20.02.13

Cloud-Anwendungen

Software-Riese SAP hat einen neuen Shooting-Star

Einfach denken und kreativ sein. Das ist das Credo des 46 Jahre alten Lars Dalgaard. Der Däne ist der aufstrebende Stern beim Software-Riesen SAP. Er will die Cloud-Strategie des Ladens umkrempeln.

Von Jens Hartmann und Andre Tauber
Foto: SAP
Neigt zu Gefühlsausbrüchen: SAP-Manager Lars Dalgaard
Neigt zu Gefühlsausbrüchen: SAP-Manager Lars Dalgaard

Die neue Tochter des Walldorfer Softwarekonzerns SAP hat sich eine beeindruckende Firmenzentrale geschaffen. Den Mitarbeitern von SuccessFactors bietet sich ein einzigartiger Blick über die Bucht von San Francisco. Stühle, Tische und Schränke – alles funkelnagelneu.

Designerleuchten hängen von der Decke, an den gläsernen Trennwänden kleben Sprüche, die Mitarbeiter motivieren sollen. Das Logo von SuccessFactors, ein rotes Herz, prangt über einer Treppe, die drei Stockwerke miteinander verbindet.

Was Besucher allerdings zuerst zu sehen bekommen, ist eine mit Pflanzen verkleidete Wand hinter einem Rezeptionstisch, der mit Natursteinen gemauert wurde. "Wir sollten in einer Weise denken, die so wunderschön und organisch wie die Natur ist", erklärt Firmengründer Lars Dalgaard im Gespräch mit der "Welt". "Warum also nicht in seinem Büro Pflanzen aufhängen, die mir diesen Eindruck vermitteln?"

Frisch denken, einfach denken

Frisch denken. Einfach denken. Kreativ sein. Das ist das Credo des 46 Jahre alten Gründers. Der Däne ist der aufstrebende Stern im Reich des deutschen Softwaregiganten SAP. Vor zwölf Jahren hat er das Unternehmen SuccessFactors mitten in der größten IT-Krise gegründet und seitdem ein jährliches Wachstum von 75 Prozent vorgelegt.

Vor einem Jahr kaufte der Walldorfer SAP-Konzern den Spezialisten für Cloudanwendungen für 3,4 Milliarden Dollar (2,5 Milliarden Euro). Ein hoher Preis für ein Unternehmen, das noch nie schwarze Zahlen geschrieben hatte.

Dalgaard ist seither der Kreative bei SAP. Im Rekordtempo hat er es bis in den Vorstand geschafft. Sein Vertrag läuft bis 2015. Dalgaards Job ist es, das Erfolgskonzept von SuccessFactors auf SAP zu übertragen. Das Walldorfer Unternehmen galt schon immer als technisch überragend und grundsolide. Nun soll es auch weniger kompliziert und nutzerfreundlicher werden.

Die Lizenzeinnahmen sprudeln

"Jim und Bill möchten neue Leute in das Unternehmen holen, die eine andere Sicht auf die Dinge haben", sagt Dalgaard über die SAP-Vorstandschefs Bill McDermott und Jim Hagemann Snabe. "Diese Erwartung haben sie an mich."

In der digitalen Datenwolke, der Cloud, liegt nach Erwartung von Experten die Zukunft der Softwarebranche. Im Gegensatz zu herkömmlicher Software sind Anwendungen nicht auf Rechnern von Firmenkunden installiert, sondern liegen auf zentralen Servern des Anbieters.

Der Vorteil für die Kunden: Sie müssen weniger Geld für Hardware und Wartung ausgeben. Der Vorteil für die Anbieter: Sie kassieren Monat für Monat Lizenzgebühren.

Große Herausforderung

Cloud-Anwendungen stellen für traditionelle Softwarekonzerne eine große Herausforderung dar. Im Windschatten des technologischen Wandels kommen neue, junge Unternehmen mit frischen Ideen auf den Markt. Ihr Vorteil: Sie denken unkomplizierter und schaffen einfachere und für Kunden attraktive Anwendungen. Dass große Konzerne mit der Datenwolke überfordert sein können, hat sich auch bei SAP gezeigt.

Das Unternehmen verbrannte vor dem Zukauf von SuccessFactors hohe Beträge mit der Entwicklung der eigenen Cloud-Lösung Business By Design, die Software für Mittelständler bereitstellen sollte. Die SAP-Ingenieure konnten zwar aufwendige Softwaresysteme programmieren, die ganze Konzerne am Laufen halten. Eine nutzerfreundliche Anwendung im Zeitplan zu entwickeln, daran scheiterten sie allerdings.

Dalgaard hat bewiesen, dass er das besser kann. SuccessFactors konzentrierte sich unter seiner Führung auf Lösungen für das Personalwesen. Die Anwendungen sind einfach über den PC, aber auch über Smartphones und Tablets zu nutzen. Alles was es dafür braucht, ist ein Internetzugang und ein Browser.

Vereinfachung als Lebensmission

Zu den Anwendungen von SuccessFactors zählt etwa eine Software zur Schulung von Mitarbeitern. Die Firmen können die Module einzeln buchen. Es ist keine aufwendige Installation erforderlich. 15 Millionen Nutzer hatte das Unternehmen vor einem Jahr. Zu den Kunden zählt etwa auch der deutsche Industriekonzern Siemens.

Dalgaard bezeichnet es als seine Lebensmission, Dinge zu vereinfachen. Für sein Umfeld kann das mitunter anstrengend werden. Er kauft sich allerhand Produkte, nur um sie auf ihre Bedienbarkeit hin zu testen. Allein zehn Mobiltelefone mit dem Betriebssystem Android hat er zu Hause.

