15.02.13

Zughersteller

Bombardier soll für die Berliner S-Bahn-Krise zahlen

Die Deutsche Bahn macht den Zuglieferanten mitverantwortlich für das Chaos ihrer Berliner Tochter - und will Schadenersatz in Millionen-Höhe.

Von Thomas Fülling
Foto: dpa

Die Berliner S-Bahn hat Probleme mit den Zügen - angeblich lieferte schon der Hersteller mit Mängeln
Die Berliner S-Bahn hat Probleme mit den Zügen - angeblich lieferte schon der Hersteller mit Mängeln

Verspätungen, Ausfälle und verkürzte Züge – seit fast vier Jahren ist dies stressiger Alltag für viele Fahrgäste der Berliner S-Bahn. Doch die Deutsche Bahn als Eigentümer ist offenbar nicht länger gewillt, die Schuld für all diese Ärgernisse allein auf sich zu nehmen. Nach Informationen der Berliner Morgenpost will der Staatskonzern den kanadischen Zughersteller Bombardier Transportation, der in Berlin seinen Deutschland-Sitz hat, für die S-Bahn-Krise mit in Regress nehmen. Dabei geht es um Schadenersatzforderungen im Bereich eines "hohen dreistelligen Millionenbetrags".

Der inzwischen zu Bombardier gehörende Hersteller Adtranz hatte zwischen 1996 und 2004 im brandenburgischen Hennigsdorf insgesamt 500 Zwei-Wagen-Einheiten – sogenannte Viertelzüge – gebaut, die seither den Hauptbestand der Berliner S-Bahn bilden. Doch nach einem Radbruch an einem Zug dieser Baureihe im Mai 2009 wurde deutlich, dass wichtige Komponenten der Züge nicht den Sicherheitsanforderungen des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA) entsprachen. Dazu gehörten unter anderem die Radscheiben, die Achsen und die Bremsanlagen. Allerdings stellte sich auch heraus, dass die S-Bahn aus Kostengründen jahrelang an der Wartung und Instandhaltung der Züge gespart hatte. Aufgrund von Auflagen des EBA musste die S-Bahn zeitweise bis zu drei Viertel ihrer gesamten Flotte aus dem Verkehr ziehen. Das Nachsehen hatten vor allem die Fahrgäste, die oft länger oder gar vergebens auf ihren Zug warten mussten. Bis heute kann die S-Bahn aufgrund der störanfälligen Technik nicht die vertraglich zugesicherten 562 Viertelzüge im morgendlichen Berufsverkehr zum Einsatz bringen. Zuletzt waren etwa 510 Doppelwagen in Berlin unterwegs.

Entschuldigungspakete für Kunden

Um überhaupt dieses Niveau zu erreichen, hatte das Verkehrsunternehmen kräftig investieren müssen. Unter anderem sind bei allen Zügen die bruchgefährdeten Räder und Achsen ausgetauscht worden. Doch auch die Fahrmotoren und Bremsanlagen musste die S-Bahn im großen Stil erneuern und modernisieren lassen. Allein der Radsatztausch hat das Unternehmen rund 50 Millionen Euro gekostet. Noch einmal so viel Geld musste die S-Bahn für andere technische Programme zur Ertüchtigung der Züge aller drei Baureihen ausgeben. Hinzu kamen Strafabzüge der Länder für nicht erbrachte Leistungen von bisher 150 Millionen Euro sowie weitere 150 Millionen Euro für sogenannte Entschuldigungspakete an die Fahrgäste. Diese hatten in den Jahren 2009, 2010 und 2011 wegen der vielen Zugausfälle verbilligte Tickets und Monatskarten erhalten. Insgesamt, so ein Insider, sind der Bahntochter infolge der S-Bahn-Krise Schäden von 400 Millionen Euro entstanden, die wiederum für tiefrote Bilanzzahlen sorgten. Allein 2010 wies die Bilanz der S-Bahn Berlin GmbH ein Defizit von 222 Millionen Euro aus, 2011 war es immer noch ein Verlust von 45 Millionen Euro, der wiederum komplett von der Konzernmutter Deutsche Bahn AG ausgeglichen wurde. Auch für 2012 rechnet die Berliner S-Bahn mit einem Minus in der Jahresbilanz.

Nicht die erste Klage

Es habe bereits umfangreiche Bemühungen gegeben, Bombardier an der Lösung der S-Bahn-Probleme zu beteiligen. Der Fahrzeughersteller habe zwar Hilfe zugesagt, aber nicht viel getan, heißt es. "Bombardier hat sich bisher ganz aus der Verantwortung gestohlen", sagte ein Bahnmanager. Nun ist offenbar die Geduld des Bahnkonzerns am Ende. Es würden derzeit Schritte gegen den Fahrzeughersteller geprüft, die in eine Schadenersatzklage münden könnten.

Es wäre nicht die erste Klage. Bereits in zwei anderen Fällen geht die Deutsche Bahn juristisch gegen Bombardier vor, der nach eigenen Angaben einen Anteil von 40 Prozent am deutschen Schienenfahrzeugmarkt hat. So ist am Landgericht Berlin unter dem Aktenzeichen 97O-23/06 eine Klage anhängig, in der die Bahn von Bombardier Schadenersatz in Höhe von 160 Millionen Euro fordert. In dem Streit geht es um rund 200 von Bombardier gelieferte Regionalzüge. Bei den auch als RegioSwinger bekannten Zügen der Baureihen VT611 und VT612, die vor allem in Süddeutschland unterwegs sind, gab es wiederholt Probleme mit der Neigetechnik und den Achsen. Die Vorwürfe würden derzeit von einem Sachverständigen geprüft, einen Termin für eine mündliche Verhandlung gebe es noch nicht, sagte ein Gerichtssprecher.

Probleme mit den Bremsen

In einem weiteren in München anhängigen Verfahren geht es laut "Süddeutscher Zeitung" um S-Bahn- und Regionalzüge, bei denen immer wieder Probleme mit den Bremsen aufgetreten sind. Das EBA hatte deshalb zeitweise die zulässige Höchstgeschwindigkeit reduziert und angeordnet, dass die Fahrzeuge deutlich häufiger gewartet werden müssen. Deutliche Parallelen zu den Problemen im Berliner S-Bahn-Verkehr.

Ein Sprecher von Bombardier wollte die Streitfälle mit der Bahn wegen der laufenden Verfahren nicht kommentieren. Aus der Zentrale in Berlin hieß es aber, dass sich intensiv um eine Lösung der Konflikte bemüht werde. Bombardier hofft unterdessen auf Millionenaufträge für den Bau neuer Triebwagen für die S-Bahn in Hamburg und in Berlin.

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