16.02.13

Gerechtigkeit

Was ist eigentlich "sozial gerecht"?

Fast alle Parteien werben mit sozialer Gerechtigkeit. Die Mehrheit der Deutschen moniert aber fehlende Chancengleichheit in den Schulen und am Arbeitsmarkt. Doch es gibt auch positive Entwicklungen.

Von Dorothea Siems
Foto: Infografik Die Welt

Gerechtigkeit im Bildungsbereich
Gerechtigkeit im Bildungsbereich

Der grüne Spitzenkandidat Jürgen Trittin tut es. Der SPD-Vorsitzende Chef Sigmar Gabriel tut es. Und Unionsfraktionschef Volker Kauder tut es auch. Alle drei Politiker kündigen an, im bevorstehenden Wahlkampf die "soziale Gerechtigkeit" zum Top-Thema zu machen.

Dass sie damit den Nerv der Bevölkerung treffen, zeigt eine aktuelle Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach. Danach beklagen knapp 70 Prozent der Bürger ein Auseinanderdriften der Gesellschaft. Mit dem Schlachtruf von der "Gerechtigkeitslücke" hatten SPD und Grüne 1998 die Bundestagswahl gewonnen.

Eine Wiederholung will die Union verhindern, indem sie ebenfalls ihr soziales Profil schärft und mehr Mindestlöhne, neue Rentenleistungen und mehr Regulierungen am Arbeitsmarkt in Aussicht stellt. Die Opposition will darüber hinaus die Vermögenden und Gutverdiener mit kräftigen Steuererhöhungen zur Kasse bitte.

Doch was ist eigentlich "soziale Gerechtigkeit"? Für Renate Köcher, die Chefin des Allensbacher Meinungsforschungsinstituts, handelt es sich um einen "Chamäleon-Begriff – jeder versteht etwas anderes darunter". Dabei spielen die Lebensumstände des Einzelnen eine maßgebliche Rolle. So halten die Ostdeutschen das Lohngefälle zwischen Ost und West mit überwältigender Mehrheit für unfair, die Westdeutschen dagegen nicht.

Gleiche Chancen für alle – das gibt es nirgendwo

Arbeiter finden, dass Arbeiterkinder bei den Aufstiegschancen benachteiligt sind. Selbstständige oder leitende Angestellte widersprechen dieser Ansicht vehement. Und während das Gros der Mittel- und Oberschicht davon überzeugt ist, dass sich Leistung hierzulande lohnt, hält die große Mehrheit der kleinen Leute das ganze Wirtschaftssystem für ungerecht.

Doch es wäre falsch, daraus den Schluss zu ziehen, dass die Deutschen grundsätzlich ein Problem damit hätten, dass Einkommen und Vermögen ungleich verteilt sind. Die Bürger fordern jedoch, dass jeder Einzelne beim Spiel des Lebens mit den gleichen Chancen starten soll. Dass jedes Kind unabhängig vom Elternhaus die gleichen Bildungschancen erhalten soll, ist eine Forderung, die Liberale ebenso unterschreiben können wie Linke oder Konservative.

Dieses Ziel ist nirgends auf der Welt verwirklicht. In Deutschland allerdings fällt es dem Nachwuchs bildungsferner Eltern schwerer als beispielsweise in Schweden, bis zum Abitur oder gar Studium zu kommen. Noch schlechtere Aufstiegschancen gibt es in Ländern wie Frankreich oder den USA, wo die Top-Karrieren im Regelfall in teuren Privatschulen beginnen, die sich Geringverdiener nicht leisten können.

Dass nicht die Herkunft, sondern die eigene Leistung darüber bestimmt, wie weit es jemand im Leben bringt, sei das zentrale Versprechen der sozialen Marktwirtschaft, sagt Hubertus Pellengahr von der arbeitgebernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Die Bevölkerung ist zwiegespalten in der Frage, ob hierzulande Chancengerechtigkeit herrscht. Fast jeder Zweite bejaht die Frage, die andere Hälfte widerspricht.

Weniger Leistungsunterschiede bei Kindern

Jüngste Daten der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) zeigen indes, dass es seit dem ersten Pisa-Test im Jahr 2000 hierzulande gelungen ist, die Schulleistungen der Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern zu verbessern. In einer aktuellen Analyse wird Deutschland von den OECD-Bildungsexperten ausdrücklich als Positivbeispiel hervorgehoben.

Es sei gelungen, den Abstand zwischen starken und schwachen Schülern in der für den Bildungserfolg entscheidenden Lesekompetenz zu verringern, bei gleichzeitiger Verbesserung der Gesamtqualität. Zugenommen hat in den vergangenen Jahren auch der Anteil der Kinder aus bildungsfernen Familien, die ein Gymnasium besuchen, zumal insgesamt die Abiturquote immer weiter klettert.

Trotz dieser positiven Entwicklung überwiegt hierzulande die Meinung, dass es in Deutschlands Schulen immer ungerechter zugeht. Und das, obwohl nur eine kleine Minderheit nach eigenen Angaben selbst Erfahrungen mit Benachteiligungen in der Schule oder in der Ausbildung gemacht hat.

