19.02.13

Etiketten-Schwindel

Tausende Produkte werden in Berlin auf Pferdefleisch geprüft

Bisher hat das Landeslabor in Berlin kein Pferdefleisch in Lebensmitteln gefunden. Senator Heilmann warnt aber vor den fraglichen Produkten.

Von Christina Brüning
Foto: Getty Images

Diese Würste sind aus Pferdefleisch. Das steht auch drauf. Aber in vielen anderen Fleischprodukten wurde illegal Pferdefleisch verarbeitet. Die Verbraucher sind verunsichert
Diese Würste sind aus Pferdefleisch. Das steht auch drauf. Aber in vielen anderen Fleischprodukten wurde illegal Pferdefleisch verarbeitet. Die Verbraucher sind verunsichert

Im Landeslabor Berlin-Brandenburg wird seit einer Woche vornehmlich Fleisch untersucht. 18.000 Lebensmittelproben werden hier ganz regulär jedes Jahr geprüft, nun sei der Schwerpunkt der Arbeit kurzfristig auf Fleischbestandteile und Medikamentenrückstände wie Phenylbutazon gelegt worden, sagte Verbraucherschutzsenator Thomas Heilmann (CDU) am Dienstag. Die verstärkten Untersuchungen sind eine Konsequenz aus dem Skandal um falsch deklariertes und in Teilen mit Schmerzmittelrückständen verunreinigtes Pferdefleisch.

Untersucht werde im Labor nicht nur, ob bestimmte Produkte Pferdefleisch enthalten, sondern ob sie überhaupt eine Fleischsorte enthalten, die nicht gekennzeichnet wurde, erklärte Heilmann. Es kann also theoretisch auch sein, dass bei den Proben, die zum Beispiel von Dönerfleisch derzeit genommen werden, nicht Pferd, sondern das in dem orientalischen Gericht streng verbotene Schwein gefunden wird.

Beefburger, Kohlroulade und Co.

Neben den Proben im Rahmen des EU-Aktionsplans, bei denen Gentests durchgeführt werden, untersucht Berlin laut Verbraucherschutzverwaltung stichprobenartig Fleischprodukte. Es gebe sieben Komplexe verschiedener Produkte unterschiedlicher Erzeuger, auf die sich die Untersuchungen gerade konzentrieren würden, sagte Heilmann. Die Erzeuger der kritischen Produkte sitzen unter anderem in Brandenburg, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, das Fleisch stammt in vielen Fällen aus Osteuropa. "Wir haben hier einen kleinen Flächenbrand", sagte Heilmann.

In Berlin untersucht werden eine ganze Reihe Fertigprodukte verschiedener Hersteller – von Kartoffel-Rinderhackfleisch-Auflauf über Beefburger, Bolognese-Soßen, Königsberger Klopse, Cannelloni und Zigeuner-Steak bis hin zu Kohlrouladen. Die Auswahl orientiert sich dabei in erster Linie an den Produkten, die bisher von Supermarktketten und Herstellern wie Lidl, Aldi, Edeka oder Rewe zurückgerufen wurden. Zudem hat der Senat die Bezirke angewiesen, Proben von Dönerfleisch zu nehmen.

Abschließende Ergebnisse gebe es bisher allerdings noch nicht, sagte Heilmann. Die ersten rund 20 untersuchten Fleischproben hätten alle keinen Befund gehabt, es würden allerdings noch die B-Proben zu diesen Tests ausstehen. Entwarnung bedeutet das bisherige Ausbleiben von Pferdefleisch-Funden ganz und gar nicht, machte Heilmann am Dienstag deutlich. "Ich vermute, es wird noch die ein oder andere unangenehme Überraschung auf uns warten", sagte Heilmann. Schließlich kämen täglich neue Fleischproben im Landeslabor hinzu. Außerdem hätten die Veterinärämter ihm gegenüber die Sorge geäußert, dass es Funde geben werde.

Mit schnellen Resultaten ist dabei aber nicht zu rechnen. Aus Sicht des Landesverbandes der Lebensmittelkontrolleure werden sich die Untersuchungen wegen fehlender Laborkapazitäten noch über Wochen hinziehen. Die Kontrolleure könnten derzeit auch nicht deutlich mehr der von ihnen genommenen Proben an die Labore senden, sagte die Vorsitzende Jana Weiser.

Eine Gesundheitsgefährdung würde durch die falsch deklarierten Produkte nach bisherigen Erkenntnissen nicht bestehen, sagte Heilmann weiter. Die Experten gingen davon aus, das in einigen Pferdefleisch-Funden etwa in Frankreich nachgewiesene Schmerzmittel Phenylbutazon werde sich kaum finden lassen. Es werde bei der Verarbeitung von Fertigprodukten unter hohen Temperaturen zerstört und sei daher vermutlich nicht mehr in den Proben nachweisbar.

Dass auch Berliner Verbraucher im Vorratsschrank Produkte stehen haben, die Pferdefleisch enthalten könnten, hält der Senator für eine Tatsache: "Auch in Berlin wurden Produkte verkauft, die mittlerweile aus dem Verkehr gezogen wurden." Er rät den Verbrauchern, alle fraglichen Lebensmittel in den Supermarkt zurückzubringen – auch wenn keine Gesundheitsgefahr bestehe. "Ich persönlich würde auch lieber einwandfreie Lebensmittel essen – außerdem gibt es im Supermarkt das Geld für die Waren zurück."

Handlungsbedarf bei der EU

Aufgabe der Berliner Verbraucherschutzverwaltung sei es nun zunächst, die Untersuchungen zu koordinieren und die Verbraucher aufzuklären, sagte Heilmann. Regulierungsbedarf sieht der CDU-Politiker vor allem auf EU-Ebene. Insbesondere mehr Transparenz für die Bürger müsse her. "Die Lieferzusammenhänge einzelner Produkte müssen recherchierbar werden", sagte Heilmann. Dann sei nachvollziehbar, wo einzelne Lebensmittel herkommen.

Wegen der großen Menge an Daten, die sich zudem dynamisch entwickelten, könne eine Information in seinen Augen nur über das Internet erfolgen. Bis September wolle die EU-Kommission zur besseren Kennzeichnung und Nachvollziehbarkeit bei Lebensmitteln einen Bericht vorlegen, sagte der Berliner Senator.

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