13.02.13

Tourismus

Diese Aufgaben muss der neue TUI-Chef lösen

Ex-Vodafone-Manager Friedrich Joussen gibt seinen Einstand als neuer TUI-Chef. Er übernimmt einen Konzern in schwieriger Lage. Das hat er auch seinem Vorgänger zu verdanken.

Von Ernst August Ginten
Foto: dpa

TUI ist Europas größter Reise- und Touristikkonzern – 2002 hervorgegangen aus dem einstigen Industrie-Giganten Preussag
TUI ist Europas größter Reise- und Touristikkonzern – 2002 hervorgegangen aus dem einstigen Industrie-Giganten Preussag

So ein Coup gelingt nur wenigen: Zwei Tage vor seiner Bestellung zum Vorstandschef von Europas größtem Reisekonzern TUI, lächelte Friedrich Joussen die Leser der "Bild" auf der Titelseite als Gewinner an. "BILD meint: Mann von morgen!"

Mit soviel Lorbeeren dürfte für den meist gut gelaunten ehemaligen Vodafone-Spitzenmanager auf der TUI-Hauptversammlung in Hannover nichts mehr schief gehen.

Dort wird aber erst einmal der langjährige TUI-Chef Michael Frenzel noch einmal das abgelaufene Geschäftsjahr Revue passieren lassen. Dabei wird er den Aktionären erklären müssen, warum sie trotz eines operativen Rekordgewinns in Höhe von 745 Millionen Euro auch in diesem Jahr keine Dividende bekommen werden. Ein Grund: Kurz vor der Hauptversammlung gab der Konzern ein Minus im ersten Quartal von 137 Millionen Euro bekannt.

Joussen wird sich die kritischen Wortmeldungen interessiert anhören. Die TUI-Aktionäre sind für ihren barschen Ton berüchtigt und gelten als nicht zimperlich. Einen ersten Vorgeschmack, über das, was Joussen erwartet und was von im erwartet wird, hat er aber bereits bei ersten persönlichen Kontakten mit den beiden TUI-Großinvestoren, dem norwegischen Reeder John Fredriksen und dem russischen Oligarchen Alexej Mordashow, bekommen.

Beide kontrollieren rund 40 Prozent der TUI AG, Privatanleger sind dagegen nur noch mit 15 Prozent investiert. Der geringe Free Float war auch der Grund, warum die TUI vor fünf Jahren aus dem Börsen-Oberhaus Dax in die zweite Liga MDax absteigen musste. Für Frenzel war es das bittere Ende einer langen Reihe von Demütigungen.

Denn er stand im Mittelpunkt eines Machtkampfes zwischen Vorstand und Großaktionär, den es in Deutschland bislang so noch nicht gab. Zwar konnte er die von Fredriksen vehement geforderte Aufspaltung des Unternehmens in Touristik und Reederei verhindern. Aber der Aktienkurs der TUI AG stürzte zeitweise ins Bodenlose.

Ein verwirrendes Geschäftsmodell

Joussen wird nun also Chef dieser AG, die derzeit nicht mehr ist als die Holding für eine Unzahl von Beteiligungen an Reiseveranstaltern, Ferienfluggesellschaften wie TUIfly, Hotelketten oder auch einer Beteiligung an Deutschlands zweitgrößter Airline Air Berlin. Aber auch Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten und ein Anteilspaket an der Containerschifffahrts-Linie Hapag-Lloyd gehören zur TUI.

Das Herz des Konzerns schlägt derzeit aber in London. Dort leitet der Brite Peter Long die TUI Travel, zu der auch der Reiseveranstalter TUI-Deutschland gehört. TUI Travel ist an der Börse gelistet und gehört zu 56 Prozent der TUI AG – alles in allem ein kompliziertes Konstrukt. Es besteht also Handlungsbedarf. Aber um die Aktien der TUI-Travel einfach von der Börse zurückzukaufen fehlt der AG aus Deutschland derzeit schlicht das Geld.

Um die komplexe Gegenwart zu verstehen, muss man in das Jahr 2005 zurückgehen. Das Reisegeschäft erzielte auch wegen des immer noch nachwirkenden Schocks durch die Terroranschläge des 11. September 2001 nicht die erhofften Renditen. Im Rahmen des Umbaus der ehemaligen Preussag AG zu einem touristischen Großanbieter kontrollierte Frenzel auch die größte deutsche Containerschifffahrts-Linie Hapag-Lloyd.

