmern ist die Krise dagegen beinahe spurlos vorübergegangen: Ihre Arbeitslosenquote stieg nur um 0,9 Prozentpunkte. "In Italien sind ältere Arbeitnehmer komplett abgeschottet von der Konjunkturlage", sagt Co-Autor Oliver Hutengs.

In anderen Ländern mit flexibleren Arbeitsmärkten läuft die Entwicklung stärker synchron: In Deutschland beispielsweise sank die Arbeitslosigkeit bei den Jungen um 2,4 Prozentpunkte und bei den Älteren um 2,0 Prozentpunkte.

In Österreich legte sie für die beiden Gruppen um 0,8 Prozentpunkte, beziehungsweise 0,5 Prozentpunkte zu.

Gründe für die Unterschiede zwischen alt und jung

Die ungleiche Verteilung der Lasten ist kein reines Krisenphänomen. Stadtmann und Hutengs haben die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in vielen Euro-Ländern zwischen 1983 und 2011 untersucht und festgestellt, dass die Unterschiede in den betroffenen Volkswirtschaften tief verankert sind und sich über einen langen Zeitraum beobachten lassen.

Dieses Muster haben die beiden sogar in Zahlen gefasst, etwa für Italien: Wenn dort die Wirtschaftsleistung um ein Prozent schrumpft, steigt die Arbeitslosigkeit der Älteren um 0,12 Prozentpunkte und die der Jungen fünfmal so stark um 0,61 Prozentpunkte.

Ähnliche Gleichungen lassen sich für alle Krisenländer aufstellen: In Spanien steigt die Jugendarbeitslosigkeit bei schrumpfender Wirtschaftsleistung langfristig dreimal stärker, in Griechenland mehr als viermal stärker und in Portugal fast viermal stärker.

Verantwortlich für die dramatischen Unterschiede scheint die Struktur der Arbeitsmärkte zu sein, die in den Krisenländern stärker als anderswo in zwei Lager zerfallen: Auf der einen Seite stehen Festangestellte, die einen ausgeprägten Kündigungsschutz genießen und Anrecht auf teure Abfindungen haben; auf der anderen Seite vor allem junge Menschen auf befristeten Stellen.

"In Volkswirtschaften wie Italien, Spanien oder Griechenland sind junge Arbeitnehmer die Verlierer der Krise. Sie sitzen auf sehr kurzfristigen Arbeitsverträgen und können schnell gefeuert werden", sagt Wissenschaftler Stadtmann.

Reformen sollen die Strukturen aufbrechen

Auch andere Experten kritisieren diese Zweiteilung des Arbeitsmarktes in den Krisenländern. Die Regierungen dort haben unter dem Eindruck der stark gestiegenen Arbeitslosigkeit bereits mit Reformen begonnen, um diese Strukturen aufzubrechen.

Die Untersuchung der Ökonomen macht auch ein wenig Hoffnung für die Jugend in den Krisenländern. Denn die Jungendarbeitslosigkeit reagiert auch auf Wirtschaftswachstum stärker. Junge Arbeitslose dürften deshalb eher wieder Stellen finden als ältere Arbeitssuchende.

Nur in Bezug auf Spanien ist Stadtmann skeptisch. Dort ist die Jugendarbeitslosigkeit in der Krise besonders stark angestiegen. Verantwortlich dafür ist offenbar, dass in der jüngsten Krise mit der Bauwirtschaft eine sehr arbeitsintensive Branche geschrumpft ist.

"Wenn die Wirtschaft wieder wächst, wird die Arbeitslosigkeit nicht so stark zurückgehen, wie sie in der Krise gestiegen ist", sagt Stadtmann. Er glaubt, dass weniger arbeitsintensive Branchen vom Aufschwung profitieren werden.

Jugendarbeitslosigkeit nimmt weiter zu

Die Jugendarbeitslosigkeit in Europa hat zuletzt einen traurigen Rekord erreicht. Im Dezember war in der Euro-Zone fast jeder vierte junge Mensch ohne Arbeit; die Jugendarbeitslosigkeit lag bei 24 Prozent.

In der EU erreichte sie 23,4 Prozent. Während in Deutschland die Jugendarbeitslosigkeit auf ein Rekordtief von acht Prozent gefallen ist, liegt sie in den Krisenländern weit über diesem Durchschnitt.

Besonders hart ist die Situation für junge Menschen in Griechenland und Spanien; in beiden Volkswirtschaften sucht mehr als die Hälfte von ihnen nach Arbeit.

In Griechenland lag die Jugendarbeitslosigkeit im November, dem letzten Monat, aus dem Daten vorliegen, bei fast 60 Prozent. Nicht nur, dass die Wirtschaft in beiden Ländern am Boden liegt; staatliche Sparprogramme verschärfen die Lage zusätzlich.

Besonders dramatisch ist das Problem auch in Italien, Portugal und der Slowakei; dort sind jeweils mehr als 35 Prozent der jungen Menschen ohne Arbeit. In Irland, Frankreich und Zypern ist beinahe jeder Dritte unter 25 Jahren auf der Suche nach einer Stelle, genauso wie in den Nicht-Euro-Ländern Polen und Bulgarien.

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