14.02.13

Insider-Bericht

Wie die Deutschen beim Fleisch betrogen werden

Ein Insider erklärt, was auf dem Weg vom Bauernhof zum Verbraucher alles passiert: Durch endlose Lieferketten werde aus Fleisch ein "Verschnitt" – die Rückverfolgbarkeit sei "eine Farce".

Von Hagen Seidel
Quelle: Reuters
14.02.13 1:23 min.
Die deutsche Supermarktkette Real teilte mit, man habe in Tiefkühl-Lasagne Pferdefleisch entdeckt. NRW-Umweltminister Remmel schloss nicht aus, dass gesundheitliche Risiken entstanden sein könnten.

Der Mann kennt sich aus im Fleischhandel. Seit vielen Jahren ist er in der Branche tätig. Er ist kein Gescheiterter, der offene Rechnungen begleichen will. Sondern ein erfolgreicher Unternehmer, der sich schon lange darüber ärgert, dass dem niedrigen Preis in seiner Branche fast alles untergeordnet wird.

"Die Sache mit der Rückverfolgbarkeit etwa von Hackfleisch funktioniert meistens nicht, die ist eine Farce", sagt er. Denn in vielen Fällen werde die Ware so oft mit anderer Ware gemischt, dass am Ende niemand mehr sagen könne, woher dieses Kilo Hackfleisch wirklich kommt.

Angesichts des Pferdefleischskandals legt er für die "Welt" die ziemlich unappetitliche Lieferkette von Billig-Rindfleisch exemplarisch offen. Seinen Namen will er nicht nennen – denn das wäre schlecht für das Geschäft.

Die Reise der späteren Burger- oder Lasagne-Füllung beginnt ganz idyllisch auf irgendeinem Bauernhof in irgendeinem Land der EU. "Wenn es kein riesiger Betrieb ist, wird der Landwirt nach der Aufzucht vielleicht 20 oder 30 Rinder zur Schlachtung geben. Das reicht aber nicht hinten und nicht vorne, um eine große Bestellung befriedigen zu können. Also bestellt der Aufkäufer bei zehn oder mehr Betrieben jeweils 20 oder 30 Tiere. Und schon haben wir bei der Schlachtung zahllose unterschiedliche Züchtungen, Fütterungen oder Blutlinien zusammen, ein buntes Gemisch", sagt unser Experte.

Nach der Schlachtung ist der Zerlegebetrieb schon die dritte Station auf dem langen Weg zum Teller des Endverbrauchers.

Halbierte Rinder

Jetzt werden die Rinder halbiert und dann in noch kleinere Teile zerlegt. "Für den Export reicht diese Menge aber in der Regel noch nicht, wenn ein Kunde zum Beispiel die zerlegten Teile von 500 oder 1000 Tieren bestellt hat. Je mehr Ware pro Transport verschickt wird, desto niedriger sind halt die Transportkosten pro Stück. Also sammelt der Zerlegebetrieb weitere Lieferungen, bis er die Teile von 1000 Rindern zusammenhat."

Vielleicht wird sogar noch der Ausstoß von drei oder vier Zerlegebetrieben gesammelt, bevor das tiefgefrorene Fleisch in die Container oder Lkws kommt. Das sind dann die Lieferketten-Schritte fünf und sechs. Schon jetzt könne man kaum noch sagen, welches Stück von welchem Hof kommt.

Schlimmer noch: "Wenn irgendwer dem Aufkäufer bei einer dieser Stationen das Angebot macht, ein paar Hundert Kilo Fleisch deutlich günstiger anzubieten, und auf der Käuferseite jemand beide Augen zudrückt, dann haben Sie ruckzuck Pferdefleisch in Ihrer Lieferung, die immer noch als reines Rindfleisch deklariert ist. Von außen kann man so eine Beimengung nicht erkennen, Pferdefleisch sieht aus wie Rindfleisch. Und riechen kann man den Unterschied auch nicht", sagt der Insider. "Das könnte auch in Deutschland passieren."

Zwar gebe es Schnelltests, mit denen über die Untersuchung der Dichte und des pH-Wertes zu ermitteln sei, ob das angebliche Rindfleisch wirklich Rindfleisch ist.

"Aber ich kenne nur sehr wenige Steakhouseketten in Deutschland, die diese Tests wirklich anwenden. Sie bringen zwar Sicherheit, aber sie kosten ein wenig Geld. Deshalb wird das nicht gemacht."

