15.02.13

Volkswirtschaft

Schirrmacher traut dem Kapitalismus zu wenig zu

Der "FAZ"-Herausgeber hat mit seinem neuen Buch "Ego" für Schlagzeilen gesorgt. Dem Ökonom Paqué zufolge traut er der Volkswirtschaftslehre darin zu viel zu – dem Kapitalismus aber zu wenig.

Von Karl-Heinz Paqué
Foto: picture alliance / Newscom
Aufregung unter Brokern in Chicago: Schirrmachers Beschreibung einer Welt, die nur von den Finanzmärkten getrieben wird, werde der Realität nicht gerecht, so Ökonom Paqué
Aufregung unter Brokern in Chicago: Schirrmachers Beschreibung einer Welt, die nur von den Finanzmärkten getrieben wird, werde der Realität nicht gerecht, so Ökonom Paqué

Schon das Cover des Buches sorgt für Beklommenheit: Grundton dämonisches Schwarz, darauf blutrote Lettern mit dem riesigen Titel EGO, und im "O" des EGO hängt ein hilfloses kleines Menschlein in merkwürdig gespreizter Haltung an Marionettenfäden. Darunter: Das Spiel des Lebens. Gute Arbeit der Grafiker, denn die Botschaft ist wahrlich nicht zu übersehen: Es geht um ein satanisches Spiel.

Das Vorwort klärt uns auf. In der neuen Ära des Informationskapitalismus hat der Mensch seine Freiheit eingebüßt. Er ist zum durchleuchteten Gegenstand der modernen Marktwirtschaft geworden – als Ergebnis eines einzigen ökonomischen Modells, der Spieltheorie, gekoppelt mit der mächtigen Rechenkapazität des Computers.

Beides kombiniert erlaubt es, ihn perfekt vorauszusagen und auszubeuten. Und das Teuflische dabei: Er merkt es nicht, denn die Falle, in der er steckt, ist bestens getarnt – wie die Fallen für das Wild im deutschen Wald.

Historische Genesis in zwei Akten

Ein Paukenschlag. Wie ist es nun zu diesem dramatischen Verlust der Freiheit gekommen? Der Autor liefert eine historische Genesis in zwei Akten. Der erste Akt ist die Zeit des Kalten Krieges. Dessen innere Logik folgt der Spieltheorie: Jede Seite unterstellt der anderen in einem strategischen Poker rein egoistische Absichten und versucht, des Gegners Züge, Finten und Tricks korrekt vorherzusagen, um dann gleich im eigenen Interesse richtig zu antworten.

Ergebnis war der atomare Rüstungswettlauf, und schließlich der Sieg des kapitalistischen Westen – mit Hilfe von mathematischen Modellbastlern der Spieltheorie, die der Politik halfen, das Spiel besonders clever zu spielen. Eine Zeit für mathematisch brillante Physiker, die auf dem Höhepunkt des kalten Krieges auch den Höhepunkt ihrer Gehälter und ihres Ansehens genossen.

Dann kommt 1989 der Fall des Eisernen Vorhangs und 1991 die Auflösung der Sowjetunion. Damit beginnt der zweite Akt des Dramas. Der Kalte Krieg ist zu Ende, die Physiker verlieren Jobs und Status, und die Spieltheorie sucht sich ein neues Arbeitsfeld.

Reduktion auf den blanken "homo oeconomicus"

Das ist schnell gefunden. Es sind die globalisierten Finanzmärkte, wo Ökonomen die Marschrichtung vorgeben. Sie suchen nach begnadeten Modellbastlern, die mit den unermesslichen Möglichkeiten moderner Rechenkapazität den Marktgegner in seinem Verhalten ausleuchten und vorhersagen können. Es ist eine Art kalter Krieg nach innen: Gegner ist nicht mehr eine fremde Macht, sondern die vielen anonymen Agenten der Märkte bis hin zum einzelnen Konsumenten und Sparer.

Jeder wird reduziert auf einen blanken "homo oeconomicus", ein rationaler Egoist. Im Buch hat dieser einen Namen. Er heißt einfach "Nummer 2". Ergebnis ist die Allmacht der Wall Street. Alles wird kurzfristigem Profitdenken unterworfen, es herrscht der blanke Egoismus. Die Menschheit sitzt ahnungs- und hilflos in der Falle der Finanzjongleure des Informationskapitalismus.

