16.02.2013, 10:47

Lebensmittel-Skandal Pferdefleisch - Auf der Suche nach den Rosstäuschern


Alles essbar: Eine Tafel in einem Restaurant zeigt, welche Teile des Pferdes verwertbar sind

Foto: CHRISTIAN HARTMANN / REUTERS

Von Leon Scherfig und Roxane Meger

Das Landeslabor Berlin-Brandenburg testet Fertiggerichte. In de Lagern der Discounter stapelt sich Ware, in der Pferdefleisch vermutet wird.

Es wird noch voraussichtlich bis Mitte nächster Woche dauern, bis das Landeslabor Berlin-Brandenburg die Lebensmittel, die unter Verdacht stehen, undeklariertes Pferdefleisch zu enthalten, vollständig untersucht hat und ein Ergebnis verkünden kann. Dennoch reißt die Diskussion um falsch deklarierte Fertigprodukte, die teilweise auch das Schmerzmittel Phenylbutazon enthielten, nicht ab.

Nachdem mehrere Discounter in den vergangenen Tagen Produkte aus dem Verkehr ziehen mussten, nahm am Freitag auch die Supermarktkette "Lidl" ihre "Tortelloni Rindfleisch" aus den Regalen. Aldi Süd fand Pferdefleisch in Ravioli- und Gulasch-Dosen.

Flächendeckende Kontrolle gefordert

Die Diskussion wirft die Frage nach der Prävention von falsch beschrifteten Fleischprodukten auf. Der Verbraucherrechtler Ignacio Czeguhn von der Freien Universität zum Beispiel fordert eine neue EU-Verordnung, die genauere und vor allem eine flächendeckende Kontrolle von Lebensmitteln ermöglicht.

Der Rechtswissenschaftler kritisiert, dass die Behörden länderübergreifend zu wenig zusammenarbeiten. "In der momentanen Lage ist dringend der Gesetzgeber gefordert – nicht der nationale, sondern die EU", sagt der Experte für Europarecht. Die EU-Verordnung müsse die Kooperation zwischen den Aufsichtsbehörden der unterschiedlichen Länder künftig klarer regeln. "Die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Veterinärämtern und Untersuchungsämtern, die die Kennzeichnungen überwachen, muss damit gestärkt und vereinfacht werden", so Czeguhn.

Barcodes sind kein Hindernis

Czeguhn verwundern die aktuellen Fälle, da es ja technisch keine Hürde darstelle, die Produkte zum Beispiel über Strichcodes zu verfolgen. "Was wir brauchen ist eine genaue Dokumentation von Anfang an: Wir müssen Bescheid wissen über das Aufwachsen des Tieres, die Umstände der Schlachtung bis hin zum Verkauf. Dann werden in Zukunft solche Fälle nicht mehr auftreten", sagt der FU-Experte.

In Berlin geht die Suche nach undeklariertem Pferdefleisch derweil fleißig weiter. Bis zum 20. Februar sollen die zwölf Bezirke je zwei Proben von Hackfleisch abliefern. Auch die Lieferwege des Fleisches sollen untersucht werden. Vollständige Ergebnisse liegen laut Senat erst Ende kommender Woche vor.

Wie viele Packungen mit Lasagne die Berliner Supermärkte aus ihren Tiefkühltruhen räumten, ohne die Kunden zu informieren, ist unklar. Das hätten die Supermarktketten nicht mitgeteilt, sagte eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Verbraucherschutz. Unklar ist auch, wie viele der Lasagne-Packungen in den Brandenburger Lagern für Berliner Supermärkte bestimmt waren.

In Brandenburg wurden insgesamt mehr als 26.500 Packungen Lasagne in Warenlagern gefunden, die unter dem Verdacht stehen, falsch deklariertes Fleisch zu enthalten.

Es seien 3440 Produkte hinzugekommen, teilte das Verbraucherschutzministerium am Freitag in Potsdam mit. Weiterhin gebe es aber keine Hinweise, dass entsprechende Ware in den Handel gelangt sei.

Großhändler lieferte zu

Drei Lager waren in Brandenburg nach bisherigen Erkenntnissen über einen Großhändler mit der Lasagne beliefert worden. Die Ergebnisse amtlicher Proben werden nicht vor Donnerstag nächster Woche erwartet.

Im Landeslabor Berlin/Brandenburg begannen Lebensmittelchemiker mit der Analyse von Fleischproben. Erste Proben seien aus einigen Berliner Bezirken angekommen, hieß es. Sie können aus Tiefkühlessen stammen, aber auch von Buletten, Nudelsoße oder Dönern. Die verdächtigen Packungen in Brandenburg seien nicht etwa abtransportiert worden, sondern in den Warenlagern der Einzelhandelsketten geblieben.

Inzwischen teilten französische Ermittler mit, dass der Nahrungsmittelkonzern Comigel rund 4,5 Millionen Fertiggerichte mit falsch deklariertem Pferdefleisch der Firma Spanghero hergestellt haben soll. Mindestens 28 Unternehmen in 13 europäischen Ländern wurden beliefert. Der Lebensmittelhandel weist den Vorwurf, zu spät informiert zu haben, zurück.

Produkte aus dem Verkauf genommen

Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVL) argumentierte, die Supermärkte hätten angesichts erster Verdachtsfälle die "Produkte vorsorglich aus dem Verkauf genommen". Nachdem positive Testergebnisse vorlagen, habe man die Öffentlichkeit informiert. Verbandssprecher Christian Böttcher sagte: "So lange wir nicht wissen, was los ist, ziehen wir Produkte zurück. Wir informieren erst, wenn wir sicher wissen, um was es sich handelt."

Fraglich bleib weiterhin, welche Supermärkte in den nächsten Tagen weitere Verdachtsfälle entdecken. Inzwischen geht auch Kaiser's davon aus, dass ihre aus dem Verkauf genommene Lasagne der Eigenmarke A&P Pferdefleisch enthält. Der französische Hersteller und Zulieferer Comigel informierte seine Kunden offiziell darüber.

Tausende Lasagne-Packungen wurden in ganz Deutschland schon vor Tagen aus den Kühlregalen genommen. Die Öffentlichkeit erfuhr aber erst mehrere Tage später davon. Viele der Fertiggerichte wurden schon verkauft und möglicherweise auch gegessen.

Heilmann: "Wir machen mehr Druck"

Verbraucherschutzsenator Thomas Heilmann (CDU) sagte, er mache sich keine Illusionen darüber, dass billige Lebensmittel immer wieder dubiose Zutaten enthalten werden. "Wir machen mehr Druck, wir werden die Fälle eindämmen können, ganz abschaffen wird sie niemand."

Angesichts des Skandals fürchten die noch wenigen Rossschlächter um ihren Ruf. "Diese Lebensmittelunternehmen müssen streng bestraft werden", sagt der Prenzlauer Schlachter Frank Plaumann. Jedes Tier, das er kauft, nimmt er selbst in Augenschein. Zum Schlachter kommen die, die nicht mehr für die Zucht geeignet sind oder Leistung schuldig bleiben.

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