15.02.13

Öko-Landwirtschaft

Immer mehr Bioprodukte aus Entwicklungsländern

Der Verzehr von Bioprodukten sollte die heimische, ökologische Landwirtschaft unterstützen. Doch die Biobauern können nicht mithalten, der überwiegende Anteil an Ökoprodukten kommt aus dem Ausland.

Von Carsten Dierig
Foto: dpa
Rote Paprika mit Bio-Siegel auf dem Demeter-Stand. 90 Prozent der Paprika kommt aus dem Ausland
Rote Paprika mit Bio-Siegel auf dem Demeter-Stand. 90 Prozent der Paprika kommt aus dem Ausland

Weltweit steigt die Nachfrage nach unbehandelten Lebensmitteln kontinuierlich. 2012 summierten sich die globalen Ausgaben für Bioprodukte schon auf über 45 Milliarden Euro, meldet das Marktforschungsunternehmen Organic Monitor am Rande der weltgrößten Branchenmesse Biofach in Nürnberg.

Deutschland gehört dabei zu den größten Abnehmer-Nationen. Auf gut sieben Milliarden Euro schätzt der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) den Bio-Umsatz hierzulande. Höher sind die Erlöse nur noch in den USA. Deutschlands Bauern allerdings haben nicht viel davon.

"Das Marktwachstum geht an den heimischen Landwirten fast komplett vorbei", sagt Gerald Herrmann, langjähriger Präsident des internationalen Bio-Dachverbandes IFOAM und heute Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Organic Services. Weder die Größe der Anbauflächen noch die Zahl der Betriebe halte Schritt mit dem Wachstum des Marktes. In den Supermarktregalen liegt daher zunehmend viel Importware.

90 Prozent der Bio-Paprika sind Importwaren

Schon jede dritte Biokartoffel auf deutschen Tellern stammt heute aus dem Ausland, berichten die Experten der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI). Bei Äpfeln, Gurken und Möhren wird bereits die Hälfte der verkauften Ware importiert, Biotomaten kommen auf eine Quote von 82 Prozent, Paprika sogar auf über 90 Prozent. Geliefert werden die Bioprodukte aus allen Ecken der Welt.

Biogemüse kommt hierzulande vornehmlich aus Italien, Spanien und den Niederlanden, aber auch aus Ägypten, Israel und Osteuropa. Für Eier wiederum ist Holland das Lieferland Nummer eins, bei Milch und Schweinefleisch sind Dänemark und Österreich weit vorne und Getreide kommt vorwiegend aus Italien, Rumänien, Kasachstan und der Slowakei.

Schon kurzfristig dürften noch weit exotischere Namen in den Lieferlisten auftauchen. Denn immer mehr Länder drängen mit Nachdruck auf den lukrativen Markt. Auch in Argentinien, Australien und Äthiopien oder in China, Indien und Peru will man künftig am weltweiten Bio-Boom partizipieren. Die Statistiker von IFOAM melden alleine für 2011 einen Zuwachs von 200.000 Produzenten auf weltweit 1,8 Millionen Betriebe.

Schere zwischen Konsum und Anbau geht auseinander

Damit sind Dimensionen erreicht, die mit den Vorstellungen von romantischen kleinen Höfen, auf denen jede Kuh noch einen Namen statt nur eine Nummer hat, nichts mehr viel zu tun haben. Berater Herrmann spricht daher auch schon von einer weltweiten Industrie. Der Verbraucher allerdings wird dadurch verunsichert. "Natürlich ist das Vertrauen in Ware aus der Heimat größer", sagt Berater Herrmann.

Doch die Bundesrepublik bleibt bei der aktuellen Entwicklung außen vor. Zwar gibt es hierzulande leichte Zuwächse bei den entsprechenden Kennzahlen: 2012 erhöhte sich die Zahl der Biobetriebe laut dem BÖLW um 600 auf nun 23.096. Gleichzeitig stieg die ökologisch bewirtschaftete Fläche um 2,7 Prozent auf 1,04 Millionen Hektar.

Die Wachstumsraten sind damit aber so gering wie nie zuvor. "Es hat fast keinen Fortschritt mehr gegeben beim Ökolandbau. Die Schere zwischen Konsum und eigener Produktion geht immer weiter auseinander", beschreibt Gerald Wehde vom Anbauverband Bioland.

Die große Dynamik findet in den Entwicklungsländern in Asien, Afrika und Amerika statt. In Mexiko zum Beispiel sind bereits knapp 170.000 Bauern biozertifiziert, in Uganda nähert sich die Zahl der 200.000er-Marke und in Indien gibt es mehr als eine halbe Million Biobauern.

