19.02.13

Chipfertigung

Infineon bleibt auf technologischem Vorsprung sitzen

Infineon vermeldet einen technologischen Durchbruch in der Chipfertigung – droht ihn aber zu verspielen. Denn Investitionen in die Serienproduktion werden wegen Marktschwäche vorerst aufgeschoben.

Von Andre Tauber
Foto: REUTERS

Der Konzern Infineon produziert seine Chips in Reinräumen wie diesem hier
Der Konzern Infineon produziert seine Chips in Reinräumen wie diesem hier

Es fühlt sich warm an unter der Schutzkleidung. Sehr warm. Wer die Chipfertigung von Infineon am Standort Villach in Österreich besucht, muss in Gummischuhe schlüpfen, einen weißen Overall anlegen, eine hellblaue Mütze samt Mundschutz aufsetzen und sich Gummihandschuhe überziehen. Nur durch eine Luftschleuse wird Zulass gewährt. Drinnen herrschen exakt 21,5 Grad Celsius und 40 Prozent Luftfeuchtigkeit. Und trotzdem fällt einem das Atmen schwer.

In dem gelb beleuchteten Raum sind Menschen in Overalls damit beschäftigt. Boxen von Maschine zu Maschine zu tragen. In diesen schwarzen Behältern, die elektronisch ortbar sind, stecken hauchdünne Scheiben aus Silizium, sogenannte Wafer.

Sie werden hinter den Fassaden von Maschinen geätzt, belichtet, gebacken und gewaschen. Einen Monat und 400 Arbeitsschritte kann es mitunter dauern, bis sie den Reinraum verlassen. Am Ende werden Chips daraus geschnitten, wie sie heute in Computern, Telefonen, Autos und Zügen verwendet werden.

Hier in Villach vermeldet Infineon nun einen technologischen Durchbruch in der Chipfertigung. Das Unternehmen hat von einigen Großkunden die Zulassung für eine neue Produktionstechnik erhalten, an der Infineon schon seit drei Jahren arbeitet. Statt künftig auf 200 Millimetern großen Scheiben zu fertigen soll die Fertigung künftig auf 300 Millimeter großen Scheiben möglich sein.

Was für den Laien banal klingt, fasziniert nicht nur die Ingenieure sondern auch die Betriebswirte. Mehr als die doppelte Menge Chips lassen sich aus so einem Wafer schneiden. Die Kosten sinken um 20 bis 30 Prozent.

Aussichten waren einst rosig

Mit dieser Technologie ist Infineon führend. Und trotzdem hat der Münchener Dax-Konzern ein Problem. Denn um die neue Technik effektiv nutzen zu können, braucht es auch eine entsprechende Nachfrage am Markt. Doch die ist derzeit wegen der allgemeinen Wirtschaftslage kaum vorhanden. "Wir werden die Vorteile dann ernten, wenn wir ausreichend Produktionsvolumen haben", räumt Konzernchef Reinhard Ploss ein.

Dabei waren die Aussichten doch rosig, als Infineon vor drei Jahren das Projekt "Power 300" auflegte. 2010 hatte das Unternehmen noch ein gigantisches Wachstum von 51 Prozent hingelegt, 2011 waren es 21 Prozent – im Geschäftsjahr 2012, das im September endete, sank der Umsatz hingegen um zwei Prozent auf 3,9 Milliarden Euro. Der Gewinn brach um mehr als die Hälfte auf 427 Millionen Euro ein. Die globale Wirtschaftsschwäche spürt nun auch Infineon.

Die Zeiten sind vorbei, dass eine solche Wirtschaftsschwäche das Unternehmen in ernste Schwierigkeiten gebracht hätte. Die frühere Siemens-Tochter gilt im Gegensatz zur Vergangenheit als grundsolide.

Das Unternehmen hat sich nach einer ernsten Krise vor gut fünf Jahren komplett neu aufgestellt. Unrentables Massengeschäft stieß Infineon ab und konzentriert sich seither auf lukrative Nischen. Das Resultat: Dem Marktforschungsinstitut IMS Research zufolge ist Infineon technologisch führend – und darüber hinaus auch über die Zyklen hinweg profitabel.

Gewaltiger technologischer Vorsprung

Der Konzern droht wegen der Krise allerdings den technologischen Vorsprung der 300-Millimeter-Produktion zu verspielen. Dabei ist der Vorsprung gewaltig. Für die Fertigung sind teilweise komplett neue Maschinen nötig.

Aufwendig ist es, dafür Sorge zu leisten, dass die Wafer, die halb so dick sind wie ein menschliches Haar, nicht brechen. Die Scheiben biegen sich in der Hand, so filigran sind sie. "Wir haben eine Position erreicht, die der Wettbewerb nicht so leicht aufholen kann", sagt Ploss. Der technologische Vorsprung betrage zwischen zwei und fünf Jahren.

