16.02.13

Lebensmittel-Skandal

Pferdefleisch - Auf der Suche nach den Rosstäuschern

Das Landeslabor Berlin-Brandenburg testet Fertiggerichte. In de Lagern der Discounter stapelt sich Ware, in der Pferdefleisch vermutet wird.

Foto: REUTERS

Alles essbar: Eine Tafel in einem Restaurant zeigt, welche Teile des Pferdes verwertbar sind
Alles essbar: Eine Tafel in einem Restaurant zeigt, welche Teile des Pferdes verwertbar sind

Es wird noch voraussichtlich bis Mitte nächster Woche dauern, bis das Landeslabor Berlin-Brandenburg die Lebensmittel, die unter Verdacht stehen, undeklariertes Pferdefleisch zu enthalten, vollständig untersucht hat und ein Ergebnis verkünden kann. Dennoch reißt die Diskussion um falsch deklarierte Fertigprodukte, die teilweise auch das Schmerzmittel Phenylbutazon enthielten, nicht ab.

Nachdem mehrere Discounter in den vergangenen Tagen Produkte aus dem Verkehr ziehen mussten, nahm am Freitag auch die Supermarktkette "Lidl" ihre "Tortelloni Rindfleisch" aus den Regalen. Aldi Süd fand Pferdefleisch in Ravioli- und Gulasch-Dosen.

Flächendeckende Kontrolle gefordert

Die Diskussion wirft die Frage nach der Prävention von falsch beschrifteten Fleischprodukten auf. Der Verbraucherrechtler Ignacio Czeguhn von der Freien Universität zum Beispiel fordert eine neue EU-Verordnung, die genauere und vor allem eine flächendeckende Kontrolle von Lebensmitteln ermöglicht.

Der Rechtswissenschaftler kritisiert, dass die Behörden länderübergreifend zu wenig zusammenarbeiten. "In der momentanen Lage ist dringend der Gesetzgeber gefordert – nicht der nationale, sondern die EU", sagt der Experte für Europarecht. Die EU-Verordnung müsse die Kooperation zwischen den Aufsichtsbehörden der unterschiedlichen Länder künftig klarer regeln. "Die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Veterinärämtern und Untersuchungsämtern, die die Kennzeichnungen überwachen, muss damit gestärkt und vereinfacht werden", so Czeguhn.

Barcodes sind kein Hindernis

Czeguhn verwundern die aktuellen Fälle, da es ja technisch keine Hürde darstelle, die Produkte zum Beispiel über Strichcodes zu verfolgen. "Was wir brauchen ist eine genaue Dokumentation von Anfang an: Wir müssen Bescheid wissen über das Aufwachsen des Tieres, die Umstände der Schlachtung bis hin zum Verkauf. Dann werden in Zukunft solche Fälle nicht mehr auftreten", sagt der FU-Experte.

In Berlin geht die Suche nach undeklariertem Pferdefleisch derweil fleißig weiter. Bis zum 20. Februar sollen die zwölf Bezirke je zwei Proben von Hackfleisch abliefern. Auch die Lieferwege des Fleisches sollen untersucht werden. Vollständige Ergebnisse liegen laut Senat erst Ende kommender Woche vor.

Wie viele Packungen mit Lasagne die Berliner Supermärkte aus ihren Tiefkühltruhen räumten, ohne die Kunden zu informieren, ist unklar. Das hätten die Supermarktketten nicht mitgeteilt, sagte eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Verbraucherschutz. Unklar ist auch, wie viele der Lasagne-Packungen in den Brandenburger Lagern für Berliner Supermärkte bestimmt waren.

In Brandenburg wurden insgesamt mehr als 26.500 Packungen Lasagne in Warenlagern gefunden, die unter dem Verdacht stehen, falsch deklariertes Fleisch zu enthalten.

Es seien 3440 Produkte hinzugekommen, teilte das Verbraucherschutzministerium am Freitag in Potsdam mit. Weiterhin gebe es aber keine Hinweise, dass entsprechende Ware in den Handel gelangt sei.

Großhändler lieferte zu

Drei Lager waren in Brandenburg nach bisherigen Erkenntnissen über einen Großhändler mit der Lasagne beliefert worden. Die Ergebnisse amtlicher Proben werden nicht vor Donnerstag nächster Woche erwartet.

Im Landeslabor Berlin/Brandenburg begannen Lebensmittelchemiker mit der Analyse von Fleischproben. Erste Proben seien aus einigen Berliner Bezirken angekommen, hieß es. Sie können aus Tiefkühlessen stammen, aber auch von Buletten, Nudelsoße oder Dönern. Die verdächtigen Packungen in Brandenburg seien nicht etwa abtransportiert worden, sondern in den Warenlagern der Einzelhandelsketten geblieben.

Inzwischen teilten französische Ermittler mit, dass der Nahrungsmittelkonzern Comigel rund 4,5 Millionen Fertiggerichte mit falsch deklariertem Pferdefleisch der Firma Spanghero hergestellt haben soll. Mindestens 28 Unternehmen in 13 europäischen Ländern wurden beliefert. Der Lebensmittelhandel weist den Vorwurf, zu spät informiert zu haben, zurück.

Produkte aus dem Verkauf genommen

Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVL) argumentierte, die Supermärkte hätten angesichts erster Verdachtsfälle die "Produkte vorsorglich aus dem Verkauf genommen". Nachdem positive Testergebnisse vorlagen, habe man die Öffentlichkeit informiert. Verbandssprecher Christian Böttcher sagte: "So lange wir nicht wissen, was los ist, ziehen wir Produkte zurück. Wir informieren erst, wenn wir sicher wissen, um was es sich handelt."