Außerdem stehen mehrere Autos in seiner Garage. "Ich habe mir einen brandneuen Audi gekauft – meine Lieblingsmarke", erklärt er. "Das Auto hat einen unglaublichen Motor und ein einzigartiges Straßengefühl. Aber wenn man seinem Navigationsgerät mitteilen möchte, wohin man fahren will, muss man anhalten. Das ist einfach zu kompliziert."

Unterstützung von Hasso Plattner

Dalgaard hat sehr viele Vorschusslorbeeren erhalten. Vor allem SAP-Aufsichtsratschef Hasso Plattner hat ihn unterstützt. Der 69-Jährige hat längst die Devise ausgegeben, SAP solle so einfach wie Apple und so schnell wie Google werden. Dalgaard soll SAP wieder etwas vom Gründergeist der ersten Jahre vermitteln. Dafür hat Plattner ihm auch einen Vorstandsposten bei SAP verpasst – etwas, was Plattner den Chefs des Mobilspezialisten Sybase und des Einkaufsnetzwerks Ariba, die SAP ebenfalls übernahm, nicht zugestand.

Doch wirklich gut kommt Dalgaard bislang nicht überall an. In Erinnerung bleibt vielen SAP-Mitarbeitern eine E-Mail, die er im vergangenen Frühjahr verschickte. "Nach Gesprächen mit vielen von Ihnen bin ich zur Überzeugung gekommen, dass wir unsere Cloud-Strategie klarer und fokussierter formulieren müssen", schrieb Dalgaard da. Die Mail enthält unter anderem eine Auflistung darüber, wie glänzend SuccessFactors im Cloudgeschäft bislang war und wie deutlich kleiner im Vergleich dazu SAP abschnitt.

Nicht wenige empfinden ein solches Auftreten als arrogant und affektiert. Mit einer Kritik an den verkrusteten Strukturen bei SAP ginge er so manchem gehörig "auf den Keks", sagt ein Insider. "Wir haben hier manchmal den Eindruck, dass der Stern dieses Wunderkinds bereits am Sinken ist." Eine offene Frage sei es, wie lange sich Aufsichtsratschef Plattner das provokante Verhalten Dalgaards noch anschauen werde.

Rüder Umgang mit Personal

Nicht zuletzt ein rüder Umgang mit dem Personal hatte schon einmal für den Abgang eines SAP-Managers gesorgt: Leo Apotheker verlor seinen Job als Vorstandschef auch deshalb, weil unter ihm eine Mitarbeiterbefragung die negative Stimmung im Hause exzellent illustrierte.

"Hasso kann auch ganz schön impulsiv sein", heißt es. Und: Dalgaard sollte sich nicht nur darauf verlassen, in dessen Gunst zu stehen. Schon werden Vergleiche zum einstigen SAP-Spitzenmanager Shai Agassi gezogen, der auch einst ein Günstling Plattners war, alles verändern wollte und im Jahr 2007 dann desillusioniert das Unternehmen verließ.

Dalgaard indes versucht nicht nur anzuecken, sondern auch Begeisterung zu wecken. Es klingt überschäumender Enthusiasmus mit, wenn er spricht. Die Worte "revolutionär" und "legendär" fallen regelmäßig. Diese Begeisterung möchte er auf die Mitarbeiter übertragen. "Ich möchte mich mit eindrucksvollen Menschen treffen und sie noch besser machen.

Die Kombination ist die Stärke

Ich möchte sie dazu bringen, Dinge zu machen, die sie sich nie in ihrem Leben zugetraut hätten", sagt er. Dalgaard neigt zu überschwänglichen Gefühlen. Als er seinen Mitarbeitern die Entscheidung mitteilte, SuccessFactors an SAP zu verkaufen, weinte er. "Es gab einige Leute, die SucessFactors verließen, weil sie zurück in ein kleineres Unternehmen wollten. Das war hart für mich", gibt er zu. Tränen zu vergießen, sei für ihn nicht unmännlich. Er weine häufig und sei froh darüber, da es ihm das Gefühl schenke, am Leben zu sein.

Dalgaard ist nicht häufig in Walldorf zu sehen. Doch dass er nun für einen deutschen Konzern arbeitet, bezeichnet er als persönliche Chance. Er hat selbst einige Jahren in Deutschland gelebt und spricht die Sprache fließend. "Ich habe sehr hart daran gearbeitet, Deutsch zu lernen und ich respektiere die Deutschen", sagt er. "Ich kenne und schätze eine Menge deutscher Autos und viele andere deutsche Produkte. Ich liebe es, in Deutschland zu sein. In einem deutschen Unternehmen zu arbeiten, ist eine große persönliche Bereicherung."

Jetzt muss Dalgaard allerdings beweisen, dass er nicht nur im kleinen und wendigen Start-up, sondern auch im Großkonzern hohe Wachstumsraten liefern kann. Mit SAP im Hintergrund hat er dafür alle Chancen. Denn der Konzern hat die notwendige Glaubwürdigkeit, um Kunden davon zu überzeugen, dass Daten in der Cloud gut aufgehoben sind. "SuccessFactors hat das Vertrauen der SAP-Kunden erhalten", sagt Dalgaard. "Darin liegt die eigentliche Stärke der Kombination."

Um im Bild der Bürogestaltung in San Franzisco zu bleiben: Die Pflanze SuccessFactors gedeiht im Biotop von SAP. Früchte muss sie allerdings noch bringen. Die Gewinnzone im Cloud Computing strebt SAP nämlich nach wie vor erst 2015 an. Dann soll der Geschäftsbereich, den der dänische Überflieger zu verantworten hat, auch beachtliche zwei Milliarden Euro an Umsatz beisteuern.

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