25.02.13

Mobilfunk-Messe

"Gespräche sind nur noch ein Nebengeräusch"

Weltweit nutzen die Menschen so stark wie nie das mobile Internet. Sie wollen überall online gehen. Netzausrüster wie den Marktführer Ericsson setzt dies unter enormen Druck, sagt Chef Vestberg.

Foto: dpa

Ericsson-Chef Hans Vestberg benutzt im Alltag zwei Telefone: eins zum telefonieren und eins zum surfen im Internet
Ericsson-Chef Hans Vestberg benutzt im Alltag zwei Telefone: eins zum Telefonieren und eins zum Surfen im Internet

Berliner Morgenpost: Herr Vestberg, nutzen Sie Ihr Smartphone eher zum Telefonieren oder für das mobile Internet?

Hans Vestberg: Ich habe zwei Handys. Mit dem einen führe ich Gespräche, das andere nutze ich für E-Mails und Apps. Die Nutzung hat sich bei mir wie auch bei allen anderen Smartphone-Besitzern dramatisch verändert.

Berliner Morgenpost: Inwiefern?

Vestberg: Wir machen seit Jahren Studien dazu. Zu Beginn haben die Nutzer 90 Prozent ihrer Zeit am Gerät mit dem Telefonieren zugebracht. Die restlichen zehn Prozent fielen auf SMS und den Versuch, Webseiten aufzurufen. Im vergangenen Jahr schrumpfte der Anteil, der auf das Telefonieren verwendet wurde, auf ein Viertel. Während wir früher bestimmte Stoßzeiten hatten, verteilt sich heute die Nutzung mehr oder weniger gleichmäßig über den ganzen Tag.

Berliner Morgenpost: Gespräche als Auslaufmodell?

Vestberg: Lassen Sie mich das so formulieren: Gemessen an der Menge der Daten, die durch die Netze gehen, sind Gespräche nur noch Nebengeräusch.

Berliner Morgenpost: Was bedeutet das für die Nutzer?

Vestberg: Während es früher bei der Auswahl des Netzbetreibers vor allem um die Netzabdeckung ging, ist heute entscheidend, wie gut die mobile Internetverbindung ist. Verbraucher halten es inzwischen für selbstverständlich, dass sie von überall Anrufe machen können. Mobilfunknutzer fordern inzwischen mehr ein als früher, nicht zuletzt, weil sie sich zu einem Großteil mit ihren Apps auf das mobile Internet verlassen. Anwendungen wie Facebook sind zu einem Teil ihres Lebens geworden, auf den niemand mehr verzichten will.

Berliner Morgenpost: Sind Nutzer denn auch bereit, dafür mehr zu bezahlen?

Vestberg: Sie lernen es zu schätzen, jederzeit verbunden zu sein. Denken Sie daran, was alles auf uns zukommt. Alles ist online. Ihre Uhr wird plötzlich ein Messinstrument für Ihre Gesundheit. Die Daten werden an den Arzt übertragen, der Ihnen dann Ratschläge gibt, wie Sie sich verhalten sollen. In solchen Fällen wollen Sie sicherlich nicht warten, bis Sie irgendwo einmal eine Verbindung haben. Für diese Qualität gibt es eine Bereitschaft, zu bezahlen.

Berliner Morgenpost: Während es bisher viele verschiedene Funktechnologien gab, haben wir nun mit LTE einen globalen Standard für die vierte Mobilfunkgeneration. Was bedeutet das für die Industrie?

Vestberg: Es macht uns das Leben einfacher. Wir können viel effizienter vorgehen. Am Ende wird es dadurch auch möglich, günstigere Smartphones zu bauen.

Berliner Morgenpost: Plötzlich kommen neue Netzausrüster wie Samsung ins Spiel. Macht Sie das nervös?

Vestberg: Wir respektieren jeden Konkurrenten. Unser Ziel ist es, bei mobilen Netzen die Nummer Eins zu bleiben. Derzeit sind wir dort fast doppelt so groß wie der nächste Wettbewerber. Mein Job ist es, diesen Abstand zu halten. Es ist nicht verwunderlich, dass es neue Mitspieler im Markt gibt, wenn man betrachtet, wie wichtig mobiles Breitband in den nächsten zehn Jahren wird.

Berliner Morgenpost: Der US-Kongress hat aus Sicherheitsgründen davor gewarnt, Netze von den chinesischen Ausrüstern Huawei und ZTE bauen zu lassen. Es wird befürchtet, dass die chinesische Regierung Zugriff auf Daten haben könnte. Hilft Ihnen das?

