22.02.2013, 08:12

Sparprogramm Mitarbeiter von Siemens sorgen sich um ihre Arbeitsplätze


Protest: Beschäftigte lassen vor dem Gasturbinenwerk in Berlin-Moabit Ballons aufsteigen

Foto: Massimo Rodari

Protest: Beschäftigte lassen vor dem Gasturbinenwerk in Berlin-Moabit Ballons aufsteigen Foto: Massimo Rodari

Von Hans Evert

Etwa 200 Angestellte haben vor den Berliner Siemens-Werken protestiert. Die Furcht vor einer Verlagerung an Billig-Standorte treibt sie an.

Von Not kann keine Rede sein. Trotzdem steht Marc Hildebrandt schon um fünf Uhr morgens vor dem Werktor von Siemens an der Huttenstraße in Moabit und verteilt Flugblätter.

Gegen elf Uhr kommt dann die IG Metall mit einem Transporter vorbei. Tröten werden verteilt, Ballons fliegen, Klaus Lage singt sein "Monopoly" aus den Lautsprecherboxen. Ein Plakat wird entrollt. "Ohne Menschen keine Marge" steht da drauf. 200 Mitarbeiter versammeln sich kurz und gehen dann zur Mittagspause. "Der Vorstand tut so, als hätten wir eine Krise", sagt Hildebrandt, der Maschinenschlosser.

Auf den ersten Blick wirkt das ein wenig rätselhaft, was gerade bei Siemens läuft. Auf der einen Seite ist da der Vorstand, der im Herbst 2012 das zweitbeste Geschäftsjahr der Konzerngeschichte in den Hallen des Moabiter Gasturbinenwerks verkündet hatte. Trotzdem wurde ein klotziges Sparprogramm auf den Weg gebracht. Sechs Milliarden Euro will Siemens in den kommenden zwei Jahren weniger ausgeben.

In Moabit sollen 150 Stellen wegfallen

Auf der anderen Seite die Beschäftigten, die am Donnerstag überall in Deutschland protestierten, obwohl sie doch von "Radolfzell 2" ganz gut geschützt sind. So wird intern jene Übereinkunft zwischen Konzernspitze und Betriebsräten genannt, die in Deutschland betriebsbedingte Kündigungen praktisch unmöglich macht. Die Laufzeit ist unbefristet.

Allerdings kann "Radolfzell 2" – benannt nach dem Bodenseestädtchen, wo das Abkommen verhandelt wurde – im September dieses Jahres gekündigt werden. Bei Siemens fürchten viele Mitarbeiter ungemütliche Zeiten.

Am Standort Moabit, wo gut 3000 Leute die effizientesten Gasturbinen der Welt zusammenbauen, sollen 150 Stellen wegfallen. "Wir sehen keinerlei Veranlassung, hier abzubauen", sagt Betriebsratschef Lennart Kunde. Neue Aufträge seien in Sicht. Eine große Order aus Algerien steht angeblich vor dem Abschluss. "Wir wollen dem Sparprogramm 'Siemens 2014' etwas entgegensetzen", sagt Kunde.

Sparprogramm könnte schleichenden Kulturwandel einläuten

Die IG Metall hat ein Konzept namens "Siemens 2020" beauftragt. Darin geht es um Wachstum aus den bestehenden Konzernteilen heraus. Natürlich zum Wohle und Erhalt der Beschäftigten. Denn was die Gewerkschaft am meisten fürchtet ist weniger ein harter Stellenabbau, obwohl Siemens bis zu 7000 Jobs in Deutschland streichen könnte.

Man deutet das Sparprogramm, mit dem Vorstandschef Peter Löscher die Profitabilität erhöhen will, vielmehr als einen schleichenden Kulturwandel. "Wegen kurzfristiger Profitinteressen werden Unternehmensteile verkauft, andere zugekauft", sagt Klaus Abel von der Berliner IG-Metall-Spitze.

Seine Befürchtung: Dieser Kurs unterhöhlt mittelfristig vor allem die deutschen Standorte und somit natürlich auch Berlin, wo rund 13.000 für den Münchner Konzern arbeiten.

Als Warnung gelten die Beispiele Osram und Nokia Siemens Networks

Wie viele Stellen Siemens in seinen Sparten genau abbauen will, ist immer noch nicht in vollem Umfang bekannt. Das trägt zur Verunsicherung der Belegschaft bei, und es befördert Gerüchte. Zum Beispiel um das Spandauer Messgerätewerk in Siemensstadt mit seinen gut 1000 Mitarbeitern. In Indien hat der Konzern ein ähnliches Werk. Gerüchte um Verlagerung von 200 Stellen an den weit billigeren Standort machen die Runde.

Als Warnung gelten Gewerkschaftlern und Betriebsräten die Beispiele Osram und Nokia Siemens Networks (NSN). Beim deutsch-finnischen Gemeinschaftsunternehmen bleiben von einst weit über 1000 Berliner Mitarbeitern 200 auf der Lohnliste von NSN. Je rund 400 arbeiten jetzt für ein kanadisches Softwarehaus und einen amerikanischen Finanzinvestor.

Bei solchen Eigentümern, schwant der IG Metall, hält sich die Lust auf Mitbestimmung und Tarifpolitik in eher engen Grenzen.

Beim Lampenhersteller Osram, noch zu 100 Prozent eine Siemenstochter, sind auch schon raue Zeiten angebrochen. Osram soll an die Börse, und für die Berliner Mitarbeiter verheißt das wenig Gutes.

Leiter Burkhard Ischler ist ein schwacher Standort-Kümmerer

In Siemensstadt sollen bis Ende des Jahres 550 Stellen wegfallen. Dann würden dort weniger als 1000 Menschen für Siemens arbeiten. Vor zwei Jahren waren es noch 2100. Es laufen Verhandlungen über einen Sozialplan. Schon jetzt ist laut IG Metall absehbar, dass es länger als bis Jahresende dauern wird, alles unter Dach und Fach zu haben.

Erschwerend kommt etwas hinzu, was nicht nur Gewerkschafter bemängeln: Der Leiter des Berliner Büros von Siemens, Burkhard Ischler, ist umstritten. Er gilt intern nicht als starker Standort-Kümmerer.

Ischlers Aufgabe ist es eigentlich, in Berlin Verbindung zur Politik zu halten – sowohl zu Akteuren auf Landes- als auch auf Bundesebene. Die Zuständigkeit für die Lobbytätigkeit in Richtung Bundesregierung hat man Ischler bei Siemens allerdings bereits entzogen. Der Konzern widersprach am Donnerstag aber Gerüchten aus dem Umfeld des Unternehmens, Ischler werde demnächst abgelöst.

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