Infineon kann die Serienfertigung allerdings nicht wie erhofft sondern nur auf Sparflamme ausbauen. Das zeigt sich etwa mit dem Blick auf den Standort Dresden. Ein neues Werk, das Infineon aus der Insolvenzmasse der einstigen Tochter Qimonda kaufte, soll zum Produktionshub für die Chips aus der 300-Milimeter-Fertigung werden.

Infineon hat bereits in Hallen und Maschinen investiert. Doch in Betrieb genommen werden nicht alle Maschinen. "Es steht ein Schlachtschiff bereit", sagt Ploss. "Wir beladen es aber nur wie wir es brauchen."

Noch nicht in der Gewinnzone

Eigentlich war vorgesehen, dass das Unternehmen bis 2015 250 Millionen Euro in das Werk investiert. "Das werden wir Stand heute nicht ganz hinkriegen aufgrund der Marktsituation", sagt der Dresdner Werksleiter Pantelis Haidas allerdings.

"Wir haben bis heute 150 Millionen Euro investiert. Sollte der Markt anziehen, wie wir hoffen, dann werden wir die weiteren Investitionen tätigen." Wann das sein wird ist allerdings unklar. Im März soll die Serienproduktion von Leistungstransistoren auf den großen Wafern auf kleinem Niveau anlaufen.

Bis Infineon mit der neuen Fertigungsmethode in die Gewinnzone kommt, wird es aber noch dauern. Es werde noch "einige Jahren brauchen", bis man mit dem Projekt auch nennenswerten Gewinn schreibe, erklärt Ploss.

Zwischen 1000 und 3000 Wafer muss das Unternehmen an einer Fertigungsstätte pro Woche herstellen, um profitabel zu sein. Die Kapazität in Dresden liegt derzeit darunter – und hiervon wird vorerst auch nur ein Viertel genutzt.

Das Unternehmen muss zudem die Forschungs- und Entwicklungskosten wieder hereinholen. Die dürften trotz staatlicher Fördermittel immens gewesen sein. In die Standorte Dresden und Villach hat das Unternehmen 255 Millionen Euro gesteckt.

Das Unternehmen möchte an beiden Standorten die Serienfertigung aufnehmen, weil viele Kunden auf zwei Fertigungsstätten bestehen. Sie möchten sich so gegen Lieferausfälle absichern, sollte in einem Werk etwas geschehen.

Kunden aus Taiwan und China

Sollte der Markt allerdings anziehen, dann steht Infineon bereit. Dass einige Kunden nun die Technologie abgenickt haben, zeigt, dass die neue Fertigungsmethode Marktreife erlangt hat. Die Kunden sind derzeit noch vor allem Distributeure aus Taiwan und China. Bald sollen auch namhaftere Kunden aus anderen Teilen der Welt folgen.

Zu den Produkten, die Infineon auf den 300-Millimeter-Wafern bauen möchte, zählen unter anderem Leistungstransistoren, wie sie zur Umwandlung von Energie benötigt werden.

Diese kleinen Chips müssen massiven Belastungen standhalten und können enorme Energiemengen ertragen. Sie befinden sich etwa in Ladegeräten, Netzteilen für Smartphones, Laptops und Fernseher sowie in den Sockeln von LED-Lampen. Etwa 4000 solcher Schalter haben auf einem 300-Millimeter-Wafer Platz.

Der Markt verhält sich allerdings noch schwach. Infineon gab zuletzt eine schwache Prognose für das laufende Geschäftsjahr ab, das im September schon enden wird. Für das laufende Jahr erwartet das Unternehmen einen Umsatzrückgang zwischen fünf und neun Prozent sowie eine Halbierung des Segmentergebnisses.

Wachstumssignale für das zweite Halbjahr

Infineon sieht allerdings Wachstumssignale für das zweite Halbjahr. Ploss erwartet, dass Autobauer und die Zulieferindustrie wieder beginnen werden, ihre Lagerbestände aufzufüllen.

Auch das Chinageschäft könnte sich beleben. "Die Regierung in Peking hat sieben strategisch wichtige Industriebereiche definiert. In vier davon sind intelligente Halbleiterlösungen gefragt, wie sie Infineon anbietet", sagte zuletzt Vorstandsmitglied Arunjai Mittal. Vor allem vom Ausbau der Solarenergie könnte Infineon in China profitieren. Schon im laufenden Quartal erwartet das Unternehmen positive Signale.

Am Standort in Villach bereitet man sich bereits darauf vor, dass die Nachfrage wieder wachsen könnte. In einer Halle testen Ingenieure etwa Roboter, die auf Schienen an der Decke Chips von Maschine zu Maschine transportieren können.

Im Reinraum werden dann weniger Menschen schwitzen müssen – dafür aber mehr Ingenieure in den Büros neue Technologien entwickeln können. Wenn die Konjunktur mitmacht, dann kommen diese neuen Technologien diesmal auch auch zur richtigen Zeit auf den Markt.

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