Und die Hamburger besaßen neben ihren Schiffen auch eine Fluglinie, Reisebüros und eine Beteiligung von 30 Prozent an der Touristik Union International GmbH, kurz TUI. Das bedeutet: Hapag-Lloyd war die eigentlich Keimzelle des heutigen Tourismusriesen.

Sorgenkind Hapag-Lloyd

Ein für 2004 geplanter Börsengang der Container-Reederei scheiterte wegen des sich damals rapide verschlechterten Börsenklimas – aber angeblich wohl auch wegen einer eher negativen Hapag-Lloyd-Studie aus dem Hause Goldman Sachs. Besonders brisant daran war, dass Goldman-Sachs-Deutschlandchef Alexander Dibelius zur gleichen Zeit Frenzels Berater bei der Umsetzung des geplanten Börsengangs war.

Laut internen Protokollen entschloss sich der TUI-Vorstand im Laufe des Jahres 2005 dann dazu, die Schifffahrt als zweites Standbein und Gegengewicht zum eher zyklischen Reisegeschäft auszubauen. Dazu wurde die kanadisch-britische Reederei CP Ships übernommen, um Synergien zu heben. Ende des Jahres war TUI europäischer Marktführer im Tourismusgeschäft und weltweit die Nummer fünf in der Seelogistik – und mit mehreren Milliarden Euro hoch verschuldet.

Frenzel sah wenig später mit großer Sorge, wie 2006 beide Sparten gleichzeitige anfingen zu schwächeln. Zu spät und zu teuer gekauft, höhnten die Kritiker. Mit Sonderabschreibungen wies der Konzern für das Jahr 2006 ein Ergebnis von rund einer Milliarde Euro Verlust aus. Die Hauptversammlung geriet zum Tribunal.

Gleichzeitig startete der damalige Karstadt-Chef Thomas Middelhoff einen Anlauf, durch eine Fusion der Karstadt-Tochter Thomas Cook mit einem der großen Pauschalreiseveranstalter auf der britischen Insel zum europäischen Marktführer TUI aufzuschließen.

Zu der Zeit gab es große Überkapazitäten auf dem englischen Markt und das führte zu ruinösen Preiskämpfen zwischen den großen Veranstaltern wie der TUI-Tochter Thomson Travel, First Choice und My Travel. Middelhoff verhandelte mit beiden Gesellschaften und gab dem damaligen Chef von First Choice, Peter Long, des Gefühl, er sei der Auserwählte – um dann Thomas Cook mit My Travel zu verkuppeln.

Die Entstehung der zweiten TUI

Long war geschockt und suchte sofort den Kontakt zum TUI-Vorstand in Deutschland. Angesichts der Probleme mit Thomson Travel wurden Long und Frenzel schnell handelseinig. Sie brachten in Begleitung des damaligen Deutschlandchefs der US-Bank Morgan Stanley, Dirk Notheiß, den Deal über die Bühne. Die TUI AG bekam mit 55 Prozent die Mehrheit an der neuen TUI Travel. 2007 ging TUI Travel an die Börse. Seitdem können Aktionäre zwei unterschiedliche TUI-Aktien kaufen.

Frenzel fiel nach der erfolgreichen Erstnotierung auf dem Rückflug von London ein Stein vom Herzen. Das operative Tourismusgeschäft würde künftig Long leiten – mit Frenzel als Aufsichtsratschef. Die TUI AG würde die Hotels weiter managen und das wachstumsträchtige Geschäft mit den Kreuzfahrten vorantreiben und die Schifffahrt ausbauen. Das ging so weit, dass der Vorstand ernsthaft darüber nachdachte, die AG mit der Hapag-Lloyd zu verschmelzen.

Doch Frenzels Pläne erwiesen sich als zu optimistisch. Denn nach all den Maßnahmen geriet der TUI-Dampfer erst so richtig ins Schwanken. In den darauf folgenden Monaten vergrößerte Fredriksen sein TUI-Aktienpaket bei Kursen zwischen 16 und 19 Euro. Anfangs hatte der Norweger dem TUI-Vorstand noch freundliche Absichten signalisiert – aber je näher die Hauptversammlung im Mai 2008 rückte, desto direkter und aggressiver forderte Fredriksen von Vorstand und Aufsichtsrat die Aufspaltung der TUI in einen touristischen und logistischen Teil, um die Werthaltigkeit seines Investments zu erhöhen.