Niemand fühlt sich zuständig

Für den Transport der Ware fühle sich niemand wirklich zuständig, weil das Fleisch dauernd den Besitzer wechsele. "Der Exporteur nimmt einfach die Spedition, die ihm den günstigsten Preis bietet, alles andere interessiert den nicht. Ob da die Kühlkette wirklich nicht unterbrochen wird, kümmert keinen."

Unser Mann fragt sich: "Warum nehmen die Lebensmittelketten den Transport nicht in ihre Obhut? Warum kaufen sie die Ware nicht gleich am Anfang der Kette, sondern am Ende? Das frühe Einsteigen würde die Qualität und die Sicherheit dramatisch heben, weil sich der Händler dann verantwortlich fühlen würde. Jeder T-Shirt-Händler kümmert sich selber um den Transport der Ware. Nur ausgerechnet bei Lebensmitteln passiert das nicht."

Der ständige Eigentümerwechsel sei allerdings auch bei anderen Produkten ein Problem. Unser Experte weiß von Obst- und Gemüsehändlern, deren Paletten innerhalb von einer Woche fünfmal die Eigentümer wechselten, ohne dass sie auch nur einen Meter bewegt wurden.

"Am Ende weiß trotz der vielen Dokumente keiner mehr zweifelsfrei, wo die Ware wirklich herkommt. Faktisch kommt sie von einem anonymen Produzenten. Die ganze Rückverfolgbarkeit ist eine Farce."

Lieferkette Teil sieben

Zurück zu unserer Fleischlieferung: Kommt sie nun endlich in Deutschland an, ist der Importeur mindestens schon die siebente Hand, durch die die Ware geht. "Und mit dem wird die gesamte bisherige Sammelprozedur jetzt rückwärts abgewickelt: Der Importeur nimmt die Lieferung für seine verschiedenen Kunden wieder auseinander."

Und das sind wahrscheinlich erst einmal Großhändler, die kleinere Pakete dann an Zwischenhändler weiterverkaufen. Damit wird die Zahl der Stationen unserer Ware schnell zweistellig. Erst jetzt geht das Fleisch – nach Ansicht unseres Experten längst "ein Verschnitt, ein anonymes Produkt" – dann irgendwann tatsächlich als Hackfleisch zum Endverbraucher.

Erst am Ende des langen Weges wird aus dem schieren Stück das Hackfleisch. Das darf nach dem Hacken nur noch einmal eingefroren werden.

Soll das Fleisch zum Bestandteil einer Lasagne oder eines Burgers werden, setzt sich die Odyssee noch fort: Dann geht es zu den Weiterverarbeitungsbetrieben, die aus unserem Fleisch mit anderen Zutaten, die ähnliche Europareisen hinter sich haben können, Lasagne, Pizza oder Burger machen. Längst ist das Fleisch durch viele Hände gegangen.

"Jede dieser Hände will etwas daran verdienen, überall wird gespart und der Preis gedrückt. Das muss auf Kosten der Qualität und Transparenz gehen. Und je mehr Stationen es gibt, desto größer wird die Gefahr, dass sich jemand nicht an die Vorschriften hält und betrügt."

Ketten können nicht sagen, woher das Fleisch kommt

Die Supermarkt- oder Discountunternehmen am Ende dieser Lieferkette könnten gar nicht sagen, woher ihr Fleisch tatsächlich kommt, selbst wenn sie den Eindruck erweckten. "Sie berufen sich auf die Bestätigungen ihrer Lieferanten, die nicht wirklich nachzuvollziehen sind. Das reicht den meisten Handelsketten auch völlig aus."

Würden sie früher in die Lieferkette einsteigen, könnte es sogar noch Geld sparen: "weil dann weniger Beteiligte die Hand aufhalten könnten".

Nach Ansicht unseres Experten forcieren manche Händler den Druck auf die Qualität sogar: "Wenn die Handelsketten Zahlungsziele von 70 oder 80 Tagen durchgedrückt haben, die Lieferanten ihr Geld also frühestens zwei Monate nach der Übergabe erhalten – glauben Sie dann, dass sie diesen Ketten ihre allerbeste Ware schicken?"

Viele Verbraucher ahnten, dass mit ihren Lebensmitteln so arglos umgegangen wird, meint der Kenner der Branche. "Aber die meisten Leute wollen einfach belogen werden. Die Wahrheit will doch keiner hören."