Soweit des Autors Weltendrama. Schirrmacher dekliniert es auf knapp 300 Seiten in 31 Kapiteln durch, alle übrigens mit sehr kurzen und effektvoll inszenierten Titeln – von "Trance", "Monster" über "Massaker" bis "Alchemisten", "Massenwahn" und schließlich "Ego". Er liefert eine Menge von plastisch beschriebenen Beispielen und eine Fülle von Zitaten.

Didaktische Systematik fehlt leider

Ein übergeordneter Spannungsbogen ist dabei allerdings nicht zu erkennen, eine didaktische Systematik ebenso wenig. Der Leser fühlt sich eher bedrängt als geleitet und aufgeklärt. Die Diktion ist stets drastisch und oft hochfahrend. Die Sprachkraft wird voll ausgereizt, ohne Gelassenheit, Humor oder gar Selbstironie – fast wie bei einem amerikanischen Evangelisten, der seine Botschaft mit rhetorischem Überdruck herausschleudert.

Als Leser ist man gelegentlich versucht, dem Autor ein Glas Wasser zu reichen und ihn zu bitten, doch einfach mal in Ruhe durchzuatmen. Aber das ist eine Frage des Stils. Wie aber sieht es inhaltlich aus? Liegt Schirrmacher mit seiner Deutung der Welt richtig oder falsch?

Zunächst zur Spieltheorie als Vehikel des blanken Egoismus. Das ist sie natürlich nicht. Die Theorie wiederholter Spiele lässt das Entstehen von Kooperation zu – und liefert damit eine überzeugende theoretische Begründung für die Existenz und das Überleben stabiler gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, auch wenn sie nicht dem kurzfristigen Interesse des Einzelnen entspricht.

Schirrmacher erkennt dies an einer Stelle des Buches durchaus an, wischt es aber gleich wieder vom Tisch, weil es zur Beschreibung der Zustände an den Finanzmärkten nicht tauge. Selbst wenn dies stimmte, würde sich sofort die Frage stellen: Besteht eine moderne Wirtschaft wirklich nur noch aus blitzschnellen Finanzmärkten?

Tatsächlich lässt Schirrmacher völlig außer Acht, dass ein Großteil wirtschaftlicher Beziehungen auch heute noch längerfristiger Natur ist, gerade auch in Arbeits- und Produktmärkten, wo Vertrauen, Qualität und Reputation unverändert eine große Rolle spielen. Der Autor liefert bestenfalls eine Karikatur der Wirtschaftswelt, nicht aber eine ernsthafte Diagnose. Dies gilt allemal für Deutschland, aber selbst das schnelllebige Amerika ist nicht allein getrieben von der Wall Street.

Teils karikaturistische Züge

Wirklich karikaturistisch wird es allerdings, wenn Schirrmacher der Spieltheorie den Sieg im Kalten Krieg zuschreibt und sie für einen neuen Finanzkrieg im Innern verantwortlich macht. Welche diabolische Überschätzung eines Modellbaukastens! So war doch der Sieg des Kapitalismus im Kalten Krieg letztlich die Konsequenz des totalen wirtschaftlichen Versagens der Planwirtschaft, gekoppelt mit einem zunehmenden Freiheitsdrang der Menschen in Osteuropa, denen die Informationen über den westlichen Lebensstandard immer leichter zugänglich wurden.

Beides unterhöhlte die Verhandlungsposition der Sowjetunion im Poker der Supermächte. Die Spieltheorie als intellektuelle Fundierung des Wettrüstens war da nicht viel mehr als der rationale Rahmen, in dem sich der Niedergang der Sowjetmacht abspielte. All dies ist die konventionelle Sicht, wie sie die Geschichtswissenschaft vertritt. Sie mag langweiliger sein als Schirrmachers wilde Hypothesen. Weniger wahr wird sie dadurch allerdings nicht.

Aber Schirrmacher geht noch einen Schritt weiter: Er diagnostiziert ernsthaft den militärisch-industriellen Komplex des Kalten Krieges als Vater eines finanzmarktkapitalistischen Komplexes nach dem Fall des Eisernen Vorhangs – und zwar vor allem durch die angeblich massenhafte Wanderung begabter Physiker von der strategischen Atomwirtschaft in die Wall Street.

Dies klingt nun wirklich nach Verschwörungstheorie. Richtig ist sicherlich, dass der wissenschaftliche Instrumentenkasten aus dem Kalten Krieg anschließend nicht ungenutzt blieb; und dass die positivistische Modell- und Zahlengläubigkeit, die schon aus früheren Zeiten stammt, in der neuen Computerwelt der Informationsgesellschaft zum Teil irrwitzige Blüten trieb. Aber daraus eine Art genetische und mentale Verwandtschaft von Kalter Krieg- und Wall Street-Mentalität zu konstruieren, ist weitgehend Phantasie.