Fredriksens Vertrauter Olav Troim versuchte mit einer sehr emotionalen Rede auf der Hauptversammlung die Aktionäre hinter sich zu bringen – und scheiterte nur knapp. Frenzel, ansonsten in turbulenten Phasen eher kühl und betont sachlich, wirkte schwer angeschlagen. Bis heute hat er sich nie richtig von dieser Auseinandersetzung erholt.

In Hannover werden Stellen abgebaut

Jetzt, nach knapp 20 Jahren Frenzel-Herrschaft, betritt ein frisches Gesicht die Bühne. Friedrich Joussen ist so machtbewusst und gestaltungswillig, dass er die nächsten Jahre nicht tatenlos als Vorstandschef einer börsennotierten Holding ohne wesentliches operatives Geschäft verbringen will. In der "Hannoverschen Zeitung", also der Heimatzeitung der meisten deutschen TUI-Mitarbeiter, hat er bereits kundgetan, er sehe sich als "Jäger".

Er könne warten, bis sich eine Gelegenheit ergebe, die beiden börsennotierten TUI-Unternehmensteile zu vereinigen. Zwischen den Zeilen klingt durch, dass die Zentrale danach natürlich in Hannover sein wird. Das war eine Bedingung der starken Arbeitnehmervertreter im TUI-Aufsichtsrat, bevor sie der Berufung Joussens zum Vorstandschef zustimmten. Laut der Zeitung will Joussen aber zuvor von den 180 Stellen in der TUI-Holding mindestens ein Drittel abbauen.

Joussens fehlende Branchenkenntnis muss nicht schlecht sein für die TUI. Er hat jede Menge anderer Erfahrungen gemacht. Der fast zwei Meter große Mann hat 24 Jahre in der Mobilfunkbranche gearbeitet, die seitdem stetig gewachsen ist. Zuletzt hat er es sogar geschafft, in Deutschland an der Telekom vorbeizuziehen und Vodafone nach Kundenzahl zum Marktführer zu machen, was ihm den Beinamen "Telekom-Schreck" einbrachte.

Jetzt ist er aber Chef des Dinosauriers, der von allen Seiten durch junge innovative Anbieter mit starker Internetpräsenz angegriffen wird. Hier hat TUI noch viel Nachholbedarf und trotz großer technischer, finanzieller und organisatorischen Bemühungen noch keinen Weg gefunden, den Expedias dieser Welt Paroli bieten zu können.

Der Neue will weniger Flugzeuge

Joussen hat das Credo der TUI-Manager aufgesogen, dass nur derjenige künftig im Wettbewerb mithalten kann, dem die Verbraucher vertrauen und der exklusive Produkte anbieten kann. Davon hat die TUI eine ganze Menge, aber selbst in den eigenen 465 TUI-Reisebüros werden derzeit auch die Produkte der Konkurrenz verkauft. Das will er schnell ändern.

Künftig sollen eigene Reisebüros und exklusive Franchisepartner ausschließlich TUI-Produkte verkaufen. Auch ist ihm völlig unerklärlich, dass im ganzen Konzern eine respektable Flotte mit 140 Flugzeugen hauptsächlich im Sommer unterwegs ist, obwohl es erhebliche Überkapazitäten auf dem Flugmarkt gibt, die zeitweise sehr viel günstiger zu haben sind als die Angebote der eigenen Fluggesellschaften.

Diese Überlegungen zeigen, dass Joussen das von Frenzel so vehement verteidigte Konzept des integrierten Reiskonzern, also Betten, Flugzeuge und alle anderen touristischen Dienstleistungen aus einer Hand anzubieten, längst über Bord geschmissen hat. Er wird straffen, ordnen, abstoßen, um die hohen Renditeerwartungen der Großaktionäre erfüllen zu können – damit diese künftig zahmer sind.

Foto: pa/Hapag-Lloyd_Kreuzfahrten

Die "MS Europa" wurde 2012 zum 13. Mal in Folge als bestes Kreuzfahrtschiff der Welt ausgezeichnet. Wie in den Jahren davor erhielt das Flaggschiff von Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten als einziges Schiff vom Berlitz-Kreuzfahrtenführer die Bewertung "Fünf-Sterne-Plus".

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