21.02.13

Arbeitsmoral

Franzosen wehren sich gegen Faulheitsvorwurf

Nachdem sich ein US-Investor über die mangelnde Arbeitsmoral der Franzosen beschwert hat, schlägt jetzt der Reindustrialisierungsminister zurück. Seine Antwort gleicht einer Kriegserklärung.

Von Gesche Wüpper
Foto: AFP

Arnaud Montebourg hält sein Volk keineswegs für faul
Reindustrialisierungsminister Arnaud Montebourg hält sein Volk keineswegs für faul

Nach der höhnischen Abfuhr, die der amerikanische Investor Maurice Taylor dem Industriestandort Frankreich erteilte, hat die französische Regierung zum Gegenschlag ausgeholt – mit einem Brief, der einer Kriegserklärung gleicht.

Reindustrialisierungsminister Arnaud Montebourg wollte die beißende Kritik des Chefs des US-Reifenherstellers Titan an der mangelnden Arbeitsmoral französischer Arbeiter nicht auf sich sitzen lassen. Nur wenige Stunden nachdem ein von der französischen Presse enthülltes Schreiben Taylors für einen Skandal sorgte, antwortete er dem US-Investor.

"Ihre extremistischen und beleidigenden Aussagen zeugen von einer kompletten Ignoranz", schreibt Montebourg in seinem öffentlichen Brief. Taylor verkenne, dass der Standort Frankreich weltweit als attraktiv anerkannt sei. "Darf ich Sie daran erinnern, dass das Unternehmen, das Sie leiten, 20 mal kleiner und 35 mal weniger rentabel ist als Michelin, unser führender französischer Technologiekonzern?", ätzt Montebourg.

Regierung ist beleidigt und verletzt

"Das zeigt, wie viel Titan von einer Niederlassung in Frankreich hätte lernen und gewinnen können." Taylor könne sich darauf verlassen, dass die Mitarbeiter der französischen Regierung die von Titan nach Frankreich importierten Reifen künftig einer besonderen Prüfung unterziehen würden, droht der Minister: "Sie werden vor allem darauf achten, dass die sozialen, technischen und umweltschutztechnischen Auflagen respektiert werden."

Montebourgs Antwort zeigt, wie beleidigt und verletzt die sozialistische Regierung von Taylors Absage ist. Sie hatte ursprünglich gehofft, dass der US-Investor ein von der Schließung bedrohtes Werk des Reifenherstellers Goodyear in Nordfrankreich übernehmen würde.

"Franzosen arbeiten lediglich drei Stunden"

Doch der Titan-Chef lehnte nach mehreren Besuchen der Fabrik in Amiens ab. In seiner Absage spottete er über die Arbeitsmoral französischer Arbeiter. "Die französischen Beschäftigten bekommen hohe Gehälter, aber sie arbeiten lediglich drei Stunden. Sie haben eine Stunde für ihre Pausen und für ihr Mittagessen, diskutieren drei Stunden lang und arbeiten drei Stunden", schrieb er. "Denken Sie, wir sind so dumm?", fragte Taylor in Bezug auf eine Übernahme des Goodyear-Werks. "Sie können die sogenannten Arbeiter behalten."

Titan werde nicht in Frankreich investieren, sondern lieber ein Werk in China oder Indien übernehmen, wo die Stundenlöhne deutlich unter einem Euro lägen. Auch der französische Reifenhersteller Michelin werde in fünf Jahren nicht mehr in Frankreich produzieren können.

Taylor reif für die Psychiatrie?

Der Brief Taylors, den die Wirtschaftszeitung "Les Échos" enthüllte, sorgte bei französischen Politikern und Gewerkschaftsvertretern für Empörung. Er sei eine totale Beleidigung, erklärten Vertreter der kommunistischen Gewerkschaft CGT. Taylor sei eher für eine psychiatrische Anstalt geeignet als dafür, einen Konzern zu lenken, ließen sie durchklingen. Selbst Arbeitgeberpräsidentin Laurence Parisot, die sonst nicht mit Kritik an der sozialistischen Regierung von Präsident François Hollande spart, bezeichnete den Brief des amerikanischen Investors als inakzeptabel.

"Er kritisiert Auffälligkeiten, die vielleicht in dem Unternehmen existiert haben", sagte sie dem Radiosender RTL. "Aber er macht das auf eine solche Art, dass er verallgemeinert und es so darstellt, als sei das bei allen französischen Unternehmen, in ganz Frankreich so. Diese Verallgemeinerung ist schockierend. Ich lehne das total ab."

Maurice Taylor selbst verteidigte sich in der Tageszeitung "Le Figaro". "Ich wollte die Franzosen nicht beleidigen. Was ich sagen wollte, war, dass die Gewerkschaftsvertreter der Fabrik in Amiens auf den Kopf gefallen sind", erklärte er. "Das Problem ist, dass die französischen Arbeiter zu teuer sind, vor allem wegen der sozialen Vorteile, die sie genießen."

Hofft Sarkozy auf eine Wiederwahl

Im Übrigen sei nicht er derjenige, der den Inhalt seines Briefes veröffentlicht habe, sagte Taylor. "Diejenigen, die das gemacht haben, hatten ihre Motive. Die können Sie sich denken." Eine diskrete Anspielung auf die Tatsache, dass "Les Échos" niemand anderem gehört als Bernard Arnault, dem Chef des Luxusgüterkonzerns LVMH. Er ist eng mit Ex-Präsident Nicolas Sarkozy befreundet, der 2017 auf eine Wiederwahl hofft, wie in Paris zu hören ist.

Er habe in seinem Brief aber eigentlich nur das geschrieben, was er den Arbeitern des Goodyear-Werks in Amiens bereits ins Gesicht gesagt hätte, erklärte Taylor: "Wenn Ihr nicht mehr und besser arbeitet, könnt Ihr nicht mehr leben. Dann werdet Ihr kein Geld mehr haben, um den guten französischen Wein bezahlen zu können. Dann werdet Ihr von indischen und chinesischen Reifen überschwemmt."

Der 68-jährige Titan-Chef hat sich in den USA einen Ruf als knallharter Sanierer erworben, der angeschlagene Unternehmen übernimmt und sie auf Erfolg trimmt, indem er auch mal die Gehälter der Mitarbeiter kappt. "Grizzly" lautet sein Spitzname, seit er sich in den USA Ende der 90er-Jahre mit den Gewerkschaften anlegte.

Diese hatten beklagt, dass Titan 33 Prozent weniger Lohn zahle als Wettbewerber. Taylor ging aus dem drei Jahre andauernden Konflikt als Sieger hervor. Weniger erfolgreich war er in der Politik. Bei den Vorwahlen der Republikaner für die Präsidentschaftswahlen 1996 erhielt er nur ein Prozent der Stimmen.

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