Fraglich bleib weiterhin, welche Supermärkte in den nächsten Tagen weitere Verdachtsfälle entdecken. Inzwischen geht auch Kaiser's davon aus, dass ihre aus dem Verkauf genommene Lasagne der Eigenmarke A&P Pferdefleisch enthält. Der französische Hersteller und Zulieferer Comigel informierte seine Kunden offiziell darüber.

Tausende Lasagne-Packungen wurden in ganz Deutschland schon vor Tagen aus den Kühlregalen genommen. Die Öffentlichkeit erfuhr aber erst mehrere Tage später davon. Viele der Fertiggerichte wurden schon verkauft und möglicherweise auch gegessen.

Heilmann: "Wir machen mehr Druck"

Verbraucherschutzsenator Thomas Heilmann (CDU) sagte, er mache sich keine Illusionen darüber, dass billige Lebensmittel immer wieder dubiose Zutaten enthalten werden. "Wir machen mehr Druck, wir werden die Fälle eindämmen können, ganz abschaffen wird sie niemand."

Angesichts des Skandals fürchten die noch wenigen Rossschlächter um ihren Ruf. "Diese Lebensmittelunternehmen müssen streng bestraft werden", sagt der Prenzlauer Schlachter Frank Plaumann. Jedes Tier, das er kauft, nimmt er selbst in Augenschein. Zum Schlachter kommen die, die nicht mehr für die Zucht geeignet sind oder Leistung schuldig bleiben.

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Pferdefleischskandal Würden Sie Pferdefleisch essen?

  • 38%

    Ja, natürlich

  • 44%

    Nein, auf keinen Fall

  • 15%

    Ich würde es vielleicht mal versuchen

  • 3%

    Keine Meinung

Abgegebene Stimmen: 136
Pferdefleisch-Skandal
  • 15. Januar 2013:

    Die Lebensmittelaufsicht in Irland teilt mit, Spuren von Pferdefleisch in einigen Rindfleisch-Hamburgern entdeckt zu haben. Sie wurden in britischen Supermärkten wie Tesco angeboten. Die irischen Inspekteure lokalisieren die Quelle in zwei Verarbeitungsanlagen in Irland und in einer Fleischfabrik in England. In einigen Hamburgern wurden zudem DNS-Spuren vom Schwein entdeckt.

  • 16. Januar:

    Die britische Behörde für Lebensmittelsicherheit ordnet Untersuchungen an, wie Spuren von Pferdefleisch und Schweine-DNS in eine Reihe von Rindfleischprodukten gelangen konnten, die in Großbritannien und Irland verkauft werden.

  • 31. Januar:

    Die Fast-Food-Kette Burger King Worldwide berichtet, bei einem Hamburger-Lieferanten Spuren von Pferdefleisch entdeckt zu haben, der Schnellrestaurants der Kette in Großbritannien, Irland und Dänemark bediente. Die kontaminierten Produkte seien zwar in keinem der Burger-King-Restaurants verkauft worden, dennoch habe man den Anbieter gewechselt.

  • 6. Februar:

    Der Tiefkühlkosthersteller Findus meldet den britischen Lebensmittelbehörden, dass in einigen seiner Rindfleisch-Lasagne-Gerichte Pferdefleisch enthalten war. Die Firma hatte die Artikel zurückgezogen, nachdem ihr französischer Zulieferer Comigel wegen des Fleisches in Verdacht geraten war. In den Fertigmenüs waren bis zu 100 Prozent Pferdefleisch enthalten, berichten die Lebensmittelkontrolleure.

  • 7. Februar:

    Die Supermarktkette Aldi berichtet, aus ihren Märkten in Großbritannien zwei Angebote aus dem Verkehr gezogen zu haben. Es handele sich um eine Rindfleisch-Lasagne sowie ein Spaghetti-Bolognese-Gericht. Beide stammten ebenfalls vom französischen Lieferanten Comigel.

  • 9. Februar:

    Die französische Regierung teilt mit, anfängliche Ermittlungen bei Comigel deuteten auf eine komplexe Lieferkette für das betreffende Fleisch hin. Sie führe von der Luxemburger Verarbeitungsanlage der Firma, in der Tiefkühlkost hergestellt werde, zu rumänischen Schlachthöfen. Dazwischengeschaltet seien niederländische und zyprische Nahrungsmittelhändler und ein weiterer französischer Anbieter.

  • 10. Februar:

    Sieben Einzelhandelsunternehmen, darunter Ketten wie Carrefour, Groupe Casino und Auchan Groupe, rufen einige Tiefkühlfertiggerichte zurück, die von Findus und Comigel stammen. Es handelt sich um Lasagne, Spaghetti Bolognaise und Moussaka.

  • 11. Februar:

    Die britische Regierung erklärt, es scheine sich um „kriminelle Machenschaften“ zu handeln. Offensichtlich werde „versucht, die Verbraucher zu betrügen“. Der rumänische Ministerpräsident reagiert verärgert auf Andeutungen, die Schuldigen seien in seinem Land zu suchen. In Rumänien sei es zu keinen Betrugsfällen mit falsch deklariertem Fleisch gekommen.

  • 13. Februar:

    Dem nordrhein-westfälischen Verbraucherschutzministerium liegt eine Liste vor, wonach die falsch gekennzeichnete Lasagne auch nach Deutschland geliefert worden sein soll.

  • 14. Februar:

    In Großbritannien werden drei Verdächtige in zwei verschiedenen Fleischbetrieben festgenommen. Zuvor hatte es dort Razzien gegeben.

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