12.02.13

Rüstungsskandal

Finmeccanica-Chef wegen Korruptionsverdacht in Haft

Bei einem Helikopter-Deal in Indien soll Schmiergeld geflossen sein. Der Chef des zweitgrößten italienischen Konzerns, Finmeccanica, muss dafür in Haft. Die Regierung macht den Prozess zur Chefsache.

Foto: REUTERS

Schmiergeld-Zahlungen werden Finmeccanica-Chef Giuseppe Orsi zur Last gelegt
Schmiergeld-Zahlungen werden Finmeccanica-Chef Giuseppe Orsi zur Last gelegt

Ein neuer Korruptionsskandal erschüttert Italien: Die Polizei nahm den Chef des Rüstungskonzerns Finmeccanica wegen Verdachts auf Bestechung fest. Giuseppe Orsi sei im Zusammenhang mit Ermittlungen wegen des Verkaufs von Helikoptern der Finmeccanica-Tochter AgustaWestland an die indische Regierung festgesetzt worden, verlautete es aus Justizkreisen.

Im Wahlkampf stehen die Skandale, die die Geschäftswelt Italiens seit einiger Zeit erschüttern, immer stärker in den Vordergrund. In die Schlagzeilen rückten unlängst auch die Banca Monte dei Paschi wegen hoher Verluste durch Derivategeschäfte sowie Schmiergeld-Ermittlungen beim Öldienstleister Saipem.

Ministerpräsident Mario Monti kündigte an, die italienische Regierung werde sich umgehend mit den Führungsproblemen bei Finmeccanica auseinandersetzen. Der Konzern, der mit rund 70.000 Mitarbeitern nach Fiat zweitgrößter Arbeitgeber des Landes ist, gehört zu etwa 30 Prozent dem italienischen Staat. In Italien wird am 24. und 25. Februar ein neues Parlament gewählt.

In knappen Stellungnahmen stellten sich Finmeccanica wie auch AgustaWestland an die Seite des Chefs und drückten die Hoffnung aus, dass dessen rechtliche Position so schnell wie möglich klargestellt werde. Der Eurocopter-Konkurrent versicherte, das Geschäft werde normal weitergeführt. Unternehmenskreisen zufolge wird erwogen, Finanzchef Alessandro Pansa vorübergehend weitere Aufgaben zu übertragen.

Schmiergelder an indische Kunden gezahlt

Die Aktie von Finmeccanica brach in Folge der Nachricht um mehr als acht Prozent ein. Die italienische Börsenaufsicht untersagte für Dienstag und Mittwoch Leerverkäufe von Aktien des Unternehmens. Dies soll verhindern, dass Hedgefonds auf einen weiteren Kursverfall setzen und damit die Aktie noch stärker unter Druck gerät.

Von Seiten des indischen Verteidigungsministeriums hieß es, man prüfe die Zahlung von Schmiergeldern in Höhe von 40 Millionen Rupien (umgerechnet 555.000 Euro) im Zusammenhang mit dem Kauf von einem Dutzend Hubschraubern. Man werde gegen Finmeccanica vorgehen, sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten.

Damit wäre das 560 Millionen Euro schwere Geschäfts voraussichtlich am Ende. Dies dürfte Finmeccanica empfindlich treffen, denn Indien wird als Kunde für Rüstungskonzerne immer wichtiger, seitdem die USA und Europa ihre Verteidigungsetats zusammenstreichen. Bereits jetzt ist Indien der weltgrößte Waffenimporteur.

Zum Zeitpunkt des Geschäfts mit Indien leitete Orsi die Helikopter-Sparte von Finmeccanica. Zuvor war der ehemalige Offizier der italienischen Luftwaffe lange Jahre Chef von AgustaWestland, dem Konzern, bei dem er 1973 seine berufliche Karriere begonnen hatte. Seit Mai 2011 ist er Chef von Finmeccanica. Die Ernennung wurde von der Liga Nord, dem damaligen Verbündeten von Ministerpräsident Silvio Berlusconi, unterstützt.

Der Korruptionsfall schwelt seit einem Jahr, bisher hat Orsi alle Vorwürfe zurückgewiesen. Aus Kreisen verlautete ebenfalls, dass der jetzige Chef von AgustaWestland, Bruno Spagnolini, sowie zwei weitere Manager unter Hausarrest gestellt wurden. Auch Bürogebäude des Rüstungskonzerns in Mailand wurden demnach durchsucht.

Bei früherer Affäre musste bereits ein Nato-Chef gehen

Der Hubschrauber-Hersteller hat bereits in der Vergangenheit mit Skandalen für Schlagzeilen gesorgt. Die sogenannte Agusta-Affäre brachte 1995 den damaligen Nato-Generalsekretär Willy Claes zu Fall. Er musste von dem Amt zurücktreten, weil in seiner Zeit als belgischer Wirtschaftsminister bei der Bestellung von Armeehelikoptern Schmiergelder in Höhe von 200 Millionen Belgischer Franc in Parteikassen geflossen waren.

Neben dem jüngsten Skandal kämpft Finmeccanica mit weitreichenden wirtschaftlichen Problemen und befindet sich mitten in einem umfassenden Konzernumbau. Ein weiterer Imageverlust könnte das Unternehmen teuer zu stehen kommen. Der Konzern mit Umsätzen von rund 17 Milliarden Euro im vergangenen Jahr sitzt auf einem Schuldenberg von fast fünf Milliarden Euro.

Um Verbindlichkeiten abzubauen, hat das Konglomerat sein Energie- und Transportgeschäft mit den Töchtern Ansaldo Energia und Ansaldo STS zum Verkauf gestellt. Bisher ist allerdings nur ein Minderheitenanteil am Luftfahrt-Geschäft der italienischen Avio veräußert worden. Dies brachte 260 Millionen Euro ein, womit Finmeccanica seine eigenen Ziele deutlich verfehlte. Jüngst stufte S&P die Kreditwürdigkeit des Unternehmens auf Ramsch herab.

Quelle: Reuters/me
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