Politik vernachlässigt Ökolandbau

Der Schuldige für die Stagnation in Deutschland ist längst ausgemacht: die Politik. Zwar hat sich die Bundesregierung seit Jahren die Förderung des Ökolandbaus auf die Fahnen geschrieben. Der bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angesiedelte Rat für Nachhaltige Entwicklung sieht für ökologisch bewirtschaftete Anbauflächen in Deutschland immerhin einen Zielanteil in Höhe von 20 Prozent vor.

Mit aktuell gut sechs Prozent steht diese Marke allerdings in weiter Ferne. Und schnelle Besserung scheint nicht in Sicht. "Die Bundesregierung hat es bislang versäumt, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen", begründet Felix Prinz zu Löwenstein, der Vorstandsvorsitzende des BÖLW.

Der Bio-Markt sei daher wie ein Auto mit den Verbrauchern als starkem Motor und den politischen Rahmenbedingungen als angezogene Handbremse. "Die Politik muss nun die Bremsen lösen und alle Register ziehen, um das Wachstum des Ökolandbaus zu beschleunigen."

Agrarflächen für Produktion von Biogas genutzt

Gemeint ist zum Beispiel die Konkurrenz um Agrarflächen, insbesondere mit den Anbietern von Biogas und Biodiesel. Denn der dafür massenhaft angebaute Mais und Raps lässt die Pachtpreise explodieren. In Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen werden bei Neuverpachtungen mittlerweile 1.000 Euro pro Hektar Land ausgerufen.

Während solche Summen für die über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) großzügig geförderten Bioenergie-Anbieter problemlos finanzierbar sind, müssen die Ökobauern passen. Denn deren Grenzkosten liegen dem Verband Bioland zufolge bei rund 400 bis 500 Euro.

Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) will Bio-Landwirte daher finanziell besser unterstützen. Ab 2014 sollen die Fördersätze für die Einführung und Beibehaltung des Ökolandbaus erhöht werden, aus Mitteln für die Gemeinschaftsaufgabe der Agrarstruktur und des Küstenschutzes. Aigner fordert zudem die Bundesländer auf, die Bauern mehr zu unterstützen.

Förderung für Ökolandwirtschaft reicht nicht aus

Einige Länder hatten 2011 Übergangshilfen gestrichen. Sie werden zum Beispiel gezahlt während der dreijährigen Umstellungszeit. In dieser Phase nämlich muss ein Landwirt bereits nach den strengen Ökostandards produzieren, seine Ernte allerdings darf er nur als konventionelle Ware verkaufen – und damit zu geringeren Preisen.

In Nordrhein-Westfalen liegt der Fördersatz bei 400 Euro pro Hektar in den beiden ersten Jahren, ab dem dritten Jahr sinkt er dann auf 180 Euro. "Das reicht nicht bei vierstelligen Pachtpreisen", klagt Gerald Wehde von Bioland.

Er sieht großen Nachholbedarf für die Öko-Landwirtschaft in Deutschland. "Wir brauchen auf absehbare Zeit ein Flächenwachstum von mindestens zehn Prozent pro Jahr." Passieren dürfte das allerdings nicht. Zumal sich die konventionelle Ware 2012 preislich den Bioprodukten angenähert hat.

Rindfleisch aus ökologischer Erzeugung zum Beispiel ist nur noch rund sechs Prozent teurer. Der mecklenburgische Agrar- und Umweltminister Till Backhaus (SPD) sieht daher die Gefahr eines Rückumstiegs.

Marktchancen für Importe steigen

"Viele Öko-Betriebe denken inzwischen sehr genau darüber nach, ob sie so weitermachen sollen", sagte der Politiker auf einer Veranstaltung des Deutschen Bauernverbandes auf der Biofach. Und auch den Importen gibt er eine Mitschuld an der Misere der Öko-Bauern. "Bioprodukte sind wegen Importen aus dem Ausland inzwischen so preiswert, dass sich der Ökoanbau in Deutschland immer weniger lohnt."

Das erhöht die Marktchancen für die Farmer in anderen Ländern. In Rumänien zum Beispiel hat sich die Zahl der Bio-Höfe seit 2010 von 3.000 auf mehr als 26.000 vervielfacht. Und Deutschland ist dabei ein guter Abnehmer: Mehr als ein Viertel der Körnermais-Importe stammen aus Rumänien, das entspricht nahezu der gesamten Ernte des Landes.

Quelle: dapd
21.10.2012 1:31 min.
Es sieht aus wie Ödland, doch im ägyptischen Nuweiba können Bio-Bauern und gut von ihrem landwirtschaftlichen Ertrag leben. Darüber hinaus wollen sie auch mehr sogenannte Agrar-Touristen anlocken.
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