13.02.13

Autobranche

Das sind die großen Probleme bei Peugeot Citroën

Frankreichs Automobilhersteller PSA Peugeot Citroën hat den größten Verlust aller Zeiten verbucht. Der Autobauer ächzt unter dem stotternden Heimatmarkt. Doch zwei Trümpfe hat er noch.

Von Nikolaus Doll und Gesche Wüpper
Foto: Reuters

Philippe Varin, Vorstandschef des Autobauers PSA Peugeot Citroën
Philippe Varin, Vorstandschef des Autobauers PSA Peugeot Citroën

Sonderlich geknickt sah Philippe Varin bei seinem Auftritt in Paris nicht aus. Vor einem Jahr hatte der Vorstandschef des französischen Automobilherstellers PSA Peugeot Citroën beinnahe deprimiert gewirkt, als er für die Automobilsparte allein im zweiten Halbjahr 2011 einen operativen Verlust von fast 500 Millionen Euro verkünden musste. Inzwischen steht es schlimmer um das Unternehmen, viel schlimmer.

Mehr als fünf Milliarden Euro Verlust hat der nach Volkswagen zweitgrößte Autobauer Europas im vergangenen Jahr verbucht, den höchsten in der Geschichte des Unternehmens. Doch Varin gab sich kämpferisch: "Wir haben noch zwei Trümpfe", sagte er.

Das Milliardenminus ist ein Schock, allerdings befindet sich PSA Peugeot Citroën nicht alleine auf der Verliererstrecke. Kaum einer der Automobilhersteller, der seinen Fokus auf dem Europageschäft hat, so wie PSA, ist derzeit erfolgreich unterwegs. Es sei denn, er konzentriert sich überwiegend auf das weniger krisenanfällige Geschäft mit Oberklasselimousinen wie BMW, Mercedes oder Audi.

Opel wird vermutlich für das vergangene Jahr einen Verlust von 1,4 Milliarden Euro ausweisen, Ford Europe schätzungsweise ein Minus von 1,2 Milliarden Euro. Fiat hat dramatische Probleme in Europa. Und der Absatzrekord 2012 von Renault geht auf die Erfolge der Billigmarke Dacia und des Partners Nissan zurück, der sich vor allem in den USA und China wacker schlägt.

PSA fehlt eine Stütze

Die Marke Renault selbst hatte vergangenes Jahr in Westeuropa einen Rückgang der Verkäufe von 6,3 Prozent hinnehmen müssen. Nur: PSA hat keine Stütze wie Nissan oder Dacia oder wie Fiat mit Chrysler, keinen Mutterkonzern wie Ford oder General Motors (GM), die die angeschlagenen Marken auffangen können. Das ist ein Grund, warum die Lage bei PSA so düster aussieht.

Dass Autokonzerne immer wieder in die Verlustzone rutschen und vor dem Aus zu stehen scheinen, ist beileibe nichts Neues. Chrysler wurde schon mehrmals tot gesagt, und derzeit zieht der US-Autobauer den Mutterkonzern Fiat aus der Krise.

Die Opel-Mutter GM brachte es fertig, allein im zweiten Quartal 2008 einen Verlust um rund zehn Milliarden Euro zu schreiben. Damals waren die USA nach Beurteilung der Statistiker zwar bereits in die Rezession gerutscht, aber der große Lehman-Schock stand bekanntlich noch aus. Doch bereits ohne die tiefgreifende Finanzkrise hatte GM in den drei Jahren zuvor 37 Milliarden Euro verbrannt.

Der US-Autokonzern hatte riesige Probleme, aber auch großes Potenzial, das ihn immer wieder rettet: Es gibt kaum eine Region der Welt, in der GM keine Autos verkauft. PSA ist auf dem größten Automarkt, den USA, nicht vertreten und in dem am stärksten wachsenden, China, zu schwach. Und PSA hat das – in diesem Fall – doppelte Pech, ein französisches Unternehmen zu sein.

Heimatmarkt schwächelt

Konzernchef Varin ist stark abhängig von einem Heimatmarkt, der stark schwächelt und der sich so rasch nicht erholen wird. Franzosen – wie Europäer insgesamt – neigen anders als Amerikaner nicht dazu, ungerührt wieder Geld auszugeben und die Autohäuser zu stürmen, kaum dass sich erste Anzeichen für eine konjunkturelle Erholung mehren.

Das eigentliche Manko ist allerdings der französische Staat. Der geriert sich in Wirtschaftsangelegenheit zwar gern als aktiver Protektor der heimischen Unternehmen und regiert selbst bei einem Unternehmen wie PSA, an dem der Staat gar keine Anteile hält, hinein. Das Ergebnis ist aber immer seltener ein positives, im Fall von PSA ist es unter anderem die Politik, die eine Erholung des Autobauers bremst, wenn nicht sogar verhindert.

An finanzieller Hilfe aus Paris liegt es dabei weniger. Die würde die Regierung sicher leisten, wenn das denn innerhalb der EU so einfach möglich wäre. Auch GM oder Chrysler haben letztlich nur überlebt, weil das Weiße Haus Milliarden in die Konzerne pumpte und sogar Teilhaber wurde.

Allerdings konnten drei US-Autobauer in den Krisenjahren um 2008 in den USA zum großen Befreiungsschlag ausholen, insgesamt Werke in zweistelliger Zahl schließen und zigtausende Arbeitsplätze streichen. Ihre gigantischen Schulden warfen GM und Chrysler dann während der Blitzinsolvenz 2009 ab.

Hohe Lohnstückkosten in Frankreich

In Frankreich verhindern in unschönem Einklang die Regierung und das Heer der streitbaren Gewerkschaften überfällige Einschnitte und strukturelle Anpassungen, die nötig wären, um die Wirtschaft des Landes voranzubringen. Nicht nur für die Automobilhersteller ist Frankreich derzeit ein Problemstandort.

Zwischen 2008 und 2012 ist das Bruttoinlandsprodukt in Frankreich um 0,4 Prozent geschrumpft, in Deutschland um 2,6 Prozent gewachsen. Die Lohnstückkosten sind praktisch die höchsten in ganz Europa, der Anteil der Industrie an der gesamten Wertschöpfung Frankreichs sinkt massiv.

Vergleicht man die Nachbarländer für das Jahr 2001, war die Staatsschuldenquote Frankreichs höher als in Deutschland, das Haushaltsdefizit deutlich größer, die Handelsbilanz schwächer und die Exportquote betrug mit 27 Prozent fast nur noch die Hälfte.

Das Umfeld für ein Industrieunternehmen wie PSA ist gelinde gesagt schwierig. Seit 1990 sinkt die Zahl produzierter Autos in Frankreich dramatisch, während die in Deutschland stetig steigt.

Allianz mit GM soll helfen

Doch PSA kämpft auch mit einer Reihe ausgemachter Fehler: der Konzentration auf den Markt Europa, ineffizienten Strukturen und einem wenig attraktives Modellangebot. Als Trümpfe, die alles nun zum Besseren wenden sollen, nannte Varin nun: "Unsere Allianz mit General Motors und eine neue Unternehmenskultur, die jetzt entsteht."

Zunächst sollen die Marken Peugeot und Citroën besser voneinander abgegrenzt werden. Peugeot soll aufgewertet, Citroën mit der DS-Serie im Premiumbereich positioniert werden und mit den C-Modellen auch günstige Autos anbieten. Zudem will Varin mehr neue Modelle innerhalb kürzerer Zeit anbieten, um seine Verkäufe anzukurbeln.

Die Investitionen sollen gezielter eingesetzt und die Rentabilität in Europa verbessert werden. Im zweiten Halbjahr möchte der Autobauer wie Renault mit den Gewerkschaften über die Produktivität der französischen Werke verhandeln.

Kooperationen sollen Milliarden einsparen

Die Kooperation mit GM und Opel bei der Entwicklung und dem Bau von neuen Modellen sowie beim Einkauf und der Logistik sollen Milliardeneinsparungen bringen. Zudem spinnt PSA sein Netz mit Partnern enger. Erst am Dienstag hatte Toyota eine neue Allianz bei Nutzfahrzeugen mit PSA bekannt gegeben.

Varin schloss weitere staatliche Hilfen oder einen Einstieg des französischen Staates in das Kapital des Autobauers aus. Die französische Regierung ebenso. Paris musste PSA bereits Ende letzten Jahres beispringen und Garantien für die Autobank Banque PSA Finance übernehmen.

Varins Mandat endet im Mai. Wie jetzt aus unternehmensnahen Kreisen verlautete, will die Eignerfamilie Peugeot ihr Mandat verlängern. "Ich bin so entschlossen wie nie, PSA aus den Problemen zu führen", sagte er. Das dürfte nicht einfach werden. Ein Ende der Autokrise in Europa ist nicht in Sicht.

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