17.02.13

Kritik an Amazon

Widerstand ist, wenn man um die Ecke kaufen geht

Amazon ist wegen der Arbeitsbedingungen im deutschen Logistikzentrum in die Kritik geraten. Erste Verlage gehen auf Distanz. Der Kunde kann sich gegen den angehenden Monopolisten am besten wehren.

Foto: dpa

Da soll einer die Übersicht behalten, vor allem wenn man ständig überwacht wird von seltsamem Sicherheitspersonal: Eine Mitarbeiterin sortiert in der Halle des Internet-Händlers Amazon im osthessischen Bad Hersfeld Ware in ein Regal
Da soll einer die Übersicht behalten, vor allem wenn man ständig überwacht wird von seltsamem Sicherheitspersonal: Eine Mitarbeiterin sortiert in der Halle des Internet-Händlers Amazon im osthessischen Bad Hersfeld Ware in ein Regal

Jetzt hat also auch Amazon sein Foxconn. Eine ARD-Dokumentation berichtete von unhaltbaren Arbeitsbedingungen im Amazon-Logistikzentrum Bad Hersfeld, von unter falschen Versprechungen angelockten Leiharbeitern, Kasernierung und Überwachung durch einen augenscheinlich von Neonazis durchsetzten Sicherheitsdienst. Die Arbeitsministerin fordert Aufklärung; der markenpolitische Super-GAU gipfelt in der Zeile des britischen "Independent": "Amazon nutzte Neonazi-Wachen, um Immigranten-Arbeiter unter Kontrolle zu halten."

Die dem verlässlich folgenden Shitstorm gemäße Deutung der Vorfälle: Die politisch ach so korrekte New Economy schafft Arbeitsbedingungen einer very old economy. Wer hingegen eher zur strukturellem Betrachtung neigt, sagt: Amazon wächst nicht, sondern wuchert unkontrolliert.

"Get big fast" – werde schnell groß –, so hat Amazon-Gründer Jeff Bezos seine Unternehmensphilosophie formuliert, als die digitalen Claims gesteckt wurden. Der Preis dafür aber ist höher als Amazons Schuldenstand, und er wird auch nicht allein von Amazon bezahlt.

Ein Kleinverleger verweigert sich dem Riesen

So hat der Kleinverleger Christopher Schroer aus Lindlar seiner Empörung Luft und sein Leiden am Internetriesen öffentlich gemacht: Er will seine Bücher nicht länger bei Amazon verkaufen. Aber kann sich ausgerechnet ein Kleinverlag das leisten?

Niemand dürfte mehr glauben, dass Amazon lange vor Erfindung des Web 2.0 deshalb zuerst Bücher verkaufte, weil es Jeff Bezos darum getan war, literarische Vielfalt abzuspiegeln. Aber die Vorstellung, dass Amazons Büchershop anders als der auf Umsatz pro Quadratmeter gepolte stationäre Buchhandel auch den nicht massenmarkttauglichen Titeln zur nötigen Aufmerksamkeit verhilft, hält sich doch. Hier ist alles such- und deshalb findbar: auch das Randständige, Avantgardistische, eigentlich Interessante.

Doch die Büchermacher zahlen für Amazons Schaufensterfunktion einen hohen Preis, indem sie stillschweigend hinnehmen, dass das Unternehmen auf gleich mehreren Wegen die in Deutschland gesetzlich festgeschriebene Buchpreisbindung unterläuft. Zu den maximal erlaubten 50 Prozent Rabatt kommen bei Amazon, schreibt Schroer, fünf Prozent Lagerkosten.

Kaum gedruckt, schon als Mängelexemplare verkauft

Für den portofreien Versand wiederum (aus Verbraucherperspektive heißt das: für die kostenlose Wegersparnis) kommt rein rechnerisch wohl auch der deutsche Steuerzahler auf, indem Amazon seine Umsatzsteuer im paradiesischen Luxemburg entrichtet. Amazon hat auch lange schon auf den Gebrauchtbuchmarkt expandiert, Schroer berichtet von neuen, frisch angelieferte Titeln, die auf Amazons "eigenem 'Marketplace'-Anbieterkonto als Mängelexemplare auftauchen."

Und nun? Widerstand? Vonseiten der Verlage? Der Züricher Diogenes Verlag hat es mal versucht, Schroer ist die Ausnahme, die Masse macht's. Etwa jedes fünfte Buch wird in Deutschland schon über Amazon verkauft, und der sich redlich mühende stationäre Buchhandel ist von den bestsellerfixierten Filialisten, die von Amazon jetzt in die Knie gezwungen werden, ohnehin schon beinahe sturmreif geschossen.

Richten kann es deshalb nur die Marktmacht der Leser. Wer eine Vielfalt nicht nur der Inhalte, sondern auch der Anbieter will, kann sich entsprechend verhalten: In der Konsumgesellschaft, die auch eine Informationsgesellschaft ist, ist ja jede Kaufentscheidung eine Wahl. Und dafür muss man nicht mal um die Ecke denken, sondern nur um die Ecke gehen.

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