Sind wir Opfer des Werks sinistrer Finanzmarkthexer?

Schade, dass sich Schirrmacher nicht an die "Banalität des Bösen" (Hannah Arendt) erinnert hat. Die wäre ihm sicherlich aufgefallen, wenn er ein wenig jene seriösen volkswirtschaftlichen Analysen zu Rate gezogen hätte, die seit der Weltfinanzkrise über die Geschichte vom Entstehen und Platzen der Blasen in jüngerer Zeit vorgelegt wurden. Keine dieser Analysen wird in dem Buch zitiert, geschweige denn referiert – und es gibt sie zuhauf.

Sie kommen fast immer zu dem Ergebnis, dass ein wesentlicher Teil des "boom and bust" auf ganz traditionelle Fehler der Bankenpolitik zurückzuführen war: zu geringe Eigenkapitalquoten, zu unvorsichtiges Risikomanagement, zu laxe "corporate governance". Dabei spielte zweifellos das allzu sorglose Vertrauen in die Ergebnisse von Modellrechnungen eine wichtige Rolle, aber das begründet noch lange keine Dämonisierung der Vorgänge als Werk von sinistren Finanzmarkthexern. Ganz im Gegenteil, die Experten sind sich durchaus einig, dass etwa die verhassten Hedgefonds weit weniger verantwortlich waren für die systemische Krise als die mangelnde Vorsicht durchaus traditioneller Banken.

Es überrascht daher auch nicht, dass Schirrmacher dem Kapitalismus keinerlei Lernen aus Fehlern zutraut. Hier liegt vielleicht der gesellschaftlich wichtigste Fehlschluss seiner Analyse. Jede schwere Krise hat in der Vergangenheit zu wirtschaftlichem und politischem Umdenken geführt. Dass es nach der Pleite von Lehman Brothers 2008 nicht zur Wiederholung des Musters der Weltwirtschaftskrise 1930-32 kam, hängt maßgeblich mit dem Lernen aus jener Großkrise zusammen.

Man ging nun andere, bessere Wege – in der Bereinigung der Bankbilanzen, in der Geld- und Fiskalpolitik, aber auch in der internationalen Zusammenarbeit. Natürlich wurden (und werden) dabei neue Fehler gemacht, die wir zum Teil noch gar nicht kennen. Aber so ist das Leben! Und wenn die kapitalistische Marktwirtschaft einen einzigen, aber entscheidenden Vorzug aufweist, dann ist es ihre Fehlerfreundlichkeit: Sie erlaubt Krisen, auch schwere, aber sie stößt eben auch Lernprozesse an.

Düstere Prognose mit Augenzwinkern

Davon will Schirrmacher indes wohl nichts wissen. Es stört sein dämonisches Bild der Weltwirtschaft und seine apokalyptischen Zukunftsvisionen der Herrschaft des Egoismus. Schade, denn er hat uns an vielen Stellen des Buches Wichtiges mitzuteilen: Wenn er völlig zu Recht über die gefährlichen Nebenwirkungen einer unkontrollierten Datenflut im Netz räsoniert oder wenn er mit stupender Belesenheit über die Obsessionen der Menschen in früheren Jahrhunderten berichtet, die allerdings zeigen, dass der Egoismus keineswegs ein ganz neues Phänomen des Informationskapitalismus ist, wie uns der Autor doch sonst weismachen will.

Und wenn er endlich auf Seite 287 für Deutschland eine Renaissance der Realökonomie zu entdecken glaubt – also etwa doch eine Richtungsänderung oder gar ein Lernprozess? – ja, dann fragt man sich, ob er das, was er uns an düsterer Diagnose vorgelegt hat, in der Tiefe seines Herzens doch gar nicht so ernst meint.

Das beruhigt dann wieder des Lesers Gemüt. Immerhin legt Schirrmacher ja mit gewisser Regelmäßigkeit aufgeregte Thesen im Gewande der Zivilisationskritik vor, so schon 2004 Das Methusalem-Komplott und 2009 Payback, beides auch Bücher mit einer gewissen Diskrepanz zwischen Wortgewalt und inhaltlicher Schwere. Das gehört wohl zum Spiel des Lebens, das der moderne Feuilletonist im Informationskapitalismus führt. Schirrmacher ist eben ein Kind seiner Zeit – mit EGO.

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