17.02.13

Karriere

Jedem Dritten geht ein sinnvoller Job vor Karriere

Immer mehr Deutsche denken darüber nach, vielversprechende Karrieren in der Privatwirtschaft für ein soziales Engagement aufzugeben. Mögliche Lohneinbußen sind dabei nicht ausschlaggebend.

Von Ileana Grabitz
Foto: dpa

Ein Obdachloser schläft bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt am Bahnhof Zoo in Berlin auf dem Boden. Soziale Unternehmer versuchen Menschen wie ihm zu helfen
Ein Obdachloser schläft bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt am Bahnhof Zoo in Berlin auf dem Boden. Soziale Unternehmer versuchen Menschen wie ihm zu helfen

Ungewöhnliche Karrierewege wie der von Felix Oldenburg könnten Schule machen: Nach dem Philosophiestudium hatte der junge Mann einige Jahre bei der Unternehmensberatung McKinsey gearbeitet, als er beschloss, seiner Karriere eine weitere, unkonventionelle Wendung zu geben. Mittendrin in der aufregenden Aufstiegsdynamik der Beraterwelt entschied Oldenburg sich für einen Job, der in der Ansicht der meisten wohl der Inbegriff der Sinnhaftigkeit ist.

Als deutscher Hauptgeschäftsführer der Non-Profit-Organisation Ashoka kämpft der 36-Jährige nun schon seit einigen Jahren dafür, dass soziale Unternehmer ihre Geschäftsideen verwirklichen können. Dass er dafür die Aussicht auf das große Geldverdienen erst einmal opferte, war für den Mann, der sich Zeit seines Lebens sozial und politisch engagierte, zweitrangig: "Auch Studien belegen, dass ab einem gewissen Jahreseinkommen das empfundene Lebensglück nicht mehr zunimmt, wenn das Gehalt noch weiter steigt", sagt er heute.

Gern warnen Skeptiker vor einer Gesellschaft, die zunehmend ihre Werte verliere und vor allem von der Gier nach materiellen Gütern bestimmt sei. Die Realität, das legt eine noch unveröffentlichte Studie nahe, sieht jedoch etwas anders aus: Wie eine repräsentative Umfrage ergibt, die Ashoka in Auftrag gegeben hat, ist noch immer ein Gutteil der Menschen hierzulande davon beseelt, mit ihrer Arbeit auch Gutes zu tun. Der Befragung zufolge lehnen es 39 Prozent der Deutschen ab, in einem Job zu arbeiten, der nicht in irgendeiner Form sinnstiftend ist. 37 Prozent würden sogar erwägen, in einen Job im Sozialsektor zu wechseln.

Boxen fürs Selbstbewusstsein

Für Ashoka ist das eine gute Nachricht. Die internationale Organisation hat sich darauf verlegt, weltweit Menschen, die sich professionell sozial engagieren wollen, zusammenzubringen. In 80 Ländern fördert sie derzeit 3000 so genannte Social Entrepreneure, die mit klugen Ideen einen Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Probleme leisten wollen – darunter Leute wie Heather Cameron, die benachteiligten Mädchen über den Boxsport des nötige Selbstbewusstsein und die Fähigkeit vermittelt, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Mit der Hilfe von einflussreichen Förderern, darunter Milliardäre wie die Quandt-Erbin Susanne Klatten sowie andere Manager und Unternehmer, die mit ihren Kontakten und ihrem Vermögen etwas Gutes bewegen wollen, unterstützt Ashoka die Kleinunternehmer sowohl finanziell als auch beratend bei der Entwicklung tragfähiger Geschäftsmodelle.

In den vergangenen Monaten hat Ashoka nach Modellen gesucht, um die oft dauerhaft von Spendengeldern abhängigen Sozialunternehmer über eine Anschubfinanzierung in den ersten drei Jahren hinaus unterstützen zu können. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die sozialen Entrepreneure mit Hilfe von Spendern oder Förderern oft vergleichsweise leicht eine Finanzierung bis 50.000 Euro hinbekommen. Ab einem Bedarf von 250.000 Euro lassen sich dann ebenfalls relativ problemlos soziale Investoren finden, meist in Form verzinster Darlehen.

Förderer werden am Umsatz beteiligt

Um die Bedarfslücke zwischen 50.000 und 250.000 zu decken, hat Oldenburg nun eine "Finanzierungsagentur für Social Entrepreneurship" ins Leben gerufen – die über die vorhandenen Förderer sozialer Innovationen versucht, schon in früheren Phasen der Geschäftsentwicklung weitere Wachstumsfinanzierer etwa mit der Aussicht an Bord zu holen, dass sie am Umsatz beteiligt werden. Bereits vor einem Jahr hatte die KfW gemeinsam mit Ashoka und dem Bundesfamilienministerium ein weiteres Finanzierungsmodell für Sozialunternehmer geschaffen.

Der Umfrage zufolge liegt es vor allem am Unwissen über die Karrieremöglichkeiten im sozialen Sektor, dass trotz ihres expliziten Wunsches nach einem sinnhaften Job nicht noch mehr Menschen den Weg in soziale Berufe finden. Zwar geben 91 Prozent der Befragten an, den Sozialsektor zu kennen, nur 60 Prozent haben sich aber mit den Karriereoptionen vertraut gemacht – für Verwaltung und Wirtschaft behaupten dies 71 Prozent. Und während nur acht Prozent angeben, sich im sozialen Bereich um eine Stelle bewerben zu wollen, sind es in der Privatwirtschaft 29 Prozent.

Jahreseinkommen bis zu 80.000 Euro

Neben der Annahme, dass Weiterbildungsmöglichkeiten im sozialen Sektor schlechter sind als anderswo, schreckt die Leute erwartungsgemäß die Vermutung ab, dass man dort nicht so gut verdient. Für 63 Prozent der Befragten wäre ein niedrigeres Gehaltsniveau denn auch ein Hinderungsgrund, wirklich hinüberzuwechseln. Während die Gehaltsspirale zumindest in der privaten Wirtschaft oft mehr Potenzial nach oben bereit hält, verweist Ashoka darauf, dass die Gehälter in sozialen Organisationen heute zumindest an die Verdienste im öffentlichen Dienst angelehnt seien – mit Jahreseinkommen für Führungskräfte bis zu 80.000 Euro.

Wechselwillige könnten sich dabei durch Studien amerikanischer Forscher bestärkt fühlen, denen zufolge die persönlich empfundene Lebensqualität lediglich bis zu einem Jahresnettoeinkommen von knapp 60.000 Euro noch spürbar steigt. Wer mehr verdient, empfindet den Wissenschaftlern zufolge weder mehr Glück noch weniger Stress als die anderen.

Quelle: Reuters
19.09.12 0:53 min.
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