Und wie geht unser kritischer Experte mit all diesen Machenschaften in seiner Branche um? "In unserem Unternehmen versuchen wir, die Zahl der Zwischenschritte auf dem Weg vom produzierenden Betrieb zu uns so weit wie möglich zu reduzieren. Im Idealfall kaufen wir über langfristige Kontrakte direkt vom Bauern. Dann haben wir die gesamte Lieferkette in unseren Händen. Und das bringt die Sicherheit, dass uns niemand abzockt oder etwas untermischt, was wir nicht haben wollen."

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Pferdefleisch-Skandal
  • 15. Januar 2013:

    Die Lebensmittelaufsicht in Irland teilt mit, Spuren von Pferdefleisch in einigen Rindfleisch-Hamburgern entdeckt zu haben. Sie wurden in britischen Supermärkten wie Tesco angeboten. Die irischen Inspekteure lokalisieren die Quelle in zwei Verarbeitungsanlagen in Irland und in einer Fleischfabrik in England. In einigen Hamburgern wurden zudem DNS-Spuren vom Schwein entdeckt.

  • 16. Januar:

    Die britische Behörde für Lebensmittelsicherheit ordnet Untersuchungen an, wie Spuren von Pferdefleisch und Schweine-DNS in eine Reihe von Rindfleischprodukten gelangen konnten, die in Großbritannien und Irland verkauft werden.

  • 31. Januar:

    Die Fast-Food-Kette Burger King Worldwide berichtet, bei einem Hamburger-Lieferanten Spuren von Pferdefleisch entdeckt zu haben, der Schnellrestaurants der Kette in Großbritannien, Irland und Dänemark bediente. Die kontaminierten Produkte seien zwar in keinem der Burger-King-Restaurants verkauft worden, dennoch habe man den Anbieter gewechselt.

  • 6. Februar:

    Der Tiefkühlkosthersteller Findus meldet den britischen Lebensmittelbehörden, dass in einigen seiner Rindfleisch-Lasagne-Gerichte Pferdefleisch enthalten war. Die Firma hatte die Artikel zurückgezogen, nachdem ihr französischer Zulieferer Comigel wegen des Fleisches in Verdacht geraten war. In den Fertigmenüs waren bis zu 100 Prozent Pferdefleisch enthalten, berichten die Lebensmittelkontrolleure.

  • 7. Februar:

    Die Supermarktkette Aldi berichtet, aus ihren Märkten in Großbritannien zwei Angebote aus dem Verkehr gezogen zu haben. Es handele sich um eine Rindfleisch-Lasagne sowie ein Spaghetti-Bolognese-Gericht. Beide stammten ebenfalls vom französischen Lieferanten Comigel.

  • 9. Februar:

    Die französische Regierung teilt mit, anfängliche Ermittlungen bei Comigel deuteten auf eine komplexe Lieferkette für das betreffende Fleisch hin. Sie führe von der Luxemburger Verarbeitungsanlage der Firma, in der Tiefkühlkost hergestellt werde, zu rumänischen Schlachthöfen. Dazwischengeschaltet seien niederländische und zyprische Nahrungsmittelhändler und ein weiterer französischer Anbieter.

  • 10. Februar:

    Sieben Einzelhandelsunternehmen, darunter Ketten wie Carrefour, Groupe Casino und Auchan Groupe, rufen einige Tiefkühlfertiggerichte zurück, die von Findus und Comigel stammen. Es handelt sich um Lasagne, Spaghetti Bolognaise und Moussaka.

  • 11. Februar:

    Die britische Regierung erklärt, es scheine sich um „kriminelle Machenschaften“ zu handeln. Offensichtlich werde „versucht, die Verbraucher zu betrügen“. Der rumänische Ministerpräsident reagiert verärgert auf Andeutungen, die Schuldigen seien in seinem Land zu suchen. In Rumänien sei es zu keinen Betrugsfällen mit falsch deklariertem Fleisch gekommen.

  • 13. Februar:

    Dem nordrhein-westfälischen Verbraucherschutzministerium liegt eine Liste vor, wonach die falsch gekennzeichnete Lasagne auch nach Deutschland geliefert worden sein soll.

  • 14. Februar:

    In Großbritannien werden drei Verdächtige in zwei verschiedenen Fleischbetrieben festgenommen. Zuvor hatte es dort Razzien gegeben.

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