Vestberg: Nein. Wir fokussieren uns auf uns selbst und nicht auf Dinge, die wir nicht beeinflussen können.

Berliner Morgenpost: Netzbetreiber beklagen sich über Inhalte-Anbieter wie Google, die zwar Last auf die Netze bringen und damit Geld verdienen, sich aber nicht an den Kosten beteiligen. Auf welcher Seite stehen Sie?

Vestberg: Die Rollen der Mitspieler definieren sich derzeit noch. Auch unter den Netzbetreibern gibt es unterschiedliche Strategien. Einige beschränken sich darauf, ihren Kunden nur den Zugang zu verkaufen. Andere wollen auch bei den Inhalten mitmischen und mit Internet-Unternehmen konkurrieren. Alle diese Modelle haben ihre Berechtigung.

Berliner Morgenpost: Wie schnell werden die Netze in fünf Jahren sein?

Vestberg: Wir haben bereits in mobilen Netzen bewiesen, dass ein Gigabit pro Sekunde möglich ist. Wir investieren fünf Milliarden Dollar pro Jahr in Forschung und Entwicklung. Sie können davon ausgehen, dass da noch einiges kommt.

Berliner Morgenpost: Was stellt man mit einem Gigabit an?

Vestberg: Die Frage hat man uns früher auch gestellt, als wir von der zweiten auf die dritte Mobilfunkgeneration umgestiegen sind. Es wird Anwendungen dafür geben. Es ist auch nicht allein die Geschwindigkeit, die zählt. Mit der vierten Mobilfunkgeneration, die derzeit ausgerollt wird, haben wir plötzlich viel kürzere Antwortzeiten. So wird es möglich, dass nun Autos untereinander in Verbindung treten. In Gefahrensituationen kann das nachfolgende Fahrzeug gewarnt werden, so dass es automatisch bremst. Das war früher nicht möglich. Die Grenze von dem, was machbar ist, liegt allein in unserer Vorstellungskraft.

Berliner Morgenpost: Alles nur Visionen?

Vestberg: Diese Technologien und ihre Konsequenzen werden kurzfristig überschätzt, langfristig aber unterschätzt.

Berliner Morgenpost: Bislang hat sich Ericsson an den vielen Patentstreitigkeiten innerhalb der Branche nicht beteiligt. Plötzlich haben Sie Samsung verklagt und Samsung hat eine Gegenklage eingereicht. Ist der Friede zu Ende?

Vestberg: Nein. Wir haben mehr als hundert Lizenzierungsverträge abgeschlossen. Und wir halten weltweit die wichtigsten Patente für den Mobilfunk der zweiten, dritten und vierten Generation. Jeder, der ein Gerät baut, dass sich mobil verbindet, braucht ein Abkommen mit uns. Häufig wird über Kreuz lizenziert, so dass wir fremde Patente nutzen können. Wir haben mit jedem in dieser Industrie diese Abkommen, nur nicht mit Samsung. Obwohl wir zwei Jahre lang verhandelt haben, hat Samsung sich geweigert, zu unterschreiben.

Berliner Morgenpost: Liegt das daran, dass Samsung nun auch in die Ausrüstung von Netzen eingestiegen und somit zu einem direkten Ericsson-Konkurrenten geworden ist?

Vestberg: Das hat damit nichts zu tun.

Berliner Morgenpost: Friedfertig ist die Industrie ja nicht, wenn man die Rechtsstreitigkeiten zwischen Apple, Samsung und anderen Herstellern betrachtet.

Vestberg: Bei den Auseinandersetzungen, die Sie ansprechen, geht es vor allem um Design-Fragen, nicht um Standard-Patente. Das ist etwas ganz anderes. Wenn man sich auf einen Mobilfunkstandard geeinigt hat, macht es überhaupt keinen Sinn, Patente nicht zu lizenzieren. Für unsere Industrie funktioniert das Patentsystem nach wie vor hervorragend.

Berliner Morgenpost: Sie haben das Handygeschäft an Sony verkauft. Es gibt Spekulationen, dass Sie nun auch Ihren Anteil am Chiphersteller ST Ericsson abstoßen.

Vestberg: Dazu kann ich nichts sagen.

Berliner Morgenpost: Was ist überhaupt noch das Kerngeschäft von Ericsson?

Vestberg: Unser Kerngeschäft ist zweigeteilt. Zum einen gehört dazu alles, was sich um die Ausrüstung von Mobilfunknetzen dreht. Und zum anderen sind wir sehr intensiv im Dienstegeschäft unterwegs, in dem wir für Mobilfunkunternehmen Netze aufbauen, warten und auch betreiben.

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