Seit Jahren streiten Bildungspolitiker, wie das Schulsystem sozial durchlässiger wird. Grüne und SPD kämpfen für ein längeres gemeinsames Lernen. Doch die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems steht in der Bevölkerung nicht hoch im Kurs. Überdies belegen Studien, dass auch bei Gesamtschülern der langfristige Bildungserfolg stark von der Herkunft abhängt.

Die Schule kann nicht alles ausgleichen

Die unzähligen Schulreformen in den vergangenen Jahren und der "Pisa-Schock" haben zudem die Eltern aus den gehobenen sozialen Schichten so stark verunsichert, dass sie mit immer größerem persönlichem Einsatz die Schulleistungen ihrer Sprösslinge fördern. Und sie haben sowohl die Bildung als auch das Geld dafür, ihrem Nachwuchs bessere Chancen zu verschaffen, das reicht von der Nachhilfe über den Museumsbesuch bis zum Auslandsaufenthalt.

Und so kommt es, dass zwar mittelmäßig begabte und gering motivierte Mittelschichtkinder oft trotzdem das Abitur schaffen, während sich Arbeiterfamilien eher entmutigen lassen, wenn erste Schwierigkeiten in der Schule auftreten. Mit Förderkursen, Schüler-BAföG, dem Bildungspaket für Hartz-IV-Kinder versucht Vater Staat, benachteiligte Kinder gezielt zu unterstützen. Doch den großen Vorteil, den gebildete und engagierte Eltern für ihren Nachwuchs darstellen, kann die Schule nur bedingt ausgleichen.

Die Politik setzt nun große Hoffnungen darauf, dass sich mit einer verbesserten Förderung von Kleinkindern die Aufstiegschancen gerechter verteilen lassen. Kostenlose Krippenplätze für unter Dreijährige, Kindergartenpflicht oder mehr Ganztagsbetreuung für Vorschulkinder sollen die Bildungschancen aller Jungen und Mädchen gleichermaßen verbessern.

Tatsächlich aber drohen auch auf diesem Feld Enttäuschungen. Die Qualitätsunterschiede bei den Kindergärten sind noch größer als in den Schulen. Eine begehrte Kita kann sich aussuchen, welche Kinder sie aufnimmt, und wählt in aller Regel keine sozialen Problemfälle. So konzentrieren sich in anderen Kindergärten die Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern, die überdies oftmals kaum Deutsch sprechen. Und so ist es kein Wunder, dass beispielsweise in Berlin, wo mehr als 90 Prozent der Vier- und Fünfjährigen eine Kita besuchen, dennoch bei fast jedem dritten Schulanfänger entwicklungsbedingte Defizite festgestellt werden.

Gute Bildung ist harte Arbeit

Die meisten Deutschen sehen vor allem den Staat und nicht die Bürger oder die Wirtschaft in der Verantwortung, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Gerade weil der Begriff so schwammig ist, ist Enttäuschung unausweichlich. Und tatsächlich glauben zwei von drei Bürgern, dass die Politik die Unterschiede nicht verringere, sondern sogar vergrößere.

In der Schulpolitik wird oft der Eindruck erweckt, Bildung lasse sich vom Staat verteilen. In Wirklichkeit aber muss sie hart erarbeitet werden. Gute Lehrer können Kinder dazu motivieren. Doch es sind vor allem die Eltern, die als Vorbild fungieren und den Aufstiegswillen fördern können. Manchmal reicht es auch schon, dass sie bereit sind, ihren Sprösslingen vorzulesen und so die Begeisterung für Bücher wecken, anstatt ihnen einen Fernseher und eine Spielekonsole ins Kinderzimmer zu stellen.

Und auch die Unternehmen sind gefordert. Angesichts des wachsenden Fachkräftemangels braucht die hiesige Wirtschaft dringend Nachwuchs. In Süddeutschland, wo der Arbeitsmarkt leer gefegt ist, werden mittlerweile selbst lernschwache Schulabgänger umworben. Unternehmen zahlen ihren Lehrlingen Nachhilfestunden, damit sie die Ausbildung nicht abbrechen.

Nicht jeder braucht einen Hochschulabschluss

Ohnehin ergeben Untersuchungen, die Bildungserfolg allein an Abitur- und Akademikerquoten festmachen, ein verzerrtes Bild. Wer in einem Industrieland wie Deutschland eine solide Facharbeiterausbildung absolviert, hat oftmals bessere Verdienstchancen als so mancher Geisteswissenschaftler. Denn in den Unternehmen gibt es zahlreiche Wege, die Karriereleiter aufzusteigen. Viele Betriebe finanzieren ihren begabtesten Leuten den Besuch einer Berufsakademie und investieren in Auslandsaufenthalte oder Sprachkurse.

Die Entspannung am hiesigen Arbeitsmarkt hat die Beschäftigungschancen in Deutschland enorm verbessert. Trotzdem glauben viele Deutsche, dass es immer weniger gerecht im Berufsleben zugeht. Fast jeder zweite angelernte Arbeiter hat den Eindruck, bei der Suche nach einem neuen Job benachteiligt zu sein. Von den Facharbeitern jeder Vierte, von den leitenden Angestellten dagegen nur jeder Elfte. Qualifikation zahlt sich eben aus – das kann man für ungerecht halten. Muss man